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Hinterland Villa Wehrenbold erhält neuen Anstrich
Landkreis Hinterland Villa Wehrenbold erhält neuen Anstrich
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11:00 01.03.2018
Die Villa Wehrenbold in Gladenbach ist derzeit eingerüstet. Das Gebäude steht auf dem Lidl-Gelände. Das Unternehmen hat seinen Markt vergrößert, der heute eröffnet wird. Quelle: Silke Pfeifer-Sternke
Gladenbach

Bei der Villa Wehrenbold ist der Lack ab. Aber jetzt kommt wieder neuer Putz  drauf. Eigentlich hatte Lidl beim Neubau seines Marktes in der Gießener Straße, der am 1. März um 8 Uhr eröffnet wird, den Abriss der Villa fest einkalkuliert. Doch Mitglieder des Heimat- und Museumsvereins Amt Blankenstein wandten sich an den Vorstand mit der Bitte, sich für den Erhalt des geschichtsträchtigen Gebäudes einzusetzen.

Für viele sei das Veto des Heimatvereins nicht nachvollziehbar gewesen. Es sei für die Kritiker einfach nur ein „altes Haus“, sagt Vorsitzende Marion Lange. Doch hinter den Mauern verbirgt sich auch eine Geschichte, die mittelbar mit Gladenbach in Verbindung steht.

Wann genau das Gebäude ­errichtet wurde, ist unbekannt. Fest steht, Johann Dietrich Wehrenbold kaufte die Villa. Wehrenbold ist kein Unbekannter. Er übernahm 1887 zusammen mit seinem Sohn Johannes die Aurorahütte in Erdhausen. Beide sind Namensgeber der Firma Weso: die Buchstaben stehen für Wehrenbold und Sohn.

Johann Dietrich Wehrenbold, Mitinhaber der Firma Schulz & Wehrenbold (Justushütte in Weidenhausen) erkannte, dass die Zukunft nicht in der Verarbeitung von Nickelerz liegt, sondern in einer Eisengießerei. Die Übernahme der Aurorahütte war entscheidend für den bis heute währenden Erfolg des Unternehmens, das sich auf hochwertige Grauguss-Produkte für den Weltmarkt spezialisiert hat. Das Unternehmen gehört seit 1978 zur Viessmann-Gruppe und feierte 2012 sein 125-jähriges Bestehen. Am Standort Erdhausen sind 400 Mitarbeiter beschäftigt. Als Wehrenbolds das Unternehmen übernahmen waren es 21 Mitarbeiter, 1927 fanden dort 270 Menschen Arbeit.

Johann Dietrich Wehrenbold kaufte die Villa in der Gießener Straße von einem Tierarzt und ließ das Haus nach seinen Vorstellungen umgestalten. So jedenfalls sei es innerhalb der Familie überliefert fand Hobbyhistoriker Stefan Runzheimer  heraus.

Mit der Villa untrennbar verbunden war ein großer Park. Dieser sei seinerzeit von dem berühmten Heinrich Siesmayer, von dem auch der Frankfurter Palmengarten stammt, gestaltet worden. Dokumente dazu gebe es leider nicht mehr. Aber vieles deute darauf hin, dass diese Aussage den Tatsachen entspricht, sagt Lange.

Die Familie hatte einen schweren Schicksalsschlag zu verkraften. Der einzige Sohn Johannes Wehrenbold starb 1891 an den Folgen einer Infektion, die er sich zuzog, nachdem er mit einer – zwar verbundenen – Wunde, ein Kind vor dem Ertrinken in der Salzböde rettete.

Wehrenbolds hatten noch  zwei Töchter. Deren Familien leiteten nach dem Tod des Vater (1893) die Firma Weso und wohnten auch teilweise in der Villa Wehrenbold. Ferner war die Villa Treffpunkt für Familienfeiern.

Eine Urenkelin Wehrenbolds heiratete den Gladenbacher Hausarzt Dr. Haun. Später wurde im ehemaligen Park, der sich heute in der Gießener Straße 6 befindet, ein neues Haus errichtet und die Villa Wehrenbold verkauft.

Weil für den Lidl-Neubau mehr Platz benötigt wurde, mussten die Nebengebäude der Villa abgerissen werden. Dort befand sich über Jahrzehnte die Reinigung Plack. Neben dem Hauptgebäude ist auch eine imposante Baumgruppe erhalten, die von der alten Parkanlage die Zeiten überdauert hat.

Der Heimatverein bemüht sich, Informationen zur Villa Wehrenbold zusammenzutragen. Vieles zur Geschichte ist mittlerweile ans Tageslicht gelangt. Dennoch ist der Heimatverein bemüht, noch weitere ­Informationen zur Villa zu erhalten.

  • Kontakt: Marion Lange, Telefon 06462/2302, E-Mail: vorsitzende@amt-blankenstein.de oder hier.

von Silke Pfeifer-Sternke