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Hinterland Vom Apfelbaum in den Karton
Landkreis Hinterland Vom Apfelbaum in den Karton
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10:26 07.10.2011

Mornshausen/S. „Es gibt dieses Jahr sehr viele Äpfel“, erklärt Klaus Zimmermann das geringe Interesse. Das große Angebot drückt die Preise. Vor einem anderem Baum kann er die Begehrlichkeit nur schwerlich wecken: „Für 6 Euro ist dieser Cox Orange geschenkt“, versucht er einen Anreiz zu geben. Schließlich willigt ein Interessent ein. „Clever“, lautet das Urteil des Versteigerers, der Mann hat drei nebeneinander stehende Bäume auf der 3,5 Hektar großen Wiese ersteigert. Ein Vereinsmitglied klebt einen Streifen Kreppband um den Stamm und schreibt den Namen Gessner drauf. Das geschieht, weil es auch schon vorkam, dass die Ersteigerer beim Erntetermin vor einem leeren Baum standen. Dieses Jahr ist die Versteigerung aufgrund der Trockenheit im Sommer und dem Reifegrad der Früchte früh angesetzt.

Doch heute erhalten nur wenige der 136 hochstämmigen Bäume ein Bändchen, die Kunden können sich ihr Exemplar konkurrenzlos aussuchen. Dabei werden die Gewächse einer eingehenden Bewertung unterzogen, zum Beispiel: „Der hängt nicht so voll, dafür sind die Äpfel schön“, befindet Ernst Becker, der Äpfel zum Lagern sucht.

„Die Früchte sind nicht gespritzt, und es gibt hier in Mornshausen auch Sorten, die nicht im Supermarkt zu haben sind“, preist Zimmermann die Ware an. Doch ob nun Bohnapfel, Goldparmäne, Roter Gravensteiner, Goldrenette von Blenheim, Heuchelheimer Schneeapfel oder Dr. Oldenburger, kaum einer der Bäume geht für die obere Grenze der vorgesehenen Preisspanne von 2 bis 15 Euro je nach Sorte weg.

„Finanziell lohnt sich das nicht“, findet Thomas Weber. Er sucht dagegen Äpfel zum Mosten. Der Frohnhäuser will „3 bis 4 Stück“ ersteigern, damit er mit dem Früchten von seinem Baum im eigenen Garten genug Saft – 300 Liter sollen es werden – für seinen Drei-Personen-Haushalt pressen lassen kann.

Weber kommt wegen der Qualität und des Geschmacks. „Hier weiß man, was man für einen Saft bekommt.“ Einen Pflücktermin hat er auch schon ausgewählt, am Samstag, 8. Oktober, werden die Früchte vom Baum geschüttelt. Pflücken tun nämlich nur diejenigen, die ihre Äpfel lagern wollen. Für diese Kunden schneiden die Mitglieder des Obst- und Gartenbauvereins die Bäume so, dass problemlos Leitern angelegt werden können. Die anderen schütteln die Bäume, sodass es Fallobst gibt. Dann kommen die Guten ins Säckchen, die anderen werden liegengelassen. „Leichte Druckstellen sind in Ordnung, angefaulte Äpfel taugen aber nicht, um Saft herzustellen“, sagt Eckhard Herrmann. Der 49-jährige Bauer betreibt eine der wenigen Apfelkeltereien, die es im Landkreis noch gibt. „Die Erpresser“ – der Name entstand laut Herrmann aus einer Schnapslaune heraus, vielleicht war‘s aber auch Apfelwein – in Niederweimar haben folglich Kundschaft aus dem ganzen Kreisgebiet. An einem Freitag karren Jutta und Hartmut Rink die Ernte ihrer Apfelbäume an. Sack um Sack – geschätzte 6 Zentner – schüttet Hartmut Rink in die mit frischem Wasser gefüllte, ausrangierte Badewanne aus. Von dort gelangt das Obst, unterstützt durch Nachdruck der Helferin Damaris Diehl mit einen ausgedienten Holz-Tennisschläger, auf ein Förderband. Dieses transportiert die Äpfel ins Mahlwerk und dann weiter in die Presse. Der frisch gepresste Apfelsaft wird dann auf 80 Grad erhitzt und so haltbar gemacht. Die pasteurisierte Flüssigkeit wird in mitgebrachte Flaschen, Fässer – wenn man Apfelwein produzieren will – oder einem „Bag-in-Box-Behälter“ abgefüllt. Die Saftbox ist ein Pappkarton mit losem Innenbeutel aus zweilagiger Kunststofffolie, in der der Saft viele Monate haltbar bleibt.

Herrmann hat diese Kartons auf Lager, denn „die meisten Kunden bringen mehr mit, als sie geschätzt haben“. In der Regel wüssten sie nur die Anzahl der Bäume exakt. Ein Zentner (50 Kilogramm) Äpfel ergibt annähernd 30 Liter Saft. Eine Menge, mit der Jutta Rink nicht rechnete. Sie kommt nach Niederweimar, weil sie hier „den Saft der eigenen Äpfel – in diesem Fall der Sorte Jakob Fischer – erhält“. Rink will ihn erstmals in ihrem Biohotel Forellenhof in Bad Endbach anbieten. Sie hat sich rechtzeitig um einen Termin bemüht, die „Erpresser“ sind bis Ende Oktober ausgebucht, danach wird nur noch gepresst, wenn es das Wetter zulässt. Als Alternative bleibt somit nur noch das Angebot einiger Gartenbauvereine, die über eine Saftpresse verfügen.

von Gianfranco Fain

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