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Hinterland Vom König der Lüfte zum Schlagopfer
Landkreis Hinterland Vom König der Lüfte zum Schlagopfer
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20:24 27.04.2012

Holzhausen. Der Wald am Hilsberg ist für Professor Martin Kraft, Leiter der AG Ornithologie am Fachbereich Biologie der Marburger Philipps-Universität und seit Dezember 2011 mit einer Gastprofessur an der „Universidad de la Republica“ in Montevideo/Uruguay betraut, „á priori“ ein schützenswertes Gebiet. Der Standort sei als Mischwald mit seinem alten Buchenbestand besonders wertvoll. In einem solchen Wald Windkraftanlagen aufzustellen, ist für ihn tabu – vor allem in der Brutzeit.

Auch der Nabu Hessen warnt vor einem ungezügelten Ausbau von Windkraftanlagen. Vor allem Zugkorridore, die von Kassel bis ins Rhein-Main-Gebiet führen, sollten frei von den Windrädern sein. Die Naturschützer befürworten die Ausweisung von Vorranggebieten zum Erhalt der Artenvielfalt.

Die alten Buchen am Hilsberg bieten beispielsweise Horststandorte für den Wespenbussard und den Rotmilan. Aber auch die Höhlen nutzen Schwarzspecht, Grün- und Grauspecht. Dort nisten auch seltene Eulen wie Raufuß- und Sperlingskauz. „Fällt man diese Bäume, gehen Niststätten verloren“, sagt Kraft. Er kritisiert zudem, dass die geplanten Windräder quer zur Hauptzugrichtung der Vögel errichtet werden sollen. Das sei nicht mit dem Artenschutz verträglich. Der Nabu Hessen fordert, dass Windparks nur parallel und nicht quer zur Hauptzugrichtung gebaut werden sollen. Kraft fürchtet, dass Zugvögel in den Rotorblättern der Windräder regelrecht geraspelt werden, was er bei seinen Untersuchungen in den Windparks im Vogelsberg mehrfach registrieren konnte. Er fordert deshalb im Frühjahr und im Herbst bei starkem Vogelzug das Abschalten der Anlagen. Dies sieht auch das Genehmigungsverfahren des Regierungspräsidiums Gießen vor. Zum Schutz der Arten können Auflagen erteilt werden. Dann sind Windkraftanlagen zeitweise abzuschalten bei:

starkem und niedrig führendem Vogelzug;

Fledermausaktivitäten;

Mahd- und Erntearbeiten;

Anlegen von Brachflächen.

Für Greifvögel nimmt laut Nabu Hessen das Kollisionsrisiko mit der Größe der Anlagen erheblich zu. Gemeldet wurden bis 2011 als Opfer von Windkraftanlagen unter anderem 163 Mäusebussarde, 146 Rotmilane und 57 Seeadler. Die Dunkelziffer schätzt Professor Kraft als sehr hoch ein, weil einige Opfer noch eine Weile fliegen können oder von Beutegreifern sofort verzehrt werden und man sie deshalb nicht immer findet. In den vergangenen 30 Jahren hat Kraft den Vogelzug in Mittelhessen systematisch erforscht. Was den Verlust von Vögeln im Bereich von Windkraftanlagen anbelangt, so ist Kraft mit einem internationalen Verteiler von Vogelschützern vernetzt. Danach würden weltweit täglich Tausende Vögel zu Schlagopfern an den Windrädern. Wenn der Windpark am Hilsberg wie geplant realisiert wird, kommt das „einer kleinen ökologischen Katastrophe gleich“, sagt Kraft. Die Naturschützer wollen sich vehement gegen das Bauvorhaben wehren. Bedroht sind nicht nur seltene Brutvögel wie Wespenbussard, Rot- und Schwarzmilan, sondern auch das Haselhuhn, der Ziegenmelker sowie Heidelerche und Baumpieper. Hinzu kämen die Verluste während des Heim- und Wegflugs der Vögel.

„Wir wollen den Ausbau der regenerativen Energien. Es gibt auch ausreichend Flächen, die nicht im Konflikt mit dem Artenschutz stehen“, sagt Nabu-Landesvorsitzender Hartmut Mai. Auch Kraft spricht sich nicht grundsätzlich gegen den Ausbau der regenerativen Energien aus. Er vermisst jedoch einen optimalen Mix der Energiequellen und er bemängelt die „monumentalen“ Höhen der modernen Anlagen.

Am Hilsberg sind Anlagen des Typs Enercon E-101 geplant, mit einer Nabenhöhe von fast 136 Metern. Mit Rotorblättern sind die Anlagen 184 Meter hoch. Kraft ist der Auffassung, dass der Ertrag von kleineren Anlagen durch die Kombination mit anderen Energiequellen, wie Solarparks oder Wasserkraftwerken, kompensiert werden kann. Diesen Vorschlag habe er bezogen auf den Windpark am Hilsberg sowohl der Gemeinde Bad Endbach, als auch dem Regierungspräsidium Gießen unterbreitet.

„Es ist landschaftsästhetisch nicht schön, wenn die schönen alten Wälder mit Windkraftanlagen zugestellt werden“, sagt Kraft. Bei der Entwicklung von Alternativen sieht er noch großen Forschungsbedarf.

Aber nicht nur Vögel sind laut Nabu Hessen Opfer von Windenergieanlagen. Von 24 in Deutschland vorkommenden Fledermausarten sind bisher 19 als Schlagopfer unter Windrädern gefunden worden. Da Fledermäuse in Europa zu den streng geschützten Arten gehören, dürfen sie in ihren Lebensräumen – insbesondere im Wald – nicht gestört werden.

Fledermäuse jagen im freien Flug und sind daher in der Hauptflugzeit besonders gefährdet. Problematisch sei vor allem die Geschwindigkeit der Rotoren sowie der Schall. „Die Fledermäuse können nicht ausweichen und ihnen kann vom Schall die Lunge platzen“, sagt Kraft. Der Nabu Hessen geht davon aus, dass das Echoortungssystem der Fledermäuse bei den bis zu 300 Stundenkilometer schnellen Rotorblattspitzen versagt. Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass für Fledermäuse von April bis Juli ein erhöhtes Kollisionsrisiko besteht. Ein Gegensteuern wäre möglich, in dem die Windkraftanlagen bei hoher Fledermausaktivität automatisch abgeschaltet werden.

Aber nicht nur die Tiere, auch die Menschen werden von den Bauwerken, die im Wald oberhalb von Holzhausen errichtet werden sollen, betroffen sein. „Den Schattenwurf werden die Bürger mitkriegen und ihn vermutlich als negativ registrieren“, glaubt Kraft. Er ist froh darüber, dass das Hessische Verwaltungsgericht mit dem Beginn der Rodungsarbeiten Mitte März die Bremse gezogen hat. Nun wird die Klage der Naturschützer vor dem Verwaltungsgericht in Gießen verhandelt. Ein Termin steht noch nicht fest.

Seit einiger Zeit werden von den Naturschützern ornithologische Daten am Hilsberg bei Holzhausen gesammelt, die es rechtfertigen, die Kernzonen als Naturschutzgebiet und weitere Bereiche als EU-Vogelschutzgebiet auszuweisen. Wäre ein solcher Antrag beim Regierungspräsidium erfolgreich, könnte dies die Gemeinde Bad Endbach vor ein Problem stellen. Allerdings sind aus naturschutzrechtlicher Sicht Windkraftstandorte in EU-Vogelschutzgebieten mit einer Größe von mehr als 10 000 Hektar sowie in FFH-Gebieten prinzipiell möglich. Das geht aus dem Nabu-Positionspapier „Windenergie“ hervor. Tabu sind grundsätzlich die Naturschutzgebiete, der Nationalpark Kellerwald-Edersee, Vogelschutzgebiete die eine kleinere Fläche als 10 000 Hektar haben, Zugkorridore, besonders wertvolle Waldgebiete, der hessische Teil des Biosphärenreservats Rhön und das Waldeckische Upland.

Für den Kreisbeauftragten für Vogelschutz, Erich Sänger, steht außer Frage, dass  der Artenschutz Vorrang vor dem Bau der Windkraftanlage am Hilsberg haben muss. Den Standort hält er für problematisch, da dort nachweislich gefährdete Arten vorkommen. Der am Hilsberg  gesichtete Rotmilan meidet Windkraftanlagen nicht. Deshalb sei laut Nabu die Opferrate überproportional hoch. Der Nabu Hessen fordert die  Reduzierung des Kollisionsrisikos: durch das Bepflanzen des Mastfußes und eine unterlassene Mahd dazu beizutragen, die Jagdgebiete unattraktiv zu gestalten. Die Naturschützer fordern zudem, die Kernlebensräume von Windrädern freizuhalten.

von Silke Pfeifer-Sternke

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