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Hinterland Wenn der Hund das Herrchen ist
Landkreis Hinterland Wenn der Hund das Herrchen ist
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11:01 22.04.2018
In einer gemeinsamen Übungsstunde lernte Schäferhündin Rika von Hartmut Berge ein paar Grundkommandos. Tipps und Tricks gab es von Katja Peters, die schon 20 Jahre Erfahrungen mit Hunden hat und selbst zwei Schäferhunde hält. Quelle: Tobias Hirsch
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Sinkershausen

Sie ist groß, sie ist kräftig, sie ist wild und sie hört nicht – Raute vom Eichbaum, alias Rika. Die Deutsche Schäferhündin lebt in Sinkershausen bei Familie Berge. Sie gehört Leandra Berge, ausgeführt wird sie aber auch von deren Schwiegervater und OP-Redakteur Hartmut Berge. Der Vierbeiner und Hartmut mögen sich, aber sie verstehen sich nicht. ­Rika nutzt die Inkonsequenz des 59-Jährigen gnadenlos aus, und er weiß zuweilen nicht, wie er die dreijährige Hündin bändigen soll.

Hilfe erhofft sich der Sinkershäuser von mir. Schließlich ­hätte ich ja auch Schäferhunde­ und müsste mich auskennen. Ja, nach 20 Jahren Hundehaltung und intensivem Hundesport kann man das wohl so sagen. Aber oft gehen die Vorstellungen von Hundekennern und den reinen Hundeliebhabern, die die Vierbeiner sehr gerne vermenschlichen, ganz weit auseinander. Zum Glück nicht bei Hartmut und mir. Vielleicht liegt es an der Hilflosigkeit des Hundeführers, vielleicht aber auch an der zunehmenden Unzufriedenheit und den immer stressigeren Spaziergängen mit Rika.

Genügend Auslauf und geistige Beschäftigung

Wir treffen uns bei Hartmut zu Hause. Die Hündin rennt wild durch die Gegend ist total aufgedreht. „Dabei waren wir heute Morgen schon eine halbe Stunde spazieren“, erklärt Hartmut. Ich schlucke und fange an zu grinsen. „Eine halbe Stunde?“, frage ich noch einmal nach. Das ist ja lachhaft für eine Hündin im besten Alter. Meine beiden laufen, also wirklich laufen, täglich gute sechs Kilometer, zusätzlich zum Training und den Spaziergängen mit dem obligatorischen „Zeitung lesen“. Klar gibt es auch mal Tage mit weniger Pensum.

Aber wer sich einen Hund einer bewegungsfreudigen Rasse zulegt, sollte wissen, dass eine halbe Stunde reines Spazierengehen einfach zu wenig ist. Wir sprechen darüber, dass er die Hündin auf den Spaziergängen geistig beschäftigen soll. Klettern, kleine Tricks, Futtersuche, Ballspiele. Hartmut ist irritiert. „Auf so Ideen bin ich noch gar nicht gekommen“, gibt er zu. Ich erkläre ihm, dass geistige Beschäftigung dem Hund mehr abfordert als nur stupides Spazierengehen.

Wir fahren auf den Hundeplatz des Vereins für Deutsche Schäferhunde nach Gladenbach. Wolfgang zu Jeddeloh öffnet für uns das Gelände. Hartmut geht an sein Auto, will Rika aus der Box lassen und geht zu Boden. Unkontrolliert springt die Hündin raus und reißt den Mann um. Von Zurückhaltung und Kommunikation zwischen den beiden kann hier also überhaupt keine Rede sein.

Kurze, klare Kommandos geben

Die Hündin wird zurück ins Auto gesetzt und lernt jetzt, dass sie nur auf Kommando aus dem Auto springen darf, wenn Halsband und Leine sicher angelegt sind. Das Wort „Nein“ war ihr zum Glück nicht unbekannt, so dass das schnell geklärt ist. Nur Hartmut muss lernen, dass er die Kommandos nicht panisch gibt und dabei schreit. „Irgend­wann ist die Lautstärke der ­eigenen Stimme erschöpft und dann? Nimmst du dann ein ­Megaphon?“, frage ich ihn.

Kurze, klare Kommandos kann ein Hund einfach besser verstehen, als Gebrülle oder ganze Sätze. Wenn Rika von sich aus aus der Box springen will, gibt es ein klares „Nein“ und „Bleib“. Sucht sie Augenkontakt und ist ruhig, wird das Halsband mit der Leine angelegt und wieder gewartet.
Nach etwa drei Sekunden gibt es das Kommando fürs Rausspringen und gleich ein „Sitz“ hinterher. Denn, wenn Hartmut sie draußen nicht kontrolliert, rennt die Hündin völlig unkontrolliert in die Leine, und Hartmut fliegt sprichwörtlich hinterher. So am Anfang ebenfalls geschehen.

Konsequenz ist wichtig

„Wichtig sind die Zeitintervalle und deine Konsequenz“, erkläre ich ihm. Der zeitliche Abstand zwischen dem Halsband-Anlegen und dem Rausspringen sind sehr wichtig. Sonst lernt die Hündin, Halsband anlegen bedeutet rausspringen.
Auf dem Weg vom Parkplatz auf den Hundeplatz offenbart sich das nächste Dilemma.

Rika zieht wir eine Irre an der Leine, Hartmut kann sie kaum halten. Sie sprüht vor Energie und Bewegungsdrang – sie ist halt eine richtige Schäferhündin. Und sie hat nicht gelernt, sich zu enthalten. Sie hat gelernt, zu machen, was sie will. Ich versuche aufzuklären: „Das Wort Hundeführer kommt nicht von ungefähr. Ein Hund will geführt werden, er ist ein Rudeltier und braucht eine Hierarchie. Wenn es die nicht gibt, dann kommt es immer zu Missverständnissen. Ein Hund kennt nur schwarz und weiß, für ihn gibt es keine Grauzonen. Wenn du das konsequent beachtest, dann wird das Leben auch leichter mit Rika.“

Den Fress- und Meutetrieb zunutze machen

Wir gehen auf den Platz. Rika­ lernt jetzt, normal an der Leine­ zu gehen und beim Rufen ihres Namens zurückzukommen. Klar geht das bei einem dreijährigen Hund nicht mit netten Worten und Gebettel. Rika versteht schnell, dass es bei Hartmut doch viel schöner ist, als an der Leine zu zerren. Wir machen uns dabei den Fress- und Meutetrieb zunutze. Immer, wenn die Hündin nach dem Ruf bei ihrem Hundeführer ist, gibt es Streicheleinheiten oder Leckerlis.

„Es ist ganz wichtig, dass du auch reagierst, wenn dein Hund selbständig Kontakt sucht. Wenn du das nicht machst, dann wird Rika das irgendwann nicht mehr machen, weil ihr Verhalten nicht zum Erfolg führt“, erkläre ich Hartmut. Nach zwei Stunden Training und ganz vielen Erklärungen habe ich Fusseln am Mund und Rika keinen Bock mehr. Ich gebe Hartmut noch drei Sachen mit auf den Weg.

  • Vorausschauen: Den Hund immer genau beobachten und ihm einen Schritt voraus sein. Zu reagieren, wenn er schon hinter einem Reh hinterher läuft ist zu spät. Meist macht der Hund vorher schon Anzeichen, dass er das Reh „in der Nase“ hat.
  • Bezahlen: Wenn der Hund das richtige Verhalten zeigt –  immer gleich „bezahlen“ mit Futter oder Streicheln.
  • Konsequenz: Sie ist das Wichtigste im Umgang mit Hunden, denn die verstehen nur „Gut“ oder „Böse“

Das sagt Hartmut:

„Was soll ich eigentlich hier“, habe ich mich so im Mittelteil der Übungseinheit gefragt. Denn Rika hörte Katja – in kürzester Zeit  –  aufs Wort. Und ihr Hund, den ich dann auch mal führen durfte, folgte jedem meiner Kommandos. Hunde tauschen wäre die einfachste­ Lösung. Das will selbstverständlich keiner.
Rika ist grundsätzlich zu Hause ein Kuscheltier. Und zu ihrer Ehrenrettung sei gesagt: Sohn und Schwiegertochter haben sie ganz gut im Griff. Ich als Teilzeithundeführer habe mit ihr wohl allzu oft die ­antiautoritäre Erziehung praktiziert. Das weiß sie ganz genau und reizt bei mir alles aus, was sie sich bei anderen nicht traut. Das Trainieren von einfachen Befehlen ist eine Sache, die temperamentvolle Schäferhündin die andere. Nach anderthalb Stunden flotter Tour durch die Landschaft, kann es durchaus passieren, dass einen Rika fragend anguckt, als wollte sie sagen: „War‘s das schon?“
Wir üben nun zunächst die grundlegenden Dinge. Das fängt beim Anleinen an. Sie ist außer sich vor Freude, wenn es auf Tour geht. Das wilde Umherspringen ist Stress für uns beide. Von der Begegnung mit anderen Vierbeinern unterwegs wollen wir gar nicht reden. Wenn ich ihr das Ziehen an der Leine abgewöhnt habe und sie beim Kommando „Platz“ liegen bleibt, bis uns der Radfahrer passiert hat, dann brechen für alle Beteiligten ruhigere Zeiten an. Gute Ansätze sind bereits erkennbar.

von Katja Peters

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