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Hinterland Waschen, schneiden, legen in „Kürbishausen“
Landkreis Hinterland Waschen, schneiden, legen in „Kürbishausen“
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19:44 28.10.2011
Die Bellnhäuser Kürbismusikanten: Paul Drösch (links) und Wilhelm Schmidt. Quelle: Tobias Hirsch

Bellnhausen. Dass uns Paul Drösch überhaupt noch etwas zu seinen Kürbissen erzählt, ist Glückssache. Zum Termin in dem Gladenbacher Vorort kommen wir zu spät, gleich zweimal. Erst führt das Navigationssystem nach Bellnhausen bei Fronhausen – ein Ort mit dem gleichen Namen nur rund 20 Kilometer südöstlich – und dann kommen wir überhaupt an einem ganz falschen Tag.

„Ihr kommt jetzt viel zu spät, die Kürbisse sind schon lange vom Feld“, sagt Paul Drösch. Er ist der Vorsitzende des Bellnhäuser Obst- und Gartenbauvereins und erklärt, dass Kürbisse von Mitte September bis Ende Oktober geerntet werden.

„Drei gute Wagen voll“ haben die Bellnhäuser in diesem Jahr zusammenbekommen. 15 Bellnhäuser haben mit angepackt, um die etwa 20 Zentner pro Wagen auf Anhänger zu wuchten. Rund drei Tonnen Kürbisse. In verschiedenen Farben und Formen, wie die Dröschs jetzt nur noch im Katalog zeigen können.

Denn der Hunger war schon riesig: Die Hokkaidos, Butternuts, Muskat- und Spaghettikürbisse sind von den Frauen des Ortes schon zu Suppen, Marmeladen und Kuchen verkocht, eingekocht und verbacken worden. Der Rest ging beim jährlichen Kürbismarkt an andere Ortsbewohner oder Besucher. Ein kleines Häufchen liegt noch im Innenhof. Dabei auch die ganz kleinen Kürbisse, die auch in der Stube als Dekoration benutzt werden. Zierkürbisse sehen gut aus, schmecken aber meist nicht.

Ein solch aufwändiges Prozedere für schnödes Gemüse? Von wegen: Erstens ist der Kürbis überhaupt keine Gemüsesorte, sondern gehört aus botanischer Sicht zur Familie der Beerenfrüchte. Manche nennen ihn deshalb auch etwas martialisch die „Panzerbeere“. Und zweitens weiß man hier in Bellnhausen die unterschiedlichen Qualitäten des Kürbisses sehr wohl zu schätzen.

Er sorgt dafür, dass sogar die betagteren Herren sich mitunter ganz modern vegetarisch ernähren: „Hin und wieder machen wir auch Kürbisschnitzel, da schneiden wir aus dem Butternut große Scheiben, blanchieren und panieren sie und dann kommen die in die Pfanne“, erklärt Inge Drösch.

Berühmt geworden und zwar über die Ortsgrenzen hinweg, sind die Bellnhäuser aber nicht wegen Schnitzeln, sondern einer ganz besonderen Schnitzerei: „Kalebassen lässt man von oben wachsen“, zeigt uns Wilhelm Schmidt einen hängenden Kürbis, der an eine lange weiße Wurst erinnert. „Wenn sie nicht auf der Erde aufkommen, werden sie bis zu zwei Meter lang“, erklärt der Gründer der Bellnhäuser Kürbismusikanten. Das Besondere: anders als die meisten anderen dickfleischigen Geschwister, hat die Kalebasse nur eine ganz dünne Schicht Fruchtfleisch und eine hölzerne Schale. Vor ein paar Jahren fiel Wilhelm Schmidt auf, dass die Kalebasse so aussieht, wie eine „germanische Lure“, ein längliches Horn, auf dem die Germanen früher Kriegsfanfaren geblasen haben. „Die können wir doch auch mal aus einem Kürbis bauen“, dachte er sich und aus einer Kürbisschnaps-Idee wurde Wirklichkeit.

Schmidt und Drösch stellten zusammen die ersten Kürbisinstrumente her. Inzwischen gibt es 18 Kürbismusikanten in Bellnhausen, die als „Kürbisten“ auftreten. Sie spielen mit kleineren Blasinstrumenten, die an altertümliche Trompeten oder hölzerne Spielzeug-Saxophone erinnern. Die ganz lang gewachsenen Früchte werden in einer aufwändigen Prozedur zu Kürbis-Alphörnern oder einer Kürbis-Tuba (siehe Foto) umgebaut.

von Tim Gabel

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