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Von der schiefen Bahn wieder in die rechte Spur

Tag des offenen Gerichts Von der schiefen Bahn wieder in die rechte Spur

Richter, Verurteilter, Bewährungshelfer und Haftanstaltsleiter gaben bei einer Podiumsdiskussion einen Einblick, wie die Wiedereingliederung von Straftätern glücken kann.

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Auf dem Podium im Saal 101 des Biedenkopfer Amtsgerichts saßen (von links): Martin Lesser, Leiter der JVA Gießen, Amtsgerichtsdirektor Mirko Schulte, Moderatorin Birgit Heimrich, ein ehemaliger Strafgefangener und Bewährungshelfer Stefan Volp.

Quelle: Gianfranco Fain

Biedenkopf. Bisher saß er immer auf der Anklagebank vor Richter Mirko Schulte. Am gestrigen Freitag saßen sie sozu­sagen auf Augenhöhe, nur durch die Moderatorin getrennt. Die Fragen von Birgit Heimrich beantwortete der ehemalige Strafgefangene vor den rund 25 Zuhörern bereitwillig und beschrieb seine Laufbahn: Nach einer „schlechten Jugendzeit“ kam er durch Freunde in Kontakt mit Drogen, versuchte damit „Geld zu machen“ und wurde vom Dealer selbst zu Konsumenten. Seine ersten Haft erlebte er als 24-Jähriger im Jahre 2004, kam in den offenen Vollzug, brach eine Therapie ab wurde nach einen Jahr wieder rückfällig. Drogen und Körperverletzung brachten ihn wieder vors Gericht, er wurde erneut verurteilt. Während die erste Haft für ihn Freiheitsentzug bedeutete, ohne dass er sich näher damit befasste, habe ihm die zweite Verurteilung die Augen geöffnet. Er habe erkannt, dass er wegen seiner Straftaten „reingekommen bin, und was tun muss, damit ich so schnell wie möglich wieder rauskomme“.

„Er hat eigentlich zwei Leben“, beschreibt Amtsgerichtsdirektor Mirko Schule seinen ehemaligen „Klienten“: „eines, in dem er klar denkt, und eines, in dem er außer Kontrolle gerät.“ Ein häufig auftretendes Phänomen, das unter anderem im Zusammenhang mit Drogen auftrete. Für die Straftaten sei ein ange­messener Schuldausgleich zu finden und es müsse Sicherheit „produziert“ werden, beschrieb Schulte die Aufgaben des Richters. Doch eine Freiheitsstrafe habe auch negative Effekte. Sie führe zum Verlust sozialer Kontakte, zur Bekanntschaft mit Menschen, „die man besser nicht kennenlernen sollte“, und führt die Menschen, bei denen durchaus Aussicht auf Besserung bestehe, nicht wieder ans Leben heran. Das sei aber das Ziel der Justiz, auch im Sinne der Prävention.

Die Möglichkeiten dazu im offenen Vollzug beschrieb Martin Lesser, Anstaltsleiter in Gießen. Erst werde die Persönlichkeit erfasst, dann ein Vollzugsplan erstellt mit Gruppen- oder Einzeltherapien, Anti-Aggressions-Training und anderen Hilfen. Ausschlaggebend sei allerdings der Wille des Gefangenen, etwas zu ändern, denn der offene Vollzug sei entgegen landläufiger Meinung kein Zuckerschlecken. „Wer den durchsteht, weiß: Ich komme draußen zurecht“, erklärt Lesser. Er zwinge den Verurteilten, sich mit seiner Straftat auseinanderzusetzen.

„Ich wusste während der Verhandlung nicht, warum ich das getan hatte“, erklärt der heute 32-Jährige. Heute wisse er, dass Alkohol und Drogen seine Hemmschwelle, Frust abzubauen, herabgesetzt haben. Der offene Vollzug sei sehr anstrengend, eine Kopfsache, bringe Verzweiflung. Deshalb sei es wichtig, Kontakt zur Familie zu haben, zu Freunden oder Partner, die „hinter einem stehen“.Er habe eine starke Frau gefunden, die das tue, habe sein ehemaliges Umfeld verlassen und „gebe mein bestes, dass es nicht wieder passiert“.

An diesem Beispiel machte Schulte deutlich, wie wichtig eine klare Diagnose des Richters ist, um die geeignete Therapie zu finden, zum Beispiel eine stationäre Therapie oder doch ein Abstinenzprogramm mit Kontrolle. „Intensive Schwierigkeiten brauchen intensive Betreuung“, sagte Schulte, und da habe sich in den vergangenen Jahren im Vollzug viel getan.

Dazu gehört auch die Arbeit der Bewährungshelfer, die helfend und beratend, aber auch überwachend tätig sind, erklärte Stefan Volp. Als „Entlassungsmanagement“ beschrieb der Leiter des Sicherheitsmanagements beim Landgericht Marburg seine Tätigkeit. Man zeige den Strafgefangenen Verhal­tensalternativen auf, damit diese „aus dem Drehtüreffekt austreten“. Das dies gelingen könne, zeigten die Zahlen. Während es unter Jugendlichen im geschlossen Vollzug eine Rückfallquote von fast 80 Prozent gebe, schlössen 75 Prozent den offenen Vollzug erfolgreich ab.

von Gianfranco Fain

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