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Wenige Utensilien, einfache Rezeptur

Schaubrauen Wenige Utensilien, einfache Rezeptur

Auf großes Interesse stieß am Wochenende die Eröffnung einer Sonderausstellung über das Bierbrauen an der oberen Lahn. Der Höhepunkt war ein Schaubrauen im Biedenkopfer Schlosshof.

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Die Besucher Torsten Cyriax (von links) und Günter Brandl schauen Armin Latzko und Andreas Schwickert beim Brauen zu.Foto: Björn-Uwe Klein

Biedenkopf . Hausbrauer Armin Latzko aus Wetter-Amönau demonstrierte am Samstag im Schlosshof, wie der beliebte Gerstensaft entsteht. Die Ausstattung, die er benötigt, ist überschaubar: eine Feuerstelle, ein Sudkessel, ein Maischeholz zum Rühren und ein sogenannter „Läuterbottich“. Dieser enthält ein spezielles Sieb, das die Malzrückstände beim Abfließen der Würze auffängt. Ebenso überschaubar sind die benötigten Zutaten: Wasser, Hopfen und Malz.

„Wichtig ist es, beim Brauen immer auf die Temperatur zu achten“, erklärte Latzko. Steige die Temperatur auf mehr als 72 Grad, gingen wichtige Enzyme verloren, die für den Gärungsprozess entscheidend sind, indem sie die Umwandlung von Getreidestärke in Zucker steuern.

Wer wollte, konnte den Kesselinhalt zwischendurch per Fingerprobe kosten – und feststellen, dass dieses heiße Gebräu zumindest geschmacklich noch nicht viel mit dem fertigen Pils in der Flasche oder im Fass zu tun hatte. Etwa acht Stunden dauerte das Schaubrauen. Mindestens sechs Wochen dauert der nächste Schritt: das Lagern. Erst danach verfügt der Gerstensaft über die Reife, die sich auch im Geschmack bemerkbar macht.

Zu den Besuchern zählte auch Werner Kullick, der fast 30 Jahre als Brauer in der Biedenkopfer Balbach-Brauerei beschäftigt war. Der gebürtige Ostpreuße hat den Unterschied zwischen handwerklicher und industrieller Bierproduktion miterlebt. Vor seiner Zeit in Biedenkopf arbeitete der heute 76-Jährige in einer Bremer Großbrauerei. Die Arbeitsabläufe dort seien sehr viel monotoner, jeder Mitarbeiter bloß eine „Nummer“ gewesen. Schnell sei er die Monotonie der Großbrauerei leid gewesen, sagte Kullick. Also bewarb er sich 1956 auf eine Zeitungsannonce hin bei der damals noch existierenden Schloss-Brauerei. Zwei Monate vor dem Grenzgang 1956 kam er nach Biedenkopf. Am Grenzgang nahm er bereits als Bursche teil.

1963 ging die Schloss-Brauerei in Konkurs, Kullick wechselte für eineinhalb Jahre zur Thome-Brauerei nach Wolzhausen und anschließend zur Balbach-Brauerei nach Biedenkopf. Dort blieb er bis zu deren Ende 1994. Ein Angebot, anschließend Getränke auszufahren, lehnte er ab. „Das wollte ich nicht, denn ich bin Brauer.“ So bedeutete das Ende der Balbach-Brauerei seinen Eintritt in die Rente.

Einst zählte in der Region jede Stadt eine oder mehrere Brauereien. Im Jahr 1840 waren allein im Kurfürstentum Hessen mehr als 500 Braustätten in Betrieb, davon 90 in Oberhessen. Diese Zeiten sind längst Geschichte. Wie sich die Brautradition an der oberen Lahn im Laufe der Jahre bis zum heutigen Tag entwickelt hat, darüber informiert die Ausstellung im Hinterlandmuseum.

Ein echtes Erlebenis war die Veranstaltung auch für mehr als 20 Bierdeckel-Sammler. Unter ihnen war der Frankenthaler Thomas Ertl, der seiner Leidenschaft bereits seit Jahrzehnten nachgeht und mittlerweile fast 82000 verschiedene Bierdeckel sein Eigen nennt.

Ausstellung zeigtdie Braugeschichte

Die Ausstellungsinitiatoren Thomas Böhle, Wolfgang Glink, Karl-Heinz Schneider und Ulrich Schneider stellten 2010 anlässlich der Veranstaltungsreihe „Sommer in der Stadt“ Exponate aus der Biedenkopfer Braugeschichte aus. Daraus entstand die Idee, eine ähnliche Ausstellung an einem größeren Ort, wie dem Biedenkopfer Schloss, zu organisieren, sagte Böhle.

Die laufende Ausstellung beschränkt sich nicht auf die Braugeschichte in Biedenkopf, sondern greift die Entwicklung des privaten Braugewerbes im gesamten oberen Lahngebiet auf: Im Marburger Raum, dem Hinterland und Wittgenstein. Alte Biergläser, historische Brauereienwerbung und einiges mehr wird noch bis zum 2. September im Hinterlandmuseum gezeigt.

Für ihre Mühe und den Aufwand erfuhr das Initiatoren-Team viel Lob, unter anderem von Landrat Robert Fischbach (CDU) und dem Senior-Chef der Laaspher Brauerei, Hans-Eberhard Bosch. Beide nahmen den Fassanstich zur offiziellen Ausstellungseröffnung vor. Die Ausstellung ist noch bis zum 2. September im Hinterlandmuseum zu sehen.

Neben der Laaspher Brauerei und Armin Latzko war am Samstag auch die Marburger Elisabeth-Gasthaus-Brauerei mit zwei Biersorten bei der Ausstellungseröffnung vertreten.

von Björn-Uwe Klein

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