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Hinterland Wenn‘s Windrad friert und Brocken verliert
Landkreis Hinterland Wenn‘s Windrad friert und Brocken verliert
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06:15 21.05.2012
Das Aufstellen von Warnschildern vor Eiswurf gehört ebenso zum Standard wie technische Sicherungen an den Windkraftanlagen, zum Beispiel Eis-Erkennungssysteme oder Rotorheizungen. Quelle: Tobias Hirsch
Gladenbach

Einen solchen „infernalischen Schlag“ dokumentierte ein Journalist der Südwest-Presse in Reutlingen, als er vor rund zehn Jahren seinen Ford neben einer Windkraftanlage (WKA) parkte und ein aus 50 Meter Höhe fallender, tennisballgroßer Eisbrocken das Dach des Autos traf. Damals hatte ein Rotorblatt den Klumpen zu Boden geschleudert.

„Eiswurf“ heißt auch heute noch diese Gefährdung, die vor allem in den Wintermonaten von Windrädern ausgehen kann, zumal die Anlagen seit damals eine noch größere Höhe erreichen und nicht nur im Flachland aufgestellt werden.

Mit zunehmender Höhe nimmt aber die Temperatur ab, sodass sich bei entsprechenden Wetterlagen an den Rotorblättern schneller Eis bilden kann. Dabei löst gefrierendes Kondenswasser bei Lufttemperaturen um den Gefrierpunkt den Eisansatz aus. Als Folge besteht die Gefahr, dass sich Eisstücke lösen und in der Umgebung von Windrädern herabfallen.

Anscheinend waren sich die Behördenvertreter vor rund zehn Jahren der Gefahr nicht bewusst. So entstand Kritik an den damals geltenden Sicherheitsabständen. In Nordrhein-Westfalen galt zum Beispiel ein allgemeiner Abstand von 30 Metern, der durch Warnschilder zu kennzeichnen war.

Der Kritik zahlreicher Interessenverbände wurde Rechnung getragen und die Sicherheitsabstände auch aufgrund von genaueren Berechnungen verändert. „Der Sicherheitsabstand für Eiswurf beträgt das 1,5-fache der Nabenhöhe zuzüglich des Rotordurchmessers“, erläutert Ina Velte, stellvertretende Pressesprecherin des Regierungspräsidium (RP) Gießen.

Sollte sich innerhalb dieser Entfernung eine Straße oder Ähnliches befinden, so wird der Betreiber verpflichtet, Schutzvorkehrungen zu treffen oder durch einen Sachverständigen eine Risiko-Analyse erstellen zu lassen, so Velte weiter.

Als Beispiele für Schutzvorkehrungen führt sie an: eine automatische Eis-Erkennung oder beheizbare Rotorblätter. Die automatische Abschaltungsvorrichtung der Eis-Erkennung bewirkt, dass Sensoren bei Eisbildung das Abschalten der Anlage auslösen. Dies „ist mittlerweile aber auch schon Stand der Technik“, sagt Velte.

Die beheizbaren Rotorblätter sollen bewirken, dass es erst gar nicht zur Eisbildung kommen kann. Als Genehmigungsbehörde verpflichtet das RP den Betreibern von Anlagen zur Installation und Funktion solcher Eisschutzvorrichtungen.

Den Betreibern werden von den Herstellern solche Vorrichtungen angeboten. Die Repower Systems mit Sitz in Hamburg zum Beispiel verfolgt dazu zwei Lösungsansätze: „Passive Anti-Icing-Beschichtungen der Rotorblätter sollen die Eisanhaftung verhindern“, erklärt Sprecherin Rebecca Lange. Aktive De-Icing-Systeme beheizen die Rotorblätter, so dass Eis geschmolzen wird beziehungsweise erst gar nicht entsteht. Beide Methoden verbessern die Anlageneffizienz, so Lange, „allerdings kann noch keine der am Markt vorhandenen Lösungen hundertprozentig verhindern, dass sich Eis auf Rotorblättern bildet“.

Daher rüste Repower seine WKAs mit sogenannten Eis-Erkennungssystemen aus. Diese Technik meldet über Sensoren in den Rotorblättern, auf dem Wettermast und über Betriebsparameter der Windkraftanlage, das Auftreten von Vereisung. Steht die WKA in Regionen, in denen Menschen oder Gegenstände durch Eiswurf gefährdet werden können, wird sie unmittelbar bei Entstehen der Vereisung gestoppt, erklärt Lange.

Auch beim Hersteller Enercon trieb unter anderem die Verschlechterung des Energieertrags die technische Entwicklung voran. Die standardmäßige Eis-Erkennung schaltet die WKA automatisch ab und lässt sie erst nach Ablauf einer „Abtaufrist“ wieder in Betrieb gehen. Wird erneut Eis-Ansatz festgestellt, wird die Anlage erneut gestoppt, erklärt Sprecher Felix Rehwald.

Die Funktionsweise der Rotorblattheizung erklärt Rehwald folgendermaßen: Jedes Rotorblatt erhält ein Heizgebläse, das zur Unterstützung des Abtauprozesses und zur Verkürzung der Stillstandzeit der Anlage einen warmen Luftstrom durch das Innere des Rotorblattes zirkulieren lässt.

von Gianfranco Fain

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