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Hinterland Fährt Salzbödebahn wieder durch Gladenbach?
Landkreis Hinterland Fährt Salzbödebahn wieder durch Gladenbach?
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00:17 14.06.2018
Eine Machbarkeitsstudie soll beleuchten, ob die ehemalige Strecke der Salzbödebahn wiederbelebt werden kann.  Quelle: Mark Adel
Gladenbach

„Einfach mal weiterdenken“: So lautete der ­Appell des Ersten Kreisbeigeordneten Marian Zachow (CDU) in Gladenbach. Der Verkehrsdezernent skizzierte den Mitgliedern des städtischen Bau- und Planungsausschusses ein mögliches Betriebskonzept für eine neue Bahnlinie zwischen Niederwalgern und Hartenrod. Gladenbach könnte dabei ein wichtiges „Drehkreuz“ sein.

Seit gut einem halben Jahr überlegen Kurhessenbahn und Kreis, ob der ehemalige Streckenabschnitt der Aar-Salzböde-Bahn reaktiviert werden kann. Dazu gibt es konkrete Vorstellungen mit neuen Haltepunkten und zusätzlichen Busverbindungen. Im Sommer, so der Plan, soll eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben werden. Bis März 2019 könnte dann laut Zachow ein Ergebnis vorliegen.

Als „verkehrspolitisch falsch“ und „kommunalpolitisch unvermeidlich“ bezeichnete der Vize-Landrat die 1995 erfolgte Stilllegung der Bahnlinie. „Heute würde in eine solche Strecke zweifelsohne investiert und ein attraktives Angebot realisiert“, sagte Zachow. Denn das Kundenpotenzial sei vorhanden. Der Kosten-Nutzen-Faktor sei deutlich höher als bei anderen Bahnstrecken, die bereits reaktiviert wurden. Ein Schienenverkehr könne heute durchaus effizienter sein als Busverkehr.

„Viadukte sind in einem guten Zustand“

Zachow verwies in diesem Zusammenhang auf die Buslinie 383 von Bad Endbach nach Marburg. Auf der seien täglich 3 000 Fahrgäste unterwegs. „Hessenweit gibt es kaum eine Strecke mit so einer Frequenz und Bedeutung“, sagte der Verkehrsdezernent. Das große Interesse am Öffentlichen Personennahverkehr im südlichen Hinterland belege außerdem die neu geschaffene Schnellbuslinie von Gladenbach nach Marburg.

Auf den ersten Blick scheine die Reaktivierung der Strecke unmöglich. Doch eine Untersuchung habe laut Zachow gezeigt: „Die alte Strecke ist nur wenig überbaut, auch die Viadukte in Bad Endbach sind in einem guten Zustand.“ In der Gemeinde Lohra könnte ein parallel zur ehemaligen Bahnlinie verlaufener Wirtschaftsweg für das Vorhaben genutzt werden.

Mit einer modernen Zugstrecke allein sei es aber nicht getan. Die Infrastruktur müsse stimmen. Denn die Bahnhöfe liegen abseits der Ortslagen. Doch könnte eine zusätzliche Buslinie von Gladenbach nach Friedensdorf zum dortigen Kreuzungsbahnhof mit Anbindungen nach Marburg und Bad Laasphe eingerichtet werden.

Ein City-Bus, der zwischen Gladenbacher Bahnhof und Innenstadt verkehrt, ist ebenfalls angedacht. Dieses zusätzliche Angebot ist laut Zachow mit ­relativ geringem Fahrzeug-Einsatz realisierbar. Verbesserungen sind auch für die Gemeinde Bad Endbach möglich – mit Bahn-Haltepunkten an der Mittelpunktschule Hartenrod und im Bereich der Therme. Durch die Anbindung des Hinterlandes an Niederwalgern wären schnelle Anschlüsse in Richtung Norden (Marburg, Kassel) und Süden (Gießen, Frankfurt) gegeben. „Das macht das Ganze so charmant“, meinte Zachow.

Die finanzielle Hürde sei ebenfalls überwindbar, denn es gebe gut gefüllte Fördertöpfe. Der ­finanzielle Anteil des Landes an der Reaktivierung einer Bahnlinie betrage bis zu 90 Prozent. Für die Infrastruktur-Folgekosten sei dann die Deutsche Bahn zuständig. Lärm müssten die Anlieger ebenfalls nicht befürchten: Es könnten leise, mit Wasserstoff betriebene Züge eingesetzt werden.

Zimmermann sieht „positive Entwicklung“

„Die Strecke hat ein überdurchschnittliches Potenzial. Es könnte deshalb ein fataler Fehler sein, wenn sie auf ewig nicht mehr zur Verfügung stehen würde“, sagte der Erste Kreisbeigeordnete. Er schätzt, dass noch 15 bis 20 Jahre ins Land gehen werden, bis der erste Zug durchs Salzbödetal fährt.

Zachow appellierte an die Gladenbacher Politiker, das Ergebnis der geplanten Machbarkeitsstudie abzuwarten. Die damit beauftragten Fachleute­ könnten allerdings auch zu dem Schluss kommen, dass nur ­eine Streckensicherung sinnvoll ist. Sprich: Eine Reaktivierung wird erst einmal verschoben, die Strecke sollte aber nicht für andere Zwecke genutzt werden. Dann müsste die Deutsche Bahn die Grundstücke von den Kommunen zurückkaufen.

Von einer „positiven Entwicklung“ sprach Ausschuss-Mitglied Edmund Zimmermann. „Wir sollten diesen Überlegungen eine realistische Chance geben“, sagte der Fraktionsvorsitzende der Jungen Liste/Grünen.

Einstimmig sprach sich das Gremium dafür aus, dass die Stadt bis März 2019 keine weiteren ehemaligen Bahn-Grundstücke in Mornshausen, Erdhausen und Gladenbach an ­interessierte Bürger verkauft. ­Einige Anfragen liegen der Stadtverwaltung bereits seit längerem vor.

Das für eine gewerbliche Nutzung vorgesehene Bahnhofsgelände in Gladenbach und Erdhausen ist nach Auskunft von Bürgermeister Peter Kremer (parteilos) davon nicht betroffen. Über die Zurückstellung der Kaufanfrage entscheidet das Parlament am Donnerstag, 14. Juni.

von Michael Tietz