Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 14 ° Regen

Navigation:
„Wir sind keine Schokoladen-Fabrik“

Stadtallendorf „Wir sind keine Schokoladen-Fabrik“

"Hier geht heute nichts mehr" tönt es durch das Megafon. Mit einem Warnstreik vor der Eisengießerei Fritz Winter forderten Belegschaft und die IG Metall Mittelhessen 6,5 Prozent mehr Lohn.

Voriger Artikel
Der Arbeitsmarkt gerät ins Stocken
Nächster Artikel
„Das beste Märchen auf der ganzen Welt“

Rund 400 Bedienstete der Eisengießerei Winter schlossen sich den Warnstreiks der IG Metall Mittelhessen an. Sie fordern 6,5 Prozent mehr Lohn, eine Übernahme der Auszubildenden und Mitbestimmungsrecht für Leiharbeiter.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg . Die Hände noch schwarz, die Arbeitshelme noch auf dem Kopf, die Blaumänner noch nicht gewechselt. Direkt aus dem Betrieb auf die Straße. Knapp 400 Bedienstete der Eisengießerei Fritz Winter folgten dem Aufruf der IG Metall Mitellhessen und beteiligten sich an dem Warnstreik. Die Forderungen formuliert Heinz Schütte-Schrage, Vertreter der IG Metall Mittelhessen, lautstark durch das Megafon. 6,5 Prozent mehr Gehalt, Übernahme der Auszubildenden und Mitbestimmungsrecht für Leiharbeiter.

Zustimmendes Nicken bei den Warnstreikteilnehmern. Schnell streifen sie sich rote Westen über, greifen beherzt zu Trillerpfeife und Spruchband. Für einige ist es der erste Warnstreik. Noch ein wenig verunsichert beobachten sie das Treiben. So auch ein 23-Jähriger Produktionshelfer. „Ich gehe mit auf die Straße, damit es mehr Geld gibt.“ Sein 24-Jähriger Kollege ergänzt: „Einmal einen Zeitvertrag bekommen – das ist in Ordnung. Aber das darf doch nicht ausarten.“

Um Punkt 10.20 Uhr stehen bei der Eisengießerei die Maschinen still. Laut hingegen ist es vor dem Gebäude. Auch Klaus Nitschkowski, freigestellter Betriebsrat, hat sich unter die Demonstranten gemischt. „Die Firma Winter hat in den letzten Monaten viel verdient. Und von dem Vielen wollen wir etwas ab haben. Wir stehen unter permanentem Leistungsdruck und haben viel Wochenendarbeit, um die Aufträge zu erledigen. Wir hoffen die Arbeitgeberverbände wieder an den Verhandlungstisch zu bekommen und dass sie uns ein vernünftiges Angebot machen. Die 2,57 Prozent, die sie uns bieten, gleichen gerade mal die Inflationsrate aus. Dann haben wir aber nicht mehr im Portemonnaie“, macht er seinem Ärger Luft.

Dass sich seine Kollegen so zahlreich angeschlossen haben ist für ihn ein Indiz dafür, dass die Mitarbeiter an ihre Grenzen stoßen. „Die Angst auf die Straße zu gehen ist in den letzten Jahren nicht größer geworden, der Frust aber schon.“

 

Auch ein 36-jähriger Elektriker hat sich dem Zug angeschlossen. Er arbeitet im Schichtdienst. Ist auf die Zulagen angewiesen. „Wir haben doch Geld weggenommen bekommen. Die Sonntagnachtschicht wird seit der Krise nur noch als normaler Sonntag gezahlt. Das ist im Betrieb schlecht angekommen. Die Leute sind verärgert“, berichtet er. Für ihn ist es Ehrensache an den Warnstreiks teilzunehmen. Genau wie für Rene Müller. Mitglied des Betriebsrates, verantwortlich für den Bereich Jugend. „Wir haben bei uns den Fachkräftemangel schon zu spüren bekommen. Man findet auf dem Arbeitsmarkt eben nicht leicht junge Menschen, die in so einer Bude arbeiten wollen. Wir sind eben keine Schokoladenfabrik. Hier muss man sich auch mal dreckig machen.“

Umso wichtiger sei es, den Auszubildenden eine Zukunft im Betrieb zu bieten. „In fünf bis sechs Jahren werden wir ein großes Problem kriegen. Aber schon jetzt decken die 150 Auszubildenden die Abwanderung durchs Alter bei weitem nicht ab“, so Müller.

Und auch Heinz Schütte-Schrage liegt besonders die Situation der Auszubildenden am Herzen. „Es muss endlich verstanden werden, dass die jungen Menschen die Zukunft sind – auch die von Fritz Winter.“ Die „Zukunft“, sie marschiert geschlossen hinter einem großen Transparent. „Wir sagen Ja – zur unbefristeten Übernahme“ ist darauf zu lesen. Jeder einzelne von ihnen hat darauf mit seinem Namen unterschrieben. Fast wie bei einem Vertrag. Noch ist er jedoch einseitig.

von Marie Lisa Schulz

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr