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Hinterland Busfahrer: Heiß begehrt, aber rar gesät
Landkreis Hinterland Busfahrer: Heiß begehrt, aber rar gesät
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09:22 09.01.2018
Die Busunternehmen in Deutschland haben zunehmend Probleme, noch neue Fahrer zu finden. Quelle: Fabian Sommer / dpa
Marburg

Die Busunternehmen in Deutschland haben zunehmend Probleme, noch neue Fahrer zu finden. „Wir haben in vielen Regionen praktisch keine Arbeitslosen mehr, die sich auf offene Stellen bewerben könnten“, sagte Karl Hülsmann, Präsident des Bundesverbands Deutscher Omnibusunternehmer (BDO). Und bis sich Flüchtlinge ans Steuer setzen können, sei es noch ein weiter Weg.

Der Bedarf ist groß, weil viele der bundesweit rund 103.000 Busfahrer schon vergleichsweise alt sind und zudem noch immer Personal für den wachsenden Fernbus-Markt gebraucht wird. Die Branche wirbt zwar mit einer verantwortungsvollen Tätigkeit, Abwechslungsreichtum und einem sicheren Arbeitsplatz. Hülsmann sagte aber auch: „Es gibt vielleicht auch bequemere Arbeiten.“

Die Führerscheinkosten von rund 10.000 Euro könnten Interessenten abschrecken. „Unternehmen gehen bereits dazu über, die Kosten mitzufinanzieren“, sagte Hülsmann. „Aber es gibt keine Leute.“ Busfahrer im Ausland anzuwerben, sei schwierig – das sei anders als bei Lastwagenfahrern. „Da kann ich jemanden aus den Nachbarländern einstellen – die Ware unterhält sich ja nicht.“

Diehl Reisen: Wir sind immer auf der Suche

Die Sprachbarriere gilt oft auch für Flüchtlinge. „Zunächst einmal ist für Bewerber ein entsprechender Anerkennungsstatus notwendig“, erklärte Hülsmann. „Dann müssen sie wirklich Deutsch sprechen können – ich will ja als Fahrgast fragen können, wo die Haltestelle ist und wie viel der Fahrschein kostet.“ Dann fehle noch der Führerschein.

Dass Busfahrer quasi Mangelware sind, ist eine Erfahrung, die man beispielsweise auch bei Udo Diehl Reisen in Wetter gemacht hat. Das Unternehmen fährt quasi „Zweigleisig“ – neben dem Reiseverkehr gibt es seit 2004 innerhalb der Diehl-Gruppe die „Oberhessische Verkehrsgesellschaft“ (OVG), die den Linienverkehr abwickelt. Mit mehr als 60 Bussen bedient die OVG Linien in den Landkreisen Marburg-Biedenkopf, Waldeck-Frankenberg und Siegen-Wittgenstein. Außerdem bedient Diehl noch die Fernbuslinie Osnabrück-Friedrichshafen für Flixbus.

Anika Herr von Udo Diehl Reisen sagt, dass es auch in ihrem Unternehmen eine große Fluktuation gebe – „daher sind wir immer auf der Suche. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass der Bedarf je gedeckt wäre“, sagt sie. Derzeit verfüge das Unternehmen über rund 130 Fahrer, dennoch sei der Bedarf weiterhin hoch.

Marburger Arbeitsagentur reagiert auf Nachfrage

Dabei ist Udo Diehl eines der wenigen Unternehmen in der Region, die selbst Busfahrer ausbilden. „Wir haben derzeit fünf Azubis“, sagt Anika Herr. Diese würden im ersten Jahr, wenn sie noch nicht vollständig im Busverkehr eingesetzt werden könnten, auch die Werkstatt als Ausbildungsstation durchlaufen. „Prinzipiell geht es uns, wie der gesamten Kraftfahrer-Branche: Der Nachwuchs fehlt einfach“, so Herr.

Zudem setzt man in dem Unternehmen auch auf Weiterbildung und Umschulung – also auf „Busfahrer als Quereinsteiger“, wie Anika Herr sagt. Dabei seien Deutschkenntnisse durchaus wichtig, denn: „Wer im Bus vorne links sitzt, ist Ansprechpartner für alle Belange der Reisenden – da muss Kommunikation stattfinden.“ Nicht jeder der Fahrer von Udo Diehl könne „perfekt Deutsch, aber sie können sich alle gut verständigen und ein vernünftiges Gespräch führen“.

Auf die Bedürfnisse am Markt hat auch die Marburger Arbeitsagentur reagiert: Sie hat in ihrer „Bildungsplanung“ knapp 70 Plätze für eine Weiterbildung zum Kraftfahrer vorgesehen – darunter auch Busfahrer. „Die Nachfrage ist immens: Wenn jemand die Weiterbildung absolviert hat, dann ist die Unterschrift unter der Prüfung noch nicht trocken und er hat einen Job“, sagt Agenturleiter Volker Breustedt.

Branche setzt Hoffnung 
in autonomes Fahren

Das liege vor allem an der Altersstruktur: Es gebe „unglaublich viele Menschen, die mal bei der Bundeswehr den Führerschein gemacht haben und in den 70er-Jahren auf den Arbeitsmarkt kamen“, sagt der Agenturleiter. Diese kämen nun langsam ins Rentenalter – Nachwuchs sei zu wenig in Sicht.

Breustedt verdeutlicht auch: „Unsere Weiterbildungszahlen sind nicht das Ende der Fahnenstange. Sollten wir sehen, dass der Bedarf noch höher ist, dann legen wir weitere Plätze nach.“ Die Umschüler müssten gesundheitlich geeignet sein und keine Vorgeschichte etwa in puncto kontinuierlichem Rauschmittelgebrauch haben. „Das testen wir zwar nicht“, sagt Breustedt. Doch wenn es Anhaltspunkte dafür gebe „oder jemand dauerhaft suchtkrank ist, dann würden wir ihm diese Umschulung nicht vorschlagen – auch in seinem eigenen Interesse“. Denn sonst würde er ja beim erstbesten Test wieder den Führerschein verlieren.

Und was erwartet die Branche für die Zukunft? Hoffnung verbindet sie etwa mit dem autonomen Fahren. „Der Fahrermangel könnte sich auf diese Weise abwenden lassen, weil nur noch eine Begleitperson mitfährt“, sagt Karl Hülsmann. Es werde beim Bus aber länger dauern als beim Auto, bis das autonome Fahren komme. „Auf dem Weg dorthin sind noch Probleme zu lösen, etwa das Anfahren an eine Haltestelle in Ausnahmesituationen wie beim Gedränge kurz nach Schulschluss.“

von Andreas Schmidt
 und unserer Agentur

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