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Fußballfans mit einem Problem: Alkohol

Versuchter Mord Fußballfans mit einem Problem: Alkohol

Am dritten Verhandlungstag machte sich das Gericht einen Eindruck der Lebensumstände der zwei Angeklagten, die auf dem Kirschenmarkt 2017 einen jungen Mann fast tot­geprügelt haben sollen.

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Wenn die sportliche Rivalität zweier Fußballclubs in sinnlose Gewalt ausartet: Zwei Schalke-Fans sind wegen versuchten Mordes an ­einem BVB-Anhänger angeklagt. Tatort war im vergangenen Jahr der Kirschenmarkt in Gladenbach.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Als Grund für eine Auseinandersetzung auf dem Volksfest in Gladenbach steht die Rivalität zwischen den Fans der Fußballvereine Schalke 04 und Borussia Dortmund im Raum. Zwei Schalke-Fans sollen einen 22-jährigen BVB-Anhänger geprügelt und getreten haben, bis er mit dem Kopf auf den Boden schlug. Daraufhin soll einer der beiden noch weiter gegen den Kopf des Opfers getreten haben. Der 22-Jährige trug lebensbedrohliche Verletzungen davon, wurde in der Uniklinik in Marburg notoperiert und überlebte.

Am dritten Verhandlungstag (hier die Berichte vom ersten und zweiten Verhandlungstag) vor der großen Jugendkammer des Landgerichts Marburg standen die Lebensumstände der beiden mittlerweile 20-Jährigen Angeklagten im Mittelpunkt. Sie teilen die Vorliebe für den FC Schalke und haben ein Problem gemeinsam: Am Wochenende und zu besonderen Anlässen trinken beide gerne einen über den Durst und verlieren dann die Kontrolle. Anhand einer Blutuntersuchung schätzt die Rechtsmedizin den Alkoholpegel zur Tatzeit auf 1,13 bis 1,73 Promille.

Ein bis zwei Flaschen Schnaps pro Spieltag

Stand in der Vergangenheit ein Besuch im Fußballstadion an, konnten es am Tag „ein bis zwei Flaschen Schnaps“ werden – dazu noch Bier, berichtete der Angeklagte aus Kassel. In dessen Leben zeigte die Jugendgerichtshilfe einige Brüche auf. Nach der Trennung der Eltern geht es für ihn mit der Mutter nach Nordrhein-Westfalen. Mit acht Jahren fällt er wegen Aggressionen auf. Ein Arzt attestiert ein Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS), er bekommt Medikamente, die er mit 14 Jahren selbst absetzt.

2014 zieht er zurück zum Vater nach Kassel, vorausgegangen waren ein Schulverweis und zunehmende Probleme mit der Mutter. Auf Schulabschluss und FSJ in einem Altenheim folgt – statt der geplanten Ausbildung zum Altenpflegehelfer – ein Jahr, in dem er „versackt“, „null Bock hat“. Anerkennung habe er in der Schalke-Fangemeinde und beim Sport – Kickboxen – bekommen. Nach der Trennung von der Freundin und dem Krebstod eines Freundes habe er abgebaut, hieß es im Bericht der Gerichtshelferin. In der Untersuchungshaft in Rockenberg engagiere er sich und suche Hilfe beim Seelsorger und dem psychologischen Dienst. Die Gerichtshilfe sieht den 20-Jährigen auf einem guten Weg in die Selbstständigkeit, mit Hilfe könne er seine Probleme in den Griff bekommen. Deshalb schlug sie ein Urteil nach dem Jugendstrafrecht vor.

Parole in Haft: „Dortmund jagen und vernichten“

Soziale Kontakte, Arbeit in der Altenpflegehilfe. „Das passt alles nicht zu dem, was in Gladenbach passiert ist“, sagte Richter Dr. Thomas Wolf und las vor, was der Angeklagte zu Beginn seiner Untersuchungshaft auf einen Zettel geschrieben hat: „Dortmund jagen und vernichten. Bullen kriegen Pflastersteine vor die Hälse. Wir schlachten ganz Dortmund“, waren nur einige der Parolen. Diese seien in der Ultraszene „nichts außergewöhnliches“, versuchte Verteidiger Knuth Meyer-Soltau zu relativieren. Der Angeklagte habe damit aus Langeweile „Frust abbauen wollen“, erklärte Meyer-Soltau, der als „Fananwalt“ im Ruhrgebiet bekannt ist.

Auch für den Angeklagten aus Hohenahr schlug die Jugendgerichtshilfe nach ihrem Bericht vor, das Jugendstrafrecht anzuwenden. In seiner frühen Kindheit habe es keine Auffälligkeiten gegeben. Erst in der weiterführenden Schule bekommt er Schwierigkeiten, wird gemobbt und fühlt sich als Außenseiter. Unter Alkoholeinfluss gerät der 20-Jährige mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt: Eine Schlägerei auf einem Hoffest, Beleidigung und Widerstand gegen Polizisten auf dem Hessentag in Herborn, führte Richter Wolf ebenso auf wie Schwarzfahren. In der Untersuchungshaft beweise er soziale Kompetenz, zeige sich ruhig und besonnen. „Diese Straftaten wären ohne Alkohol nicht passiert“, beteuerte der Angeklagte. Deshalb seien Suchtberatung und ein Anti-Aggressions-Training dringend nötig, erklärte die Gerichtshelferin.

von Philipp Lauer

Fortsetzung
Der Prozess wird am 23. Februar um 11 Uhr am Landgericht Marburg fortgesetzt. Dann will das Gericht unter anderem über zwei Anträge der Nebenklage entscheiden: Ein Neurologe soll untersuchen, ob das Opfer bleibende organische Hirnschäden davongetragen hat. Zudem soll geklärt werden, ob die langen Narben am Kopf den Mann dauerhaft entstellen.
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