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"Verrat an ihrer öffentlichen Aufgabe"

Interview "Verrat an ihrer öffentlichen Aufgabe"

Dr. Friedrich Heubel, der Vorsitzende der Gesellschaft für Ethik in der Medizin, hält es für eine "große Tat", dass sich die UKGM-Kliniksdirektoren für eine Entprivatisierung ausgesprochen haben.

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Der Ethiker Dr. Friedrich Heubel nimmt im OP-Interview Stellung zur Diskussion um das Uniklinikum Marburg.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. OP: Als die Privatisierung des Universitätsklinikums Gießen und Marburg (UKGM) im Landtag verhandelt wurde, hat die Gesellschaft für Ethik und Medizin Marburg eine kritische Stellungnahme abgegeben. Haben sich Ihre Befürchtungen jetzt bestätigt?

Dr. Friedrich Heubel: Im Wesentlichen ja. Was wir nicht vorhergesehen haben, ist, dass es die Stellenstreichungen sein würden, die das Problem haben eskalieren lassen.

OP: Sie haben die Privatisierung des Marburger Universitätsklinikums als unethisch bezeichnet. Warum?

Heubel: Jeder von uns will möglichst gesund und leistungsfähig sein. Aber wir alle sind auch darauf angewiesen, dass die ganze Gesellschaft funktioniert. Deshalb hat jeder von uns auch ein Interesse daran, dass alle anderen möglichst gesund und leistungsfähig sind. Und deshalb gibt es ein Gesundheitswesen. Dafür wollen wir aber alle möglichst wenig bezahlen. Denn das Geld fehlt uns dann an anderer Stelle. Wer also soll wie viel für unser funktionierendes Gesundheitswesen bezahlen? Oder, anders gefragt, wer soll für sein Geld welche Leistungen bekommen? Das ist ein öffentliches, kein Privatproblem, und deshalb eine Aufgabe unserer gewählten Politiker. Wenn die meinen, man könnte Krankenhäuser, noch dazu Universitätskrankenhäuser, wieder einem Privatinteresse überlassen, nämlich dem von Krankenhauskonzernen, dann ist das, meine ich, ein Verrat an ihrer öffentlichen Aufgabe.

OP: Was ist unethisch daran, mit Dienstleistungen für die Gesundheit Geld verdienen zu wollen?

Heubel: Natürlich ist es nicht unethisch, wenn Ärzte und Schwestern ihr Geld damit verdienen, dass sie ihren Beruf ausüben. Das Unethische fängt an, wenn sie ausgenutzt werden. Wenn sie ihren Job nicht mehr so machen können, wie sie ihn gelernt haben, wenn sie professionelle Standards verletzen müssen, wenn sie Überlastungsanzeigen schreiben - und zwar nicht aus dem Grund, dass ein Mangelzustand herrscht, den niemand zu verantworten hat, sondern weil ein Krankenhauskonzern seinen Aktionären Dividenden zahlen muss.

OP: Führt die gegenwärtige Leistungsabrechnung im Gesundheitswesen nicht zu dem Zwang in Krankenhäusern, Behandlungen durchzuführen, die medizinisch gesehen nicht notwendig sind?

Heubel: Die deutsche Krankenhausgesellschaft empfiehlt den Krankenhausmanagern, mit ihren Chefärzten Boni zu vereinbaren, zum Beispiel für die Steigerung von Fallzahlen. Warum zahlt ein Manager einen zusätzlichen Bonus? Weil er will, dass jemand das tut, wofür er den Bonus bekommt. Wenn der Manager nicht wüsste, das dieser Anreiz funktioniert, würde er den Bonus nicht zahlen. Tatsächlich werden die Fallzahlen auch gesteigert, Rhön rühmt sich dafür. Aber diese „Fälle“ wären ohne den Bonus woanders versorgt worden. Dass sie im Rahmen der Fallzahlsteigerung medizinisch besser versorgt werden, ist völlig offen. Sie sind nur anders verteilt worden. Und dass dabei auch nichtmedizinische Gründe mitspielen, sieht man daran, dass zum Beispiel die Häufigkeit von Kaiserschnitten in den deutschen Regionen völlig verschieden ist.

OP: Wie steht es mit dem hippokratischen Eid in einem gewinnorientiert arbeitenden Kliniksbetrieb?

Heubel: Der hippokratische Eid steht für eine Haltung, die keine Kompromisse zum Nachteil des Patienten eingeht. Das ist aber heute anders als im alten Griechenland. Denn damals gab es keine Gesundheitsindustrie und nicht die alles durchdringende Kommerzialisierung. Kein Einzelner kann dem widerstehen. Nur die Ärzteschaft als Ganzes könnte das. Und deshalb war es eine große Tat, dass die Kliniksdirektoren und der Marburger Dekan sich öffentlich für die Entprivatisierung ausgesprochen haben. Man muss zugeben, dass das schwer für sie war. Sie haben zum Wohl der Patienten gehandelt. Aber sie mussten in Kauf nehmen, dass möglicherweise kurzfristig Vertrauen verlorengeht.

OP: In der Auseinandersetzung um Stellenabbau am Universitätsklinikum Marburg spielen die Patienten nur eine untergeordnete Rolle. Wie sehr ist ein Kliniksbetrieb noch zu verantworten, in dem die Patienten vielleicht die notwendigste Pflege, aber nicht den notwendigen Zuspruch erhalten, den Schwerkranke, dem gesunden Menschenverstand folgend, nun einmal benötigen?

Heubel: Das Problem ist: Die Patienten bilden das schwächste Glied in der Kette. Ihre Interessen können nur von anderen stellvertretend für sie wahrgenommen werden. Von den Politikern, die für alle zusammen verantwortlich sind, und von Ärzten und Pflegenden, zu deren professionellen Aufgaben es gehört. Die Landesregierung hat die Aufgabe offenbar nicht gesehen. Ärzte und Pflegende können es nicht. Sie stehen unter Druck, außerdem haben sie Loyalitätspflichten gegenüber ihrem Arbeitgeber. Deshalb manifestieren sich die unabweisbaren Bedürfnisse der Kranken an anderer Stelle: Indirekt bei den Betriebsräten und direkt bei Bürgerinitiativen wie Notruf 113. Freilich steht dahinter noch die große Verwechslung, dass Zuspruch für Schwerkranke eine Dienstleistung wie jede andere sei.

OP: Handelt der Rhön-Konzern weniger ethisch als andere Gesundheitskonzerne - oder sehen Sie in den Auseinandersetzungen am UKGM einen Prototypen für kommende Auseinandersetzungen?

Heubel: Wo das Geschäftsmodell renditegetrieben ist, sind die betriebswirtschaftlichen Zwänge unausweichlich. Dann müssen die Arbeitsabläufe industrieartig sein und der Betrieb kommerzialisiert. Insofern ist Rhön nicht weniger ethisch als andere Gesundheitskonzerne, aber auch nicht mehr. Die Alternative ist die konsequente öffentliche Verantwortung oder zumindest ein gemeinnütziges Geschäftsmodell. Herr Stompfe von der Marburger CDU hat ja eine gemeinnützige Aktiengesellschaft ins Gespräch gebracht. So etwas gibt es schon, nämlich den Gesundheitskonzern Agaplesion. Er hat aber einen religiösen Hintergrund. Das Problem mit der Integration von Forschung und Lehre mit der Krankenversorgung würde sich so vermutlich nicht lösen lassen. Persönlich zweifle ich nicht daran, dass auf lange Sicht der Privatisierungswahn verblasst. Denn der Widerspruch zwischen einer Krankenversorgung, wie wir sie alle wollen und einer Krankenversorgung, die sich für die Anteilseigner eines Konzerns lohnen muss, lässt sich auf die Dauer nicht verdrängen. Die Mehrheit der Rhön-Aktien liegt bei den sogenannten „institutionellen Anlegern“. Denen geht es nicht um Krankenversorgung, sondern um möglichst hohe Rendite. Wenn die nicht mehr sicher ist, steigen sie aus und investieren woanders. Das wäre das Ende jedes Klinikkonzerns.

OP: Das Universitätsklinikum soll nun in andere private Hände übergehen. Wie beurteilen Sie dieses Vorhaben?

Heubel: Ich bin nicht sicher, dass das Universitätsklinikum wirklich in andere private Hände übergehen wird. Fresenius will zwar Rhön und Helios vereinigen, damit ist wohl zu rechnen. Aber ich denke, das Uniklinikum Gießen-Marburg ist da eher eine Belastung. Helios sieht genau, dass Rhön eine Reihe von Managern verschlissen hat, ohne das Problem lösen zu können. Herr de Meo, der Chef von Helios, hat öffentlich festgestellt, dass Krankenversorgung und Forschung und Lehre in einer Hand sein müssen. Wenn man ihm glaubt, kann das nur heißen, dass das nicht seine eigene Hand sein kann, denn er kann nicht zugleich eine Fakultät und ein Klinikum besitzen. Und schließlich würde ein Rückkauf durch das Land einen dreistelligen Millionenbetrag in die Kasse von Fresenius spülen. Also privates Uni-Klinikum: Eher nein. Wenn allerdings doch, käme das Klinikum vom Regen in die Traufe.

von Till Conrad

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