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Was es mit der Kappe der Gretel auf sich hat

Grimms Märchen Was es mit der Kappe der Gretel auf sich hat

Grimms Märchenfiguren haben dank der Illustration von Otto Ubbelohde einen engen Bezug zur Hinterlandregion.

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Der Hänsel-und-Gretel-Brunnen in Battenberg – Gretel trägt ein Kopftuch, weil es ja ständig „regnet“.Fotos: Burger (2)

Biedenkopf. Biedenkopf. 200 Jahre Kinder- und Hausmärchen, gesammelt von den Brüdern Grimm: Die Märchen gehören neben der Lutherbibel zum verbreitesten Kulturgut der deutschen Sprache. Mit viel Liebe zu den Märchen, Engagement und Freude werden Grimm-Festivals und Streiche im Jubiläumsjahr an vielen Orten ausgerichtet. In Marburg, dem Studienort der Grimms ist unter anderem der Froschkönig losgelassen. Nur im und um das Hinterlandbleibt es relativ ruhig im Grimmjahr.

In einer besonderen Rolle steht hier Otto Ubbelohde, er hat von 1907 bis 1909 insgesamt 450 Illustrationen zu den Grimm’schen Märchen geschaffen. Als gebürtiger Marburger hatte Otto Ubbelohde sein Atelierwohnhaus im Lahntal im nahen Goßfelden erbaut. Viele Märchen sind mit Bildern aus seiner näheren Umwelt ausgestattet. So fanden zahlreiche Märchenszenen und -plätze von Otto Ubbelohde den Weg in die hessische Heimat um das Hinterland. Die Motive können trotz einer spezifischen Otto-Ubbelohde-Umgestaltung in bekannten Landschaftsrahmen, Trachten oder Bauwerken wiederentdeckt werden. Manchmal ist Fantasie gefragt, aber in Märchen, wo ein Frosch an die Wand geworfen, als Königssohn herunterfällt, muss es so sein.

Auch um Biedenkopf und Battenberg, das einmal zum Kreis Biedenkopf gehörte, können märchenhafte Mädchen und Potenziale nach Otto Ubbelohde erschlossen werden. Dazu gehören bekannte, aber auch vergessene Trachten und Märchenplätze sowie Lieblingsmärchen. Battenberg hat sogar einen „XXL-Märchen-Wimmelblick“ vom Bergfried der Kellerburg. Dieser Blick lässt im Osten hinter dem Hohen Lohr das waldecker „Schneewittchen“ erahnen.

Drei Märchen-Mädchen

Gegenüber liegt der Christenberg unter anderem mit dem „Aschenputtel“, die Ruine Mellnau mit „Eisenhans“ und „Daumerlings Wanderschaft“ und im Süden der Rimberg über dem Lahntal. Dort schüttelt „Frau Holle“ ihre Betten aus, bezieungsweise Goldmarie. Der Gipfel des Rimbergs ist auch vom Bergfried des Schlosses in Biedenkopf gerade noch über den Wipfeln zu erkennen.

Es wäre reizvoll, alle Märchenplätze, die Otto Ubbelohde hier beheimatet hat, zu sammenzustellen. Doch zunächst bedarf es einer Vervollständigung. Auch ein Lieblingsmärchen der Ofenbauer wird dazugehören: Schneewittchen.

Neben Schneewittchen sind die Märchen-Mädchen Gretel und Rotkäppchen betroffen. Gretel und Rotkäppchen tragen bei Otto Ubbelohde Tracht - „sie sein gut gemostert“ - die ihren Ursprung erkennen lassen. Hier sind insbesondere die „Kappen“ anzusprechen. Bei Schneewittchen ist demgegenüber das schöne Haar, schwarz wie Ebenholz, natürlich nicht unter einer Kappe verborgen. Aber der Hinweis auf das schwarze Ebenholz muss ebenfalls einen Ursprung haben.

Wenn Otto Ubbelohde unter freiem Himmel seine Bilder zeichnete, hat man ihm häufig über die Schulter geschaut.In einer Zeichnung ist diese Situation festgehalten. Dabei erfreut sich eine junge Frau mit Baby und ein kleines Mädchen an der Kunst des Otto Ubbelohde.

Die Frau und das Mädchen tragen die Tracht des hessischen Hinterlandes aus dem Bereich des früheren Amtes Biedenkopf. Wenn man die Märchen-Mädchen Gretel und Rotkäppchen genau ansieht, findet man diese Kappe des kleinen Mädchens in abgeänderter Form sowohl bei Gretel als auch bei Rotkäppchen wieder.

Hänsel und Gretel

Im Herzen der Bergstadt Battenberg steht der einzigartige Hänsel-und-Gretel-Brunnen. Vor mehr als 100 Jahren vor dem Verschrotten bewahrt, ziert er heute das Stadtbild. Da es unter dem Brunnen ständig „regnet“, hat Gretel allerdings ein Kopftuch umgebunden. Wenn Hänsel und Gretel sich einmal eine Pause gönnen und den Turm der Kellerburg erklimmen, sehen sie über dem Tal der Wetschaft den Christenberg.

Dort oben im Burgwald hat Otto Ubbelohde unter anderem das alte Küsterhaus zum Hexenhäuschen umgestaltet. Hänsel und Gretel können so nachvollziehen, wo sie in gelungener Teamarbeit die böse Hexe überlistet haben.

Auf ihrem Heimweg hilft ihnen dann ein Entchen, das den Weg versperrende „große Wasser“ zu überqueren. Hänsel wird von dem Entchen bereits „transportiert“, Gretel steht am Ufer mit ihrer Trachtenkappe.

Aus geblümtem oder mit Ornamenten verziertem Stoff, von gekräuselten Bändern eingefasst, ist es tatsächlich die Trachtenkappe kleiner Mädchen des Amtes Biedenkopf. Zwei Haarzöpfe, aus der Kappe herabhängend, sind ein weiteres Merkmal dieser Tracht aus dem Hinterland, wie bei der Goldmarie über dem Rimberg.

Vom Turm der Kellerburg kann man übrigens die Berge der Landschaft sehen, in der die „Gretel“-Kleinmädchenkape nach Otto Ubbelohde getragen wurde. Sie liegen vom Westen mit dem Sendemast auf der Sackpfeife bis zur Angelburg auf der Bottenhorner Hochfläche im Südwesten.

Aus der Vogelperspektive ist auch das Arenest (592 Meter) zu entdecken, hinter dem Katzenbach liegt. Dort war einmal ein Jagdschloss des Hauses Hessen Darmstadt. Vor den Bergen Schwanert und Arenest hat Otto Ubbelohde den ewigen Juden gezeichnet, für die „Hessenkunst“ 1914. Er ist im Gespräch mit einem großen und einem kleinen Mädchen, die die „Delmutsche“ bzw. die „Gretelkappe“ tragen.

Und wo könnte das große Wasser gewesen sein, das mit Hilfe des Entchens überquert wurde? Im Blickfeld der Kellerburg wird man nicht fündig. Hier hilft eine Sage weiter, nach der es in Urzeiten einen See gegeben hat, der die ganze Edderaue bedeckt haben soll.

In den Fluten ist ein wilder Reitersmann bei der Verfolgung einer Battenberger Jungfrau ertrunken. Da Sagen auf wahren Begebenheiten beruhen, wird es so gewesen sein, und zwar am rechten Ufer der Eder, wo jetzt die Äcker des Hofenstückes grünen.

Die Kappe der Gretel

Wenn man die Greteltracht nach Otto Ubbelohde näher in Augenschein nehmen will, bietet sich das Hinterlandmuseum im Schloss Biedenkopf an. Ist dort das 2. Obergeschoss erklommen, findet man diese Kleinmädchentracht, von einer Puppe getragen, neben einer Schulbank. Die Greteltracht im Schloss Biedenkopf, wer hätte das gedacht?Dieses war mit Gretel das erste Märchen-Mädchen im und um das Hinterland.

Literatur: Hans Wied: Sagen und Märchen aus dem Hinterland, Bad Laasphe 1987.

von Professor Helmut Burger

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