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Wiederkehr alter Zustände verhindern

Rechtsextremismus Wiederkehr alter Zustände verhindern

Die Aufkleber, die Manfred Forell an die Wand projiziert, kennen die Jugendlichen. „Von der Bushaltestelle“, ruft einer. Die Schildchen sieht man auch in Biedenkopf. Forell empfiehlt: „Einfach abreißen oder unkenntlich machen!“ Forell und Margarete Bauer gehören dem „Mobilen Interventionsteam“ von der „Initiative gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit im Kreis Bergstraße“ an. Auf Einladung der Beruflichen Schulen verbrachten beide für Vorträge und Workshops zwei Tage in Biedenkopf.

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Manfred Forell referierte in der Beruflichen Schule Biedenkopf vor Schülern über Rechtsextremismus und rechte Symbolik, die überall erlebbar ist, wenn nur gut genug hingeschaut wird.

Quelle: Benedikt Bernshausen

Biedenkopf. Die Aufkleber werden von politisch rechten Gruppen verteilt und angebracht. Sie sind fremdenverachtend, antisemitisch oder schlicht in den Reichsfarben gehalten - Schwarz, Weiß und Rot. Rechtes Gedankengut findet überall seinen Platz - „Und ist auch in Biedenkopf nicht wegzudenken“, befürchtet Schulmediatorin Bernadette Becker. An manchen Schulen sei das jedoch, ähnlich wie Drogen, ein Tabuthema, sagt Forell: „Doch Schule ist auch immer ein Spiegel der Gesellschaft!“

Deshalb will Forell mit seinem Vortrag sensibilisieren: Er klärt auf, führt vor und versucht, die Sinne der jugendlichen Zuhörer für alles „Rechte“ im täglichen Leben zu schärfen. „Die Szene befindet sich im Wandel“, weiß Forell, der viel Anschauungsmaterial nach Biedenkopf mitbrachte. Der intelligente Neo-Nazi trete heute nicht mehr leicht erkennbar als „Adolf-Fan“ auf. Vielmehr versuchen rechte Gruppen sich im Spiel mit Gefühlen von Menschen. „Ein entscheidender Weg dabei ist die Musik“, erklärt er. Auf Schulhöfen verteilten „Rechte“ ihr ge­sungenes Gedankengut zehntausendfach an Kinder und Jugendliche. Die oft sehr langen Balladen benennen Feindbilder klar und schaffen auch „Helden“ - wie das junge Mädchen, das mit der Reichsfahne in der Hand durch eine englische Kugel starb.

Neo-Nazi-Kampagnen nutzen Zeitgeist

Das Spiel mit den Emotionen überträgt sich auch in andere Bereiche. Auf Wahlplakaten werden Ausländer, Kapitalisten und die Globalisierung angeprangert, wird Kinderschändern die Todesstrafe versprochen und mit zweideutigen Slogans geworben. Dort heißt es „Braun werden auch ohne Sonne“ oder „Umweltschutz ist Heimatschutz“. Nicht selten orientieren sich die Kampagnen raffiniert am Zeitgeist.

Auf der Straße definieren sich einige Rechte über die Kleidung, Abzeichen und Symbole: So sei „Thor Steinar“, eine Neonazi-Eigenmarke, das „Beste was der Nazi tragen“ könne. Die Marke „Lonsdale“ dagegen missbrauchen Rechte, da sich aus der Mitte des Namens „NSDA“ herauslesen lasse. Auch bei Zahlenkombinationen ist die Kreativität grenzenlos. Im Fokus steht die „8“, stellvertretend für den achten Buchstaben des Alphabets: H. So stehe 18 für „Adolf Hitler“, 88 für „Heil Hitler“ und 28 für „Blood and Honour“, zu Deutsch: Blut und Ehre.

Doch Forell warnt: Nicht immer habe diese Kennzeichnung einen rechten Hintergrund. Auf dem Nummernschild könne auch der Geburtstag des Autofahrers gemeint sein. Gern bedienen sich Rechte auch in der germanischen Runenwelt.

Klassische „linke“ Symbole werden gezielt entwertet

Von diesen Runen sind nur wenige verboten, darunter das Hakenkreuz. Selbst klassisch „linke“ Symbole tauchen vermehrt auf Nazi-Demos auf. „Die werden bewusst gezeigt und damit entwertet“, weiß Forell.

Immer wieder unterbricht Manfred Forell seinen Vortrag, um Musik einzuspielen. Als er ein indiziertes Lied auflegt, in dem Türken ehrverletzend beleidigt werden, lachen einige - auch türkische - Schüler.

Ziel ist es, die Schüler zu wappnen und zu stärken

„Das kennen wir“, sagt einer amüsiert. Manfred Forell hat gelernt, damit umzugehen. „Das ist normal“, sagt er, „es ist ein Ausdruck der Unsicherheit.“

Deshalb wollen Bauer und Forell die Schüler auch stärken. In Workshops widmen sich die Referenten in den Klassen bekannten Stammtischparolen. „Die wollen wir sammeln und analysieren“, erklärt Forell, der mit den Schülern Kontra-Argumente entwickelt. Rechte hätten das Ziel, alte Zustände wieder herzustellen. Forell, Bauer und ihre Initiative stellt sich dem in den Weg - „deshalb sind wir unterwegs!“

von Benedikt Bernshausen

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