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Viessmann verkauft Weso-Aurorahütte

Wirtschaft Viessmann verkauft Weso-Aurorahütte

Noch haben die Kartellbehörden nicht zugestimmt, doch die Tinte unter den Verträgen ist trocken: Die Serafin-Gruppe aus München hat die Weso-Aurorahütte in Gladenbach von ­Viessmann gekauft.

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Die Gießerei Weso-Aurorahütte in Erdhausen ist verkauft: Das Unternehmen ging von Viessmann an den Münchener Mischkonzern Serafin.

Quelle: Thorsten Richter

Gladenbach. Beide Unternehmen teilten gestern mit, dass das Münchener Familienunternehmen 100 Prozent der Anteile von der Viessmann Group übernommen habe. Über den Kaufpreis haben beide Seiten Stillschweigen vereinbart.

Weso mit seinen mehr als 400 Mitarbeitern ist auf die Herstellung von Grauguss-Produkten spezialisiert, die international in anspruchsvollen Branchen im Einsatz sind. Im vergangenen Jahr beging das Unternehmen sein 130-jähriges Bestehen.

Ölheizungen sind nicht mehr gefragt

Weso war laut Unternehmensangaben seit mehreren Jahrzehnten Teil der Viessmann Group und hat diese mit Gussteilen für die Heiztechnik beliefert. „Jedoch finden die Teile immer weniger Einsatz in unseren Heiztechniksystemen“, erläuterte Jörg Schmidt, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit bei der Allendorfer Unternehmensgruppe. Insofern sei der Verkauf „ein logischer Schritt“ gewesen. Denn Weso habe für die Heiztechnik von Viessmann sogenannte „biferrale Verbundheizflächen“ hergestellt – diese sind das Herzstück hauptsächlich von Ölheizkesseln und werden für die Wärmeübertragung zwischen Brenner und dem Heizwasser genutzt. „Der Bedarf an Ölheizungen habe im Neubau allerdings keine Relevanz mehr“, erläutert Schmidt, „die Gasbrennwerttechnologie und auch die Wärmepumpe haben sich auf breiter Front durchgesetzt“.

Das zeigen auch Zahlen des Bundesverbands der Deutschen Heizungsindustrie: Demnach wurden im vergangenen Jahr bundesweit 472 500 Geräte mit Gas-Brennwerttechnik abgesetzt, 78 000 Wärmepumpen – und lediglich 63 500 Ölheizungen. Die Entwicklung – nämlich der immense Rückgang im Verkauf von Ölheizkesseln im Verlauf der vergangenen zehn Jahre – habe vergleichbar auch bei Viessmann stattgefunden. „In der Folge benötigen wir auch weniger dieser Gussteile“, erläuterte Schmidt.

Viessmann werde auch weiterhin ein wichtiger Kunde für Weso bleiben. Darüber hinaus arbeite die Gießerei bereits heute für Industriekunden aus unterschiedlichen Branchen – sowohl bei Viessmann als auch bei den bisherigen Drittkunden „rechnet Weso mit weiteren Wachstumspotenzialen. Dabei wird der Fokus insbesondere auf dem weiteren Auf- und Ausbau des Drittkundengeschäfts liegen“, heißt es.

Für die Beschäftigten soll sich nichts ändern

„Die Mitarbeiter in Gladenbach haben mit ihrem vorbildlichen Engagement maßgeblich zur erfolgreichen Entwicklung der Weso über viele Jahrzehnte beigetragen. Dafür bedanke ich mich ausdrücklich. Zugleich freue ich mich, dass die Aurorahütte mit der Übergabe an Serafin weiterhin in guten, familiengeführten Händen ist“, sagte Professor Martin Viessmann, Präsident des Executive Boards der Viessmann Group. Man sei „fest überzeugt, dass die Weso damit auch für die Zukunft sehr gut aufgestellt ist”.

Philipp Haindl, einer der Gründer der Serafin Unternehmensgruppe und Vertreter der Gesellschafterfamilie, betonte, dass sich für die mehr als 400 Beschäftigten der Gladenbacher Gießerei nichts ändern werde. Die bisherige Strategie von Weso als Kundengießerei werde weiterentwickelt. „Wir investieren in etablierte mittelständische Unternehmen, die auf ein funktionierendes Geschäftsmodell zurückgreifen und durch den Einsatz operativer und strategischer Maßnahmen weiterentwickelt werden können.“ Philipp Haindl sehe Entwicklungspotenzial „insbesondere im Geschäft mit Drittkunden“, sagter er auf Anfrage der Oberhessischen Presse.

Bürgermeister Peter Kremer vom Verkauf überrascht

Gladenbachs Bürgermeister Peter Kremer wurde gestern Vormittag von der Verkaufsmitteilung überrascht. Ebenso dürfte es der Mehrheit der rund 400 Beschäftigten ergangen sein, die gestern Mittag während einer Betriebsversammlung über den Eigentümerwechsel informiert wurden – wie es aus Unternehmenskreisen heißt, habe die Belegschaft die Nachricht „ruhig und gelassen mit einigen Nachfragen“ aufgenommen.

Für den Gladenbacher Bürgermeister kommt diese Entwicklung umso überraschender, steckt die Stadtverwaltung doch noch mitten in der Umgestaltung des Flächennutzungsplanes für das Weso-Gebiet. Wie in solchen Fällen üblich, geschah dies in enger Abstimmung mit dem Unternehmen. Weso wollte im Laufe der nächsten Jahre den gesamten Produktionsprozess umbauen. Was nun aus diesen Plänen wird, vermochte Kremer gestern nicht zu sagen. „Wir werden uns mit den neuen Eigentümern in Verbindung setzen, sobald die Tinte unter den Verträgen trocken ist“, sagte er der OP.

Dazu teilte Philipp Haindl auf Anfrage der OP mit, man werde „die Pläne eingehend prüfen und dann gemeinsam mit der Geschäftsführung das weitere Vorgehen besprechen. Momentan haben wir noch keine Entscheidung getroffen“.

von Andreas Schmidt und Gianfranco Fain

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