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„Wenn Kyrill nicht gewesen wäre...“

Zehn Jahre nach dem Orkan „Wenn Kyrill nicht gewesen wäre...“

Vor zehn Jahren richtete ein Orkan Millionenschäden an. Die Folgen beschäftigen Forstleute und Waldbesitzer bis heute.

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Angelburgs damaliger Bürgermeister Norbert Mai betrachtet die heute noch sichtbaren Sturmschäden.

Quelle: Sascha Valentin

Biedenkopf. „Wenn Kyrill nicht gewesen wäre, stünden wir jetzt anders da.“ Wer im Hinterland etwas mit Wald zu tun hat, kennt diesen Satz. Förster und Waldbesitzer hörten und zitierten ihn oft, seit der Orkan über die Region hinwegstürmte. Heute ist das zehn Jahre her – und der Satz gilt noch.

„Wir saßen zu Hause und wussten: Morgen geht’s rund.“ So schildert Harald Hofmann vom Forstamt Biedenkopf die Nacht vom 18. auf den 19. Januar 2007. Draußen tobte der Orkan Kyrill. Hofmann ahnte, dass der Wald danach nicht gut aussehen und viel Arbeit auf die Forstleute zukommen würde. Wie schlimm es tatsächlich wird, wusste da noch keiner.

Die Bilder, die sich den Forstleuten in den nächsten Tagen­ und Wochen boten, werden Hofmann und seine Kollegen­ nie vergessen. „Unvorstellbar“,­ ­lautet das Wort, mit dem Dautphetal-West-Revierförster Achim Bösser noch heute seine Eindrücke beschreibt. „Zig Flächen waren nur noch ein wildes Mikado“, erinnert sich Hofmann und berichtet, dass das Hinterland zu den am stärksten betroffenen Regionen in Hessen gehörte. Die Schäden – so viel war schnell klar – würden in die Millionen gehen.

Erste Bestandsaufnahme im Hubschrauber

Mehr als einen Waldbesitzer­ sah er damals mit Tränen in den Augen. „Jahrzehnte der Arbeit waren über Nacht einfach weg“, sagt Hofmann. Mancher habe seine Waldfläche gar nicht mehr wiedergefunden oder sich im Chaos zwischen umgeknickten Bäumen verirrt.

Die Forstleute benötigten Wochen, um sich einen Überblick über die Schäden zu verschaffen. „Wir konnten zunächst ja nicht in den Wald hinein“, ­
erklärt Hofmann. Waldflächen und -wege waren verwüstet. Solch einen Verhau zu betreten, ist hochgefährlich. Mit dem Hubschrauber überflogen die Verantwortlichen die Wälder, organisierten zunächst die Räumung der Waldwege, um Zugang zu erhalten.

An die 40 komplett zerstörten Flächen von jeweils mehr als fünf Hektar Größe zählten die Biedenkopfer Forstleute. Hinzu kamen jede Menge Nester-würfe, die über den Wald verteilt waren. 82 Prozent des Windwurfs waren Fichten. Lärchen und Douglasien konnten dem Orkan trotzen, berichtet Hofmann. Die Lärchen, weil sie im Winter die Nadeln abwerfen und dem Sturm so weniger Angriffsfläche boten; die Douglasien, weil sie tief verwurzelt sind.

Auf die Bestandsaufnahme folgten die Aufräumarbeiten. Das Chaos händisch aufzuarbeiten, kam wegen der Unfallgefahr nicht infrage. Stattdessen kamen Bagger und Harvester zum Einsatz. Über Wochen waren die riesigen Holzerntemaschinen aus Skandinavien im Hinterland im Einsatz, erzählt Revierförster Bösser.

Nach den Stürmen 
kam der Borkenkäfer

416.000 Festmeter Holz wurden noch im Jahr 2007 weggeräumt. Doch das war bei Weitem­ 
nicht das Ende. Denn 2008 und 2010 folgten mit „Emma“ und „Xynthia“ zwei weitere heftige Stürme, ab 2008 machte­ dann auch noch der Borkenkäfer dem sowieso schon geschwächten heimischen Wald zu schaffen.

Der Druck auf die Mitarbeiter des Forstamtes war enorm. Vier Jahre hat die Aufarbeitung gedauert. Fast 816.000 Festmeter Schadholz wurden aus dem Wald transportiert. Doch: Wohin mit all dem Holz? „Für den Holzmarkt war Kyrill eine Katas­trophe“, sagt Hofmann.

Sieben Millionen Festmeter seien allein in Hessen mit einem Schlag auf den Markt gekommen. Das Forstamt Biedenkopf verzeichnete zum Teil das Zehn- bis Zwölffache des normalen Jahreseinschlags. Die Holzpreise gingen in den Keller, für die Fichte um bis zu 50 Prozent.

Das Forstamt Biedenkopf 
baute mit der Bahn die Logistik für den Abtransport großer Holzmengen auf. In Breidenstein entstand eine Holzverladestation ( Foto: Valentin), von der aus bis zu fünf Züge pro Woche Richtung Süden rollten.

350.000 Festmeter Holz wurden so abtransportiert. Gleichzeitig begann ab 2009/2010 die Wiederbewaldung. 700 Hektar hat das Forstamt in den vergangenen Jahren wieder aufgeforstet, seit Kyrill 1,4 Millionen Pflanzen gesetzt.

Bei der Wiederbewaldung 
folgte das Forstamt einem 
selbst erarbeiteten Konzept. Und darin sieht Revierförster Bösser immerhin einen ­positiven Effekt, den Kyrill für den heimischen Wald gebracht hat. „Durch Kyrill hatten wir die Chance, auf ungeeigneten Standorten von der Fichte wegzukommen“, sagt Bösser. Ziel war es, standortangepasste Mischbestände anzulegen. „Dabei haben wir natürlich auch geschaut, was uns die Natur schon gibt“, sagt Hofmann.

So haben warteten die Förster bei einigen Flächen ein paar Jahre darauf, was sich dort von allein ansiedelt und gut wachse. „Wir wollen ja nicht gegen die Natur arbeiten“, erklärt Hofmann.

Normalisierung dauert noch Jahrzehnte

Auch die Klimaerwärmung ­berücksichtigten die Forstleute. Bergkuppen seien bereits oft zu trocken für die Fichte, sagt Hofmann. Angesiedelt wurde auf solchen Flächen deshalb die anspruchslosere Douglasie. Diese passe gut zum veränderten Klima; bringt laut Hofmann zudem bessere Erträge als die Fichte.

Von heute auf morgen war die Wiederbewaldung indes nicht erledigt. Die Nachfrage nach Pflanzen war groß. Die Baumschulen kamen da kaum nach. „Allein aus diesem Grund hat die Wiederaufforstung gedauert“, erläutert Hofmann.

Die Wiederbewaldung ist so gut wie abgeschlossen. „Zu 95 Prozent sind wir damit durch“, sagt Hofmann. Die großen Flächen mit ausschließlich jungen Bäumen sind als Folgen von Kyrill, Emma und Xynthia bis heute zu sehen. „Kyrill hat bis heute Auswirkungen auf unsere ­Ergebnisse“, sagt Hofmann. Der Holzvorrat sei stark reduziert und der Holzzuwachs zurückgegangen. Die Einnahmen aus dem Holzverkauf fehlen entsprechend. Zugleich fallen nach wie vor Kosten für Wiederbewaldung und die damit verbundenen Pflegearbeiten an.

Und auch in der Zukunft werden die Folgen von Kyrill Forstleute wie Waldbesitzer weiter beschäftigen. „Die Altersstruktur des Waldes hat sich komplett verändert“, sagt Hofmann. Denn nach der Wiederaufforstung gibt es nun riesige Flächen mit Bäumen gleichen Alters. Hofmann: „Bis sich der Bestand wieder normalisiert hat, wird es Jahrzehnte dauern.“ Der Satz „Wenn Kyrill nicht gewesen wäre, stünden wir jetzt anders da“, dürfte somit noch lange Gültigkeit haben.

von Susan Abbe

 
 
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