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Bluttat "auf Gottes Befehl"

Versuchter Mord in Steffenberg Bluttat "auf Gottes Befehl"

Gestern begann vor dem Marburger Landgericht ein Prozess wegen versuchten Mordes gegen einen Mann, der im August 2017 in Steffenberg versucht haben soll, seinen Freund mit einem Messer zu töten.

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Dem Angeklagte werden im Gerichtssaal die Handschellen abgenommen.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Am ersten Prozesstag berichtete der Geschädigte­ vor dem Schwurgericht von dem gemeinsamen Abend mit dem Angeklagten, der in einer Bluttat und für den heute 24-Jährigen mit einer Notoperation in der Klinik endete. Opfer und mutmaßlicher Täter kennen sich seit der Grundschule, pflegten ständigen Kontakt.

„Wir sind seit jeher gute­ Freunde gewesen“, sagt der Geschädigte und Nebenkläger. Sie trafen sich am 4. August 2017 zu einem Filmabend im Haus seiner Familie. Gegen halb zwölf fuhr das Opfer den Kumpel nach Hause. Bei einem Stopp im Steffenberger Ortsteil Niederhörlen zückte der Angeklagte ein Messer, das er bis dahin neben dem Beifahrersitz in der Hand versteckt hielt, und stach zu. „Aus heiterem Himmel“, sagte der Zeuge. Er hielt die Attacke erst für Schläge und stieg aus dem Auto, wollte den Freund zur Rede stellen. Als er das Blut an seiner Brust bemerkte, ergriff er die Flucht.

Der Angreifer folgte ihm, holte ihn ein und umschlang den Kumpel von hinten mit einem Arm, sagte der Zeuge. Dann stach er weitere Male in Oberkörper und Genitalbereich seines Opfers, das zu Boden ging. In dem Glauben, dass dieses sterben würde, ließ er von ihm ab und floh mit dem Auto des Freundes, heißt es in der Anklageschrift.

Opfer: "Eigentlich hätte ich tot sein müssen"

Das Opfer erlitt lebensbedrohliche Verletzungen durch fünf tiefe Stiche, konnte nur durch das schnelle Eingreifen der Ersthelfer und Rettungskräfte überleben.

„Eigentlich hätte ich tot sein müssen“, sagte der Geschädigte, der sich vor Gericht auffallend gewählt und blumig ausdrückte. Psychische Probleme habe die Bluttat bei ihm nicht hinterlassen, doch eines mache ihm bis heute zu schaffen: nämlich „dass es ein Schwächerer geschafft hat, mich in die Flucht zu schlagen – das kratzt an meiner Ehre“, betonte der 27-Jährige.

Auch sein Auto nutze er weiterhin, nachdem die Spuren der Tat beseitigt worden sind. Nach dem Angriff soll der Angeklagte damit geflüchtet sein. Wie ein Polizist mitteilte, behielt er den blutverschmierten Wagen für zwei Tage, übernachtete darin und fuhr schließlich zu Bekannten in Nordrhein-Westfalen, um sich Hilfe zu holen. Während des Gerangels verletzte er sich anscheinend selbst mit dem Messer am Oberschenkel. Er wurde in einer Klinik behandelt, ein Arzt alarmierte die Polizei, die den Mann festnahm.

Angeklagter fiel wegen seines Verhaltens auf

Bis heute ist die Tatwaffe, angeblich ein langes Küchenmesser, nicht wieder aufgetaucht. Seit der Tat ist der Angeklagte in einer Psychiatrie untergebracht, er soll an einer psychischen Störung leiden. Laut Anklage ist er „nicht in der Lage, das Unrecht einzusehen“.

Ein Sachverständiger begleitet den Prozess. Mehrere Zeugen berichteten von möglichen Anzeichen einer geistigen Störung. Dem Geschädigten fiel nicht nur während der Tat, sondern bereits davor ein merkwürdiges Verhalten des Freundes auf. Noch während dieser zum wiederholten Male zustach, ­habe er ins Ohr seines Opfers geflüstert, „er könne nichts dagegen tun, er handelt auf Gottes Befehl“.

Auch während des zwanglosen Treffens zuvor habe der Angeklagte seltsame Dinge geäußert. Etwa, dass er ein „Auserwählter Gottes“ sei und Freude daran habe, Schmerzen zu empfinden.
Der Beschuldigte schweigt zu den Vorwürfen und gibt Erinnerungslücken an.

Bereits zweimal in die Psychiatrie eingewiesen

„Ich fühle mich gut, ich bin etwas aufgeregt“, teilte der heute 24-Jährige zu Prozessbeginn auf Nachfrage des Vorsitzenden Richter Dr. Frank Oehm mit. Die mehrstündige Verhandlung verfolgte er still, den Nebenkläger und alten Freund schaute er kaum an, starrte meist ausdruckslos vor sich hin und blinzelte immer wieder.

Der Polizei gegenüber soll er ausgesagt haben, seit mehr als einem Jahr Stimmen zu hören und deren Befehlen folgen zu müssen – ein Grund, weshalb der arbeitslose Mann seine Ausbildung abgebrochen hatte.

Wie die Familie des Opfers berichtete, sei der Angeklagte in seinem Umfeld meist als stiller, unscheinbarer Typ bekannt gewesen.

Erste Auffälligkeiten gab es jedoch bereits vor einigen Jahren: Während der Schulzeit soll er etwa versucht haben, sich vom Dach der Schule zu stürzen, erinnerte sich die Schwester des Geschädigten.

Später soll es in der Familie des Angeklagten zunehmend zu Schwierigkeiten und Gewalt seinerseits gekommen sein, unter anderem soll er eine Verwandte eine Treppe hinuntergestoßen und seine Eltern attackiert haben. Zweimal wurde er bereits in die Psychiatrie eingewiesen.

Besonders prekär dabei: Nur zwei Wochen vor der Tat soll der Mann versucht haben, erneut einen Platz zu bekommen, wollte sich selbst einweisen. Angeblich wurde er weggeschickt, mit der Begründung, dass keine Betten frei wären.

  • Der Prozess wird am Donnerstag, 12. April, im Saal 101 am Landgericht fortgesetzt.

von Ina Tannert

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