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Hinterland Stadtallendorf: Protestzug für mehr Lohn
Landkreis Hinterland Stadtallendorf: Protestzug für mehr Lohn
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21:55 16.01.2018
Rund 250 Arbeiter von Fritz Winter und Federal Mogul Deva zogen gestern protestierend durch Stadtallendorf. Quelle: Andreas Schmidt
Stadtallendorf

Rund 250 ­Beschäftigte der beiden Stadtallendorfer Unternehmen waren dem Aufruf gefolgt, um ihren Forderungen in der aktuellen Tarifrunde Gehör zu verschaffen.

Stefan Sachs, Bevollmächtigter der IG Metall Mittelhessen, verdeutlicht, warum die Warnstreiks ausgedehnt wurden: „Wir haben nach wie vor kein Tarifergebnis.“ Die Arbeitgeber hätten vergangenes Jahr zwei Verhandlungsrunden während der Friedenspflicht verstreichen lassen, „da wäre eine Einigung auch ohne Warnstreiks möglich gewesen“, sagt Sachs. Dies sei nicht geschehen – also habe die IG Metall ihre Beschäftigten „in einer gut laufenden ­Metall- und Elektro-Industrie“ zu Warnstreiks aufgerufen.

Die Gewerkschaft fordert für die rund 3,9 Millionen Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie eine Erhöhung der Entgelte und Ausbildungsvergütungen von sechs Prozent für eine Laufzeit von zwölf Monaten. Zudem will die IG Metall einen individuellen Anspruch auf Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden für einen Zeitraum von bis zu 24 Monaten durchsetzen.

„Bei Fritz Winter und Federal Mogul Deva kommt noch das Thema Schichtarbeit hinzu“, sagt Stefan Sachs. „Hier sind Menschen am Werk, die 40 Jahre lang im Dreischicht-System ­arbeiten sollen – dafür muss es tariflich festgeschriebene Entlastungen geben“, so der ­Gewerkschaftssekretär.

Protestzug legt kurzfristig den Straßenverkehr lahm

Mit den derzeitigen Warnstreiks wolle man den Forderungen, die am Donnerstag im Bezirk Mitte und am 24. Januar in Baden-Württemberg fortgesetzt werden, „Beine machen“, wie Sachs sagt.

Zwar war die Beteiligung am Warnstreik geringer, als man es sonst von den beteiligten Firmen kennt – bei den vergangenen Warnstreiks waren immer gut 350 Mitarbeiter in den Ausstand getreten –, doch waren die etwa 250 Streikenden nicht minder laut, als sie von der Eisengießerei aus mit Fahnen und Trillerpfeifen durch die Stadt zogen und dabei auch den Straßenverkehr lahmlegten.

Vor allem in der Bahn-Unterführung trillerten die Warnstreikenden besonders laut – der Effekt war geradezu ohrenbetäubend. Immer wieder skandierten sie lautstark ihre Forderungen nach mehr Gehalt und der Arbeitszeitverkürzung, bis sie auf dem Aufbauplatz ankamen, wo sich die Teilnehmer zunächst mit heißer Suppe sowie Getränken stärkten.

Für Dienstag hatte die IG Metall in Stadtallendorf zum Warnstreik bei der Eisengießerei Fritz Winter und Federal Mogul Deva aufgerufen – um im Tarifstreit den Druck auf die Arbeitgeber zu erhöhen.

Von den zwischenzeitlichen Schneeregen-Schauern ließen sie sich die Stimmung nicht vermiesen. „Wir sind eisenharte Metaller, wir halten das aus“, scherzte einer der Warnstreikenden.

Während der Kundgebung verwies Stefan Sachs darauf, dass das bisher angebotene ­Gehaltsplus der Arbeitgeber von zwei Prozent schlichtweg „eine Frechheit“ sei, da allenthalben zu lesen sei, welche Rekordüberschüsse die Unternehmen einfahren würden. Noch gravierender sei allerdings, dass die Arbeitgeber Verhandlungen zur Reduzierung der Arbeitszeit schlichtweg ablehnten. „Wir werden so lange weiterstreiken, bis es ein Ergebnis gibt“, versprach er und drohte bereits mit 24-stündigen Ausständen, sollte es bei den Verhandlungen keine Bewegung geben.

Die Arbeitgeber verdeutlichen indes, dass sie in der Sache hart bleiben wollen. Dr. Dirk Hohn, Geschäftsführer der Bezirksgruppe Mittelhessen des Verbands der Metall- und Elektro-Unternehmen Hessen, sagte auf Anfrage der OP: „Die aktuellen Warnstreiks der IG Metall führen zu unnötigen wirtschaftlichen Schäden, ohne zu einer Lösung beizutragen. Anstatt die Arbeitnehmer auf die Straßen und vor die Werkstore zu schicken, sollte sich die Gewerkschaft lieber mit unserem Angebot und unseren Forderungen auseinandersetzen.“

Am Donnerstag werde in Saarbrücken erstmals in kleiner Runde verhandelt. „Wir erwarten hier, dass sich die IG Metall konstruktiv in die Gespräche einbringt. Wenn wir das benötigte Arbeitszeitvolumen sicherstellen – indem zum Beispiel Beschäftigte individuell auf freiwilliger Basis länger arbeiten dürfen –, können wir dort neben einer angemessenen Entgelterhöhung auch über Angebote zur zeitweisen Reduzierung der ­Arbeitszeit reden“, so Hohn.

Gleichwohl verdeutlichte er: „Worüber wir aber definitiv nicht diskutieren werden, ist ein diskriminierender und rechtswidriger Lohnzuschlag.“ Warum solle eine alleinerziehende Mutter, die aus Zeitgründen schon immer nur 20 Stunden arbeite, keinen Teillohnausgleich erhalten, „während ein Familienvater im Doppelverdienerhaushalt, der seine Wochenarbeitszeit von 35 auf 28 Wochenstunden reduziert, sich über eine solche Subventionierung nur freuen kann“, verdeutlicht er.

von Andreas Schmidt