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Hinterland Ein klares Bekenntnis 
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Landkreis Hinterland Ein klares Bekenntnis 
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22:32 12.04.2017
Architekt Thomas Frauenkron (von links), Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Firmenchef Martin Viessmann bei der symbolischen Einweihung. Quelle: Nadine Weigel
Allendorf (Eder)

Als die Bundeskanzlerin per Hubschrauber auf dem firmeneigenen Viessmann-Flugplatz in Allendorf landet, ist gerade Schichtwechsel. Und so nutzen einige der Mitarbeiter die Gelegenheit, schnell noch ein Selfie mit Angela Merkel zu machen, bevor sie in den Feierabend verschwinden.

Im Festsaal hat zuvor Dr. Klaus-Peter Kegel, Chef der Viessmann-Division Heizsysteme, die Leitidee des neuen „Technikums“ erläutert: „Mit einem Volumen von über 50 Millionen Euro ist diese neue Keimzelle für Innovationen die bisher größte Einzelinvestition in der 100-jährigen Firmengeschichte.“

Fünf Jahre lang habe die Entwicklung von der ersten Idee bis zur finalen Fertigstellung benötigt. „Im Fokus steht die Entwicklung neuer, hocheffizienter, emissionsarmer und konnektiver Wärmeerzeuger, die einen entscheidenden Beitrag zur Bewältigung des Klimawandels und der Digitalisierung leisten“, so Kegel.

Al-Wazir: Energiewende muss sexy werden

Auf einer Fläche von rund 11.000 Quadratmetern würden interdisziplinär alle Bereiche einbezogen, die zum Entstehungsprozess innovativer Produkte beitragen könnten – „ob Brennstoffzellen, Mikro-Kraft-Wärme-Kopplung, Wärmepumpen, Batteriespeichersysteme oder multifunktionale Energiesysteme“. Im „Technikum“ würden Ideen von Prototypen bis hin zur Serienreife umgesetzt. 160 Mitarbeiter würden an den Versuchsständen, Prüfaufbauten und Laboreinrichtungen arbeiten. Und das in einer „offenen und transparenten Architektur, die sich unmittelbar in den Dienst der Nutzer stellt“.

110 hochflexible Prüfstände 
gebe es, um alle Wärmeerzeuger der Viessmann-Gruppe – bestehende als auch zu entwickelnde – testen zu können. An gut 250 Lebensdauer-Prüfständen „altern die Prüflinge im Schnelldurchlauf“, um ihre Widerstandsfähigkeit zu beweisen – „oder sie werden in einer der 12 Klimakammern den rausten Umweltbedingungen ausgesetzt“. Zudem gebe es chemische, metallurgische und elektrotechnische Labore, um Bauteile zu kontrollieren oder sie Stresstests zu unterziehen.

Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) scherzte: 
„Wenn man sich die Fotos anschaut – das ist ja fast wie Urlaub machen, wenn man hier arbeiten darf.“ Viessmann sei am 
Puls der Zeit – „und das ist heute die Digitalisierung“, so der Minister. Denn ohne diese sei die Energiewende nicht machbar – man benötige die Digitalisierung „nicht nur im Strombereich, sondern auch im Wärme- und Kältebereich und auch in der Mobilität“. Intelligente Zähler, intelligente Wohnungen, intelligente Gebäude, intelligente Stromnetze und eine intelligente Ökonomie – das alles funktioniert nur, wenn man auch intelligente Menschen hat.“ Und genau das leiste Viessmann mit seinem „Technikum“.

Bei Energiewende dächten alle immer an erneuerbare Energien. „Aber ohne Einsparung und Effizienz kommen wir auch nicht weiter – wenn die erneuerbaren Energien dann weiter verschwendet werden. Insofern ist Effizienz der Schlüssel zur Energiewende“, ist sich Al-Wazir sicher. Außerdem müsse die Energiewende „sexy“ werden. „Der Sex-Appeal einer Styroporplatte zur Dämmung hält sich in Grenzen“, sagte der Minister.

Früher habe man die Heizung versteckt – heute seien die Produkte durchaus „wohnzimmertauglich“. „Wir haben’s dann geschafft, wenn die Unterhaltung über den Gartenzaun nicht heißt: ,Soll ich dir mal meinen neuen Grill zeigen.‘ – sondern wenn es heißt: ,Darf ich dir mal meine neue Heizung zeigen.‘ Dazu leisten Sie hier einen großen Beitrag.“

Andreas Kuhlmann, Sprecher der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur, betonte, dass Deutschland zwar bei der Energiewende auf Kurs sei – die Klimaziele jedoch verfehle. 
Erneuerbare Energien seien mit einem Drittel Marktanteil längst eine tragende Säule auf dem Energiemarkt. „Heute ist eine der ganz zentralen Fragen, wie es uns gelingt, aus den vielen Komponenten ein Projekt aus einem Guss zu machen“, sagte er. Dabei seien Dezentralisierung und Digitalisierung wichtig – und die Energieeffizienz der treibende Faktor der Innovation.

Viessmann: Energiewende ist eine Frage des Wollens

Professor Friedbert Pflüger vom „King’s College“ London verdeutlichte, dass alleine 2015 rund 153 Gigawatt weltweit aus erneuerbaren Energien gewonnen worden seien. Das Zwei-Grad-Ziel sei global akzeptiert, allerdings werde es nun unter der Administration von US-Präsident Donald Trump infrage gestellt. Der Antreiber werde zum Bremser – daher müsse Deutschland weiterhin den Kurs halten, „er nutzt uns ökonomisch, aber vor allem auch der Zukunft“, sagte Pflüger. Jedoch müsse die Energiewende erschwinglich für die Verbraucher bleiben.

Professor Martin Viessmann verdeutlichte: „Das neue Forschungs- und Entwicklungszentrum am Stammsitz unseres Unternehmens ist zugleich ein weiteres klares Bekenntnis zu unserer Region.” Mit dem Technikum gebe man den Innovationen ein neues Zuhause, „denn Raum für Ideen, für Forschung und Entwicklung ist die zentrale Voraussetzung, um die Herausforderungen von heute und morgen erfolgreich bewältigen zu können“. Das „Technikum“ leiste einen Beitrag dazu, „dass Heizen immer effizienter wird und die Welt in einigen Jahrzehnten ohne fossile Energie auskommt“.

Der Erfolg der Energiewende sei jedoch keine Frage der Technologie – „er ist einzig eine Frage des Wollens“. Es gelte, die neu entwickelte Technik auch auf die Straße zu bringen – denn die Hälfte des Energieverbrauchs in Deutschland entfalle auf den Wärmemarkt. „Durch konsequente Sanierung des veralteten Bestands könnte die Effizienz um 30 Prozent erhöht werden – das alleine ergäbe eine Einsparung von 15 Prozent des gesamten Energieverbrauchs“, sagte Viessmann.

Damit dies gelinge bedürfe es aber auch „zielführender, verlässlicher und technologieoffener politischer Rahmenbedingungen“. Die steuerliche Abschreibung von Investitionen in die energetische Sanierung und eine Neuordnung der Abgaben auf Energieträger könne dabei helfen, „den Wärmemarkt als schlafenden Riesen zu erwecken“.

Hoher Stellenwert von Forschung und Entwicklung

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betonte: „Energiesparen hat Sie groß gemacht – es ist in den genetischen Code der Firma übergegangen: Man kann mit Sparen erfolgreich sein.“ Es gehe darum, den Energieverbrauch zu drosseln, Ressourcen einzusparen, Kosten zu senken – „aber auch dem Klimaschutz zu dienen. Das bleibt angesichts des rasanten Bevölkerungswachstums der gesamten Welt eine Riesenaufgabe“, so Merkel. Dieser Aufgabe stelle sich Viessmann. Mit dem „Technikum“ unterstreiche das Unternehmen, „welchen hohen Stellenwert Sie Forschung und Entwicklung für Ihr Unternehmen einräumen – damit befinden Sie sich in guter Gesellschaft und geben ein praktisches Beispiel“, sagte Merkel.

Auf der Bundesebene nähere man sich dem Thema steuerliche Forschungsförderung an – 
„man muss in Anwesenheit von Landesministern bei Steuern immer ein bisschen vorsichtig sein“, scherzte sie. Im jüngst verabschiedeten jährlichen „Bundesbericht Energieforschung“ spiele die Energieeffizienz eine große Rolle – es gebe eine Vielzahl von Förderprogrammen.

Auch sie sehe den Wärmemarkt als schlafenden Riesen, „wir müssen Anreize setzen, Gebäude im Bestand zu verbessern“. Daher werde sie einen neuen Anlauf nehmen, die steuerliche Förderung für die Gebäudesanierung zu erreichen. Die Regierung habe auch einen Aktionsplan zur Energieeffizienz verabschiedet – „allerdings haben wir dort noch einen langen Weg zu gehen“, vor allem im Bestand gebe es noch einen immensen Investitionsbedarf.

von Andreas Schmidt

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