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Hinterland Wem gehören die blauen Müllsäcke?
Landkreis Hinterland Wem gehören die blauen Müllsäcke?
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18:21 18.07.2012
Eine Rolle blauer Industriemüllsäcke war der Gegenstand einer Verhandlung vor dem Arbeitsgericht. Quelle: Michael Hoffsteter
Gießen

Waren die 15 auf der Rolle noch vorhandenen blauen Industriemüllsäcke nun Eigentum des seit 1994 bei der Eisengießerei Fritz Winter GmbH & Co. KG beschäftigten Mitarbeiters? Oder waren sie Eigentum des Stadtallendorfer Unternehmens? Eine Antwort auf diese Fragen wurde vor dem Gießener Arbeitsgericht gestern nicht gefunden.

Dort hatte ein langjähriger Mitarbeiter der Eisengießerei gegen seine fristlose, hilfsweise ordentliche Kündigung geklagt, die er Anfang des Jahres wegen des Verdachts des Diebstahls eben jener Rolle blauer Industriemüllsäcke erhalten hatte.

Am 27. Dezember war der Beschäftigte nach der Spätschicht in einer der zahlreichen zufälligen Torkontrollen kontrolliert worden und hatte neben Holzresten auch die Rolle Müllsäcke in seinem Rucksack. Und weil genau solche Säcke in der Abteilung des Mannes zur Abfallentsorgung genutzt werden, kam der Verdacht des Diebstahls auf. „Wir sind seit den Bandendiebstählen bei allen Diebstahlsfällen rigoros“, erklärte Personalleiter Andreas Fiedler vor der Kammer des Arbeitsgerichtes unter Vorsitz von Richterin Claudia Pairan. Das sei den Mitarbeitern auch bekannt. Es habe schon mehrere Fälle von fristlosen Kündigungen gegeben, nachdem Mitarbeiter Eigentum des Unternehmens ohne Materialausgabeschein mit vom Betriebsgelände hätten nehmen wollen (die OP berichtete).

„Ich habe die Müllsäcke von zu Hause mitgebracht, um die Holzabfälle dort hinein zu füllen und den Sack in meinen Rucksack zu stecken“, verteidigte der Kläger sein Handeln. Damit habe er verhindern wollen, dass sein Rucksack dreckig werde. Das habe er auch in einem Personalgespräch mit seinem Vorgesetzten und einer weiteren Person so zu Protokoll gegeben. Er habe schon in diesem Gespräch vermutet, dass seine Kollegen ihm die Müllsäcke spaßeshalber in den Rucksack gesteckt hätten.

Auf eine Aufforderung hin, die Wahrheit zu sagen, habe er zugegeben, dass er die Rolle Müllsäcke von seinem Arbeitsplatz habe, ergänzte die Beklagtenseite. Und Richterin Pairan fügte aus dem damaligen Gesprächsprotokoll zitierend hinzu: „Wenn Sie es so hören wollen.“

Der Kläger erklärte, dass er die Rolle Säcke mitgebracht und auf seinem Spind deponiert habe. „Ich wollte sie eigentlich nicht wieder mit nach Hause nehmen“, sagte er auf die Frage des Gerichtes hin, warum er so einen sperrigen Gegenstand mit zur Arbeit bringe und dann wieder mit nach Hause nehme, wenn er doch nur einen Sack benötigt habe. „Schließlich ist die Rolle nicht klein und auch nicht unbedingt leicht“, erläuterte die Richterin den Gegenstand der Verhandlung in der Hand haltend.

Für das Gericht sei die Klage ein Grenzfall mit einer schwierigen Interessensabwägung, bei der sich die Kammer schwer tue. Für das beklagte Unternehmen waren die Aussagen des Klägers„abenteuerlich“, „grotesk“ und „widersinnig“. „Das sind spezielle Industriemüllsäcke, die strapazierfähiger und stärker sind, als normale Haushaltsmüllsäcke. Die kann man nicht einfach im Baumarkt kaufen“, berichtete Winter-Personalleiter Fiedler.

Wo man die Säcke dennoch bekommt, konnte der Kläger anhand von Rechnungen beziehungsweise Angeboten nachweisen.

„Wir müssen uns hier immer wieder die Frage stellen: Reichen die Vorwürfe für eine fristlose Tatkündigung oder reichen sie nicht? Und kann das Vertrauensverhältnis für eine Weiterbeschäftigung wiederhergestellt werden“, schilderte Pairan die Schwierigkeiten des Falls.

Eine gütliche Einigung in Form von einer ordentlichen Kündigung kam weder für den Kläger noch für das Unternehmen infrage. „Es geht uns um den Erhalt des Arbeitsplatzes“, betonte der Klägervertreter. Er gehe davon aus, dass das Vertrauensverhältnis wiederhergestellt werden könne.

Weil die grundlegende Frage, wem die Rolle blauer Industriemüllsäcke nun gehörte, letztendlich nicht geklärt werden konnte, ordnete das Gericht einen weiteren Kammertermin an. Am 22. August sollen jetzt auch vier Zeugen aussagen - zur Torkontrolle und zu den Einzelheiten aus dem Personalgespräch.

von Katharina Kaufmann

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