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Plädoyer für „Digitalisierungsstrategie“

Wirtschaftsthemen des Jahres Plädoyer für „Digitalisierungsstrategie“

Der Fachkräftemangel bereitet den heimischen Unternehmen ebenso Sorge wie der vielerorts langsame Ausbau der Infrastruktur, um bei der Digitalisierung Schritt halten zu können.

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Klaus-Achim Wendel (56), geschäftsführender Gesellschafter von Wendel-Email und Vorsitzender des deutschen Emailverbands, ist seit 2015 Vorsitzender des Allgemeinen Arbeitgeberverbands Mittelhessen.

Quelle: Privatfoto

Dillenburg. Was braucht die Wirtschaft in Mittelhessen, um zukunftsfähig zu bleiben? Was kann Politik beitragen, und was müssen Unternehmer tun? ­Fragen an Klaus-Achim Wendel, Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes Mittelhessen.

OP: Herr Wendel, ein Blick zurück: War 2017 aus Sicht der regionalen Wirtschaft ein gutes Jahr?

Klaus-Achim Wendel: Ich denke, dass wir in der Gesamtschau sicherlich von einem wirtschaftlich erfolgreichen Jahr 2017 sprechen können. Ablesen kann man dies hier in der Region nicht nur an den weiterhin herausragenden Beschäftigungszahlen, sondern auch an der guten Geschäftslage in vielen Branchen, die auch eine wichtige Rolle in Mittelhessen spielen.

Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass auch bei überdurchschnittlich guten Ergebnissen am Ende immer auch Betriebe ums Überleben kämpfen müssen. Diese Tatsache dürfen wir alleine deswegen schon nicht außer Acht lassen, weil mit Herausforderungen wie ­Digitalisierung, Fachkräftemangel und steigenden Lohnkosten weiterhin ein gewaltiger Investitionsbedarf in Mitarbeiter und neue Maschinen auf die Unternehmen zukommen wird.

OP: Sie haben bereits einige angesprochen: Welche Themen sehen Sie als die wichtigsten drei für die Wirtschaft in Mittelhessen in 2018 an und warum?

Wendel: Erstens die Digitalisierung, weil nicht nur das mobile Arbeiten oder die Online-Fernwartung in Zukunft in vielen Branchen eine entscheidende Rolle spielen werden, sondern auch vernetzte und selbstlernende Maschinen, das Internet der Dinge oder Einsatz von künstlicher Intelligenz.

Zweitens die Gewinnung von Fachkräften, weil unsere Unternehmen darauf angewiesen sind, gute und geeignete Bewerber für die zu besetzenden Stellen zu finden, egal, ob als Auszubildende, Facharbeiter oder Akademiker. Nur so können die Betriebe sicherstellen, auch in Zukunft wettbewerbsfähige Produkte und Dienstleistungen anbieten zu können, um so bestehende Arbeitsplätze nachhaltig zu sichern.

Und drittens die Landtagswahl 2018, weil hier die politischen Weichen für die nächsten fünf Jahre gestellt werden. Besonders bei Themen wie Bildung, Wirtschaftsförderung und der nachhaltigen Integration von Flüchtlingen kommt es maßgeblich auf die Entscheidungen der Landesregierung an, in welche Richtung sich Hessen in der Zukunft entwickelt.

OP: Was muss auf lokaler Ebene getan werden, um optimale Entwicklungsmöglichkeiten für die digitale Zukunft in den Unternehmen zu schaffen?

Wendel: Die Kommunen und Landkreise müssen in jedem Fall durch einen schnellen und umfassenden Ausbau der Breitbandnetze die Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Start in eine digitale Welt schaffen. Hier sehen wir aber auch das Land Hessen in der Verantwortung, eine gemeinsame Digitalisierungsstrategie zu entwickeln, die es unseren Unternehmen ermöglicht, mit schnellen Netzwerken moderne Produkte und Dienstleistungen anbieten zu können, egal, ob in der Dillenburger Innenstadt oder mitten im Vogelsberg.

OP: Thema Fachkräfte: Welche Ideen können den heimischen Unternehmen helfen, geeignete Bewerber zum Beispiel für einen der vielen Ausbildungsberufe zu finden?

Wendel: Der gesamte Bereich der Berufsorientierung an Schulen hat hier in den vergangenen Jahren immer weiter an Wichtigkeit gewonnen. Jugendliche, die im Laufe ihrer Schulzeit bereits erste gezielte Erfahrungen in der Arbeitswelt sammeln, können meist gut einschätzen, welche Berufe ihren Fähigkeiten und Neigungen entsprechen und welche eben nicht.

Auf diese Weise wird eine falsche Wahl bei der Ausbildung und somit ein klassischer Fehlstart in die berufliche Karriere in aller Regel ausgeschlossen. Hier stehen die heimischen Unternehmen den mittelhessischen Schulen jederzeit gerne als Partner zur Verfügung.

OP: Welche politischen Entscheidungen müssen 2018 getroffen werden, die aus Ihrer Sicht für die Wirtschaft relevant sind?

Wendel: Ich denke, es ist wenig zielführend, sich in Zeiten einer komplizierten Regierungsbildung mit konkreten wirtschaftspolitischen Entscheidungen zu beschäftigen. Wichtige Themen wie die Deckelung der Lohnnebenkosten auf maximal 40 Prozent oder beispielsweise eine zukunftsfähige Energiepolitik können nur von einer stabilen Bundesregierung vorbereitet und umgesetzt werden.

Daher würde ich mir im Moment mehr wünschen, dass nach dem Scheitern der Jamaika-Gespräche mögliche Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD nicht erneut von Maximalforderungen belastet werden. Nach teuren Fehlentwicklungen aus der letzten Legislaturperiode, wie beispielsweise die Rente mit 63, ist nun definitiv die falsche Zeit für neue Kostentreiber – wie zum Beispiel die Einführung einer Bürgerversicherung.

Fachkräftemangel, Arbeitsplatzabbau oder Veränderung  durch Digitalisierung, neue Formen von Arbeitszeit – solche Themen werden künftig Arbeitgeber und Arbeitnehmer beschäftigen. Es müssen Aufgaben gemeinsam gelöst werden.

OP: Sie sind Unternehmer: Wie sollten Firmen ihre Mitarbeiter motivieren, für Veränderungen begeistern, ein gutes Klima schaffen? Haben Sie einen Rat? Oder praktische Tipps?

Wendel: Wichtig ist aus meiner Sicht immer die Schaffung einer Atmosphäre des Miteinanders zwischen Unternehmensleitung und den Mitarbeitern. Wenn es gelingt, eine gute Gesprächskultur zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu entwickeln, werden nicht nur viele Missverständnisse vermieden.

Vielmehr bietet der offene Dialog häufig die Chance, bei der Belegschaft auch Verständnis für schwierige Themen zu wecken oder von den Mitarbeitern erfolgversprechende und praktische Lösungen für Herausforderungen im täglichen betrieblichen Ablauf zu erhalten. Wenn ein solcher respektvoller Umgang von der Geschäftsführung bis zum Hilfsarbeiter gelebt wird, können gemeinsam viele Widrigkeiten gemeistert werden.

von Maike Wessolowski

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