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Hinterland Weniger Insolvenzen als 2012
Landkreis Hinterland Weniger Insolvenzen als 2012
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21:42 06.01.2014
Im vergangenen Jahr mussten zum wiederholten Mal weniger Unternehmen und Privatleute einen Insolvenzantrag stellen. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Eigentlich sind es gute Nachrichten, die Marité Friedel-Dilling, Pressesprecherin des Marburger Amtsgerichts, verkündet: Die Zahl der Insolvenzen sind auch in diesem Jahr wieder leicht rückläufig. Demnach gingen beim Amtsgericht Marburg, das für die Insolvenzen von Schwalmstadt über Biedenkopf bis Marburg zuständig ist, im vergangenen Jahr 218 Insolvenzanträge von Firmen ein. Im Vorjahr lag dieser Wert noch bei 224 – ein Rückgang von 2,7 Prozent also.

Davon wurden 102 Insolvenzverfahren eröffnet.Und auch bei den Verbraucher­insolvenzen spiegeln die Zahlen aus Marburg den Bundestrend wider: Meldeten in 2012 noch 381 Personen die Insolvenz an, waren es vergangenes Jahr 344. Das entspricht einem Rückgang von 9,7 Prozent. Eröffnet wurden 310 Privatinsolvenzverfahren.Dieser Rückgang ist zwar positiv zu sehen.

Aber dennoch wird jeden Tag mehr als ein Insolvenzantrag beim Gericht gestellt. Die wohl größte Pleite im vergangenen Jahr war die Insolvenz der Baumarkt-Kette Praktiker mit 7 600 Mitarbeitern. Davon war auch der Markt in Marburg betroffen: Er musste schließen, 50 Mitarbeiter verloren ihren Job. „Insgesamt gibt es einen rückläufigen Trend“, sagt Marité Dilling-Friedel.

Bei den Firmeninsolvenzen wurde noch nicht in allen Fällen das Verfahren eröffnet. „In der Regel schaut zunächst ein Sachverständiger, ob genug Masse für eine Insolvenzeröffnung vorhanden ist“, erläutert Dilling-Friedel die übliche Vorgehensweise. „Zudem wird auch im Vorfeld häufig erst noch nach einem Investor gesucht“, so die Pressesprecherin weiter.

Auch bundesweit weniger Insolvenzen

Auch bundesweit sinken die Insolvenzen deutlich – sowohl bei Unternehmen als auch bei privaten Verbrauchern. Das hat die Creditreform ermittelt. Um 8,4 Prozent auf 26 300 Fälle verringerte sich die Zahl der Unternehmensinsolvenzen (Vorjahr: 28 720), das ist der niedrigste Wert seit 14 Jahren. Die Zahl der Verbraucherinsolvenzen ging um 6,7 Prozent zurück. Deutschlandweit wurden noch 91 500 Fälle registriert (Vorjahr: 98 050). Gegenüber dem bisherigen Rekordjahr 2010 mit 109 960 Verbraucherinsolvenzen ist das ein Rückgang um ein Sechstel (16,8 Prozent).

Insgesamt verringerte sich die Zahl aller Insolvenzen 2013 in Deutschland auf 141 900 Fälle, was zum Vorjahr mit 150 810 Insolvenzen ein Minus von 5,9 Prozent bedeutet. „Das anhaltend freundliche Konjunkturumfeld mit einem hohen Beschäftigungsniveau sowie die finanziell verbesserte Stabilität der Unternehmen sorgten für eine Entspannung des Insolvenzgeschehens.

Gleichwohl könnten hierbei auch Aufschiebungen enthalten sein, da ab Mitte des kommenden Jahres Erleichterungen im Insolvenzrecht in Kraft treten werden“, teilt Creditreform mit.Dass Verbraucher mitunter schnell in die viel zitierte „Schuldenfalle“ tappen, belegen ebenfalls die Zahlen: Laut Creditreform betreffen knapp zwei Drittel aller Insolvenzfälle in Deutschland, nämlich 64,5 Prozent, Verbraucher.

285 000 Arbeitsplätze bedroht

Laut dem Branchenverband lag dieser Anteil vor zehn Jahren lediglich bei 41,5 Prozent. Gegenüber dem Vorjahr stellt die Creditreform einen deutlichen Rückgang sowohl der Insolvenzschäden als auch der Arbeitsplatzverluste fest. Auf schätzungsweise 26,9 Milliarden Euro summieren sich die Insolvenzschäden für die Gläubiger, 30,1 Prozent weniger als im Vorjahr. Da lag der Wert bei 38,5 Milliarden Euro. In den insolventen Unternehmen sind 285 000 Arbeitsplätze bedroht oder bereits gestrichen worden. Damit sind laut Creditreform 61 000 Stellen oder 17,6 Prozent weniger zu beklagen als im Vorjahr.

Ursache sei demnach auch eine geringere Zahl an großen Firmeninsolvenzen.Zunehmend ältere Unternehmen in SchieflageDer Verband stellt zudem fest, dass sich das Insolvenzgeschehen in 2013 erkennbar hin zu älteren Unternehmen entwickelt habe. Neun bis zehn Jahre alte Unternehmen (plus 8,3 Prozent) beziehungsweise über zehn Jahre alte Unternehmen (plus 1,5 Prozent) waren stärker betroffen als im Vorjahr, während bei jungen Unternehmen starke Rückgänge zu verzeichnen seien – nicht zuletzt auch im Zeichen eines schwächeren Gründungsgeschehens in den vergangenen Jahren.

Kleinstunternehmen besonders häufig betroffen

Die überwiegende Mehrzahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland betrifft mittlerweile sehr kleine Unternehmen. In acht von zehn Fällen (79,5 Prozent) waren maximal fünf Mitarbeiter im Unternehmen tätig, viele sind sogar Soloselbstständige. Überdurchschnittlich stark verringerten sich laut den Zahlen der Creditreform die Insolvenzen im Baugewerbe (minus 11,1 Prozent) auf 3 680 Fälle. Im Dienstleistungssektor mussten 14 910 Unternehmen in die Insolvenz, das entspricht einem Minus von 8,9 Prozent.

Rückgänge verzeichneten ebenfalls das Verarbeitende Gewerbe (minus 7,6 Prozent auf 2 180 Fälle) sowie der Handel (minus 5,6 Prozent auf 5 530 Fälle). Die höchste Insolvenzquote unter den Hauptwirtschaftssektoren hat weiterhin das Baugewerbe hinzunehmen. Auf 10 000 Baubetriebe kommen pro Jahr 103 Insolvenzen (Vorjahr: 116).

Angesichts des erneut starken Rückgangs der Unternehmensinsolvenzen warnt der Insolvenzverwalterverband VID vor zu viel Optimismus. Es gebe noch eine ganze Reihe von Unsicherheitsfaktoren.„Trotz des leichten Aufschwungs in der Eurozone sind die Aussichten für die deutsche Wirtschaft ungewiss“, sagt der VID-Vorsitzende Christoph Niering. „Aufgrund des massiven Wettbewerbs sind in vielen deutschen Schlüsselbranchen die Margen extrem gering“, so Niering weiter. „Solche Unternehmen verfügen oft über eine geringe Eigenkapitaldecke und sind zum Teil hoch verschuldet. Eine nur leichte Stagnation kann dann dazu führen, dass selbst bei gestandenen Unternehmen die Luft knapp wird“, so der Vorsitzende.

von Andreas Schmidt