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Hinterland „Ein tragischer Fall auf allen Seiten“
Landkreis Hinterland „Ein tragischer Fall auf allen Seiten“
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19:34 25.04.2018
Dem Angeklagten wurden am Dienstag zum letzten Mal im Gerichtssaal die Handschellen abgenommen. Quelle: Nadine Weigel
Niederhörlen

Nach fünf Prozesstagen ist für die Kammer der Vorwurf des versuchten Mordes sowie der gefährlichen Körperverletzung eindeutig erwiesen. Zur Rechenschaft zu ziehen ist der verurteilte Täter dafür nicht, er gilt als schuldunfähig, ist aber zu einer Unterbringung in eine psychiatrische Klinik verurteilt.

Denn nach Überzeugung des Gerichts war eine schwere Psychose Auslöser für die Bluttat am 4. August 2017, als der Angeklagte seinen Freund aus Kindertagen auf offener Straße niederstach, mit dem Ziel ihn zu töten (OP berichtete). Das heute 27 Jahre alte Opfer überlebte die „grausame Tat“ nur durch „großes Glück“. Die Tat belaste nicht nur das Opfer und seine Familie, so der Vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm, sondern zerstörte auch die Familie des Täters, die an der prekären Entwicklung des Angeklagten fast zerbrach. „Es ist auf allen Seiten ein tragischer Fall“.

Den heute 24 Jahre alten Angeklagten nahmen seine Angehörigen als glückliches Kind wahr, das lange Zeit unauffällig war und in dem doch „die furchtbare Saat einer psychischen Erkrankung lag“, fasste der Richter zusammen. Diese „ging erst spät auf in einer Krankheit, für die es keine Heilung gibt“ und die ein aussagekräftiges psychiatrisches Gutachten belegt.

Die Diagnose des forensischen Psychiaters Dr. Rolf Speyer lautet auf eine eindeutige paranoide halluzinatorische Schizophrenie, „daran habe ich keinerlei Zweifel, die Psychose war bei ihm sehr hartnäckig“, so der Gutachter. Auslöser könnte­ ­Drogenmissbrauch in der ­Jugend sein.

"Ein klassisches Wahndelikt“

Mit der Zeit entstanden wahnhafte Halluzinationen, der Heranwachsende begann „quälende Stimmen“ zu hören, die die Kontrolle über sein Wesen übernahmen. Schließlich empfand der Mann seine Umwelt zunehmend als bedrohlich, fühlte sich verfolgt. Dem Psychiater gab der Beschuldigte an, „er käme sich benutzt vor, als ob das jemand anderes mit ihm gemacht hat“.

Für den Gutachter ist der ­Angriff „das Resultat der Geisteskrankheit, ein klassisches Wahndelikt“. Aufgrund seiner Erkrankung gilt der Angeklagte als schuldunfähig und ist deshalb für die Tat nicht zur ­Rechenschaft zu ziehen.

Als eiskalten Mörder betrachteten weder die Prozessbeteiligten noch die Zeugen den Angeklagten. Nicht nur seine Familie verzieh dem Verwandten die gewalttätigen Übergriffe, sondern auch das Opfer: „Ich wünsche meinem alten Freund alles Beste“, sagte der Geschädigte vor der Urteilsverkündung.

Kritisiert wurde vor Gericht vor allem die Entwicklung des Mannes, zu der es nur durch Versäumnisse von Ärzten gekommen sein soll. Zeugen und Prozessbeteiligte kritisierten mehrfach die späte Diagnose und nicht erfolgte Behandlung der Psychose. Denn Auffälligkeiten gab es schon Monate vor der Messerattacke, was die Eltern mehrfach bei Ärzten thematisierten, wiederholt versuchten, den Sohn in eine Psychiatrie unterzubringen. Mal lehnte man ihn wegen Platzmangel ab, mal behandelte man ihn einige ­Wochen und entließ ihn dann.

Angeklagter leidet unter einer Psychose

So geschehen Anfang 2017. Auch der Sachverständige kritisierte die schnelle Entlassung, nachdem in Siegen keine Anzeichen einer anhaltenden Psychose festgestellt wurden. Ein Grund dafür könnte die beim Angeklagten ausgeprägte­ besondere­ Form der Krankheit sein: Demnach gelang es ihm zeitweise, die Symptome zu verbergen, seinen wahren Zustand zu verheimlichen, „unter Aufbietung all seiner Willenskräfte“, sagte Speyer.

Dennoch gab es schon damals klare Anzeichen, welche die ­Experten übersahen, „der Verdacht hätte zumindest bestehen müssen“.

Diesen Punkt kritisierte auch Christina Benfer-Jenke, Vertreterin der Nebenklage, die „eklatante Fehlentscheidungen“ bemängelte. „Diese Tat hätte verhindert werden können“, doch die Warnungen der Mutter, später auch des Angeklagten, seien ungehört abgetan worden.

Nach seiner Entlassung bezog der junge Mann eine eigene Wohnung und zog sich zunehmend zurück. Zwischenzeitlich bestand zwar Kontakt zu einem weiteren Psychiater, der Anzeichen einer Psychose feststellte – die verordneten Antipsychotika setzte der Angeklagte jedoch wenige Tage vor der Tat ab. Sein Zustand kippte, es folgte die Messerattacke.

Trotz seines psychotischen Schubs ging er dabei „durchaus planmäßig und berechnend vor“, befand Staatsanwalt Timo Ide in seinem Plädoyer. Der Täter nutzte somit die Arglosigkeit seines Opfers aus, der mit einem Angriff seines Freundes nicht rechnete. Damit erfüllte der Angeklagte das Mordmerkmal der Heimtücke, sei dabei „nicht in der Lage gewesen, das Unrecht einzusehen – eine Bestrafung scheidet hier aus“, betonte Ide, der eine Unterbringung beantragte.

"Ausdruck einer paranoiden Weltsicht"

Darauf plädierte Verteidiger Bernhard Schroer­ ebenfalls. Er ging nicht von Heimtücke aus. Vielmehr sei der Beschuldigte in seinem Wahn gefangen, das Messer eher Ausdruck seiner paranoiden Weltsicht. Die macht den Mann weiterhin gefährlich, auch wenn sich sein Zustand heute gebessert habe, befand Speyer. Vollkommen abgeklungen sei der psychotische Schub nicht, es ­bestehe noch ein „mangelndes Krankheitsbewusstsein“, gab der Sachverständige eine „noch ungünstige Prognose“. Auch sei der Mann nicht ideal medikamentös eingestellt.

Ein Grund, weshalb der ­Angeklagte emotions- und teilnahmslos wirkte. Er verfolgte­ die Verhandlung lethargisch, war still, starrte meist zu Boden und hob kaum den Blick. Er sei „antriebsarm, emotional noch nicht schwingungsfähig – die Stabilität muss noch wachsen“, so der Gutachter. In seinem aktuellen Zustand stelle der Mann eine Gefahr für andere dar. Speyer sprach sich für eine Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik für mindestens zwei Jahre aus.

Dem folgte die Kammer. „Die Gefährlichkeit für die Allgemeinheit kann nicht abgestritten sein“, fasste der Richter die Entscheidung zusammen. Das Urteil ist rechtskräftig.

von Ina Tannert