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"Uns bleibt gar keine andere Wahl"

Brot wird teurer "Uns bleibt gar keine andere Wahl"

Was schert es den deutschen Getreidehandel, wenn Bauern in den USA mit einer Dürreperiode zu kämpfen haben? Antwort: eine ganze Menge. Die Ernteausfälle sorgen dafür, das auch das heimische Brot teurer wird.

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Ein Mähdrescher erntet auf einem Feld.Foto: Frank Rumpenhorst

Quelle: Frank Rumpenhorst

Marburg. Marburg. Wenn Wolfgang Hof früh am Morgen wissen möchte, wie es um seine Zukunft als Müllermeister bestellt ist, führt ihn sein erster Weg nicht etwa raus auf die heimischen Erntefelder sondern zum heimischen Computer. „Getreide ist ein Massenprodukt, das an der Börse gehandelt wird. Die derzeitige Lage am Weltmarkt ist für uns Müller gravierend“, sagt Hof, Geschäftsführer der Mühle Nispel in Sinkershausen. Angesichts der angespannten Situation müssen die deutschen Mühlen Getreide für die Brotmehl-Produktion derzeit so teuer einkaufen wie noch nie in den vergangenen 25 Jahren.

Die Preise für Brotgetreide seien in der Erntezeit um 25 bis 35 Prozent höher als vor zwölf Monaten, teilte der Verband Deutscher Mühlen in Berlin mit. Wolfgang Hof berichtet, er bezahle im Moment zwischen 25 und 27 Euro für 100 Kilo Getreide - vor der Erntezeit habe der Preis noch bei 20 Euro gelegen. Auch im heimischen Raum habe der harte Winter und die vielen Niederschläge den Ackerböden zugesetzt, so Hof.

Für die gesamte Branche zeichneten sich Mehrkosten beim Rohstoffeinkauf von 400 Millionen Euro ab, die letztlich in die Verkaufspreise einfließen.

Die deutschen Mühlen beziehen 95 Prozent des Brotgetreides, also Weizen und Roggen, aus dem Inland. Die Preise werden aber maßgeblich von den internationalen Getreidemärkten bestimmt, die wegen einer extremen Dürre im wichtigen Anbauland USA gerade hoch angespannt sind. Für die heimische Ernte, die am kommenden Wochenende allmählich abgeschlossen wird, deute sich mit 25,9 Millionen Tonnen ein kleines Plus im Vergleich zum schwachen Vorjahresergebnis an. „Damit fehlen zum Durchschnitt der letzten fünf Jahre aber weiter mindestens eine Million Tonnen Weizen und Roggen“, sagte der Verbandsvorsitzende Hans-Christoph Erling.

Im Landkreis Marburg-Biedenkopf ist die Ernte noch in vollem Gange, sodass über eventuelle Ausfälle nur spekuliert werden kann. Insgesamt rechnet Hessens Bauernverbandschef Friedhelm Schneider jedoch mit einem unterdurchschnittlichen Ernteertrag.

Auch bei den heimischen Mühlen machen die Kosten für den Rohstoffeinkauf rund 80 Prozent der Kalkulation aus. Steigerungen von 25 bis 35 Prozent könnten unmöglich aufgefangen werden, warnte der Verband als Branchenvertretung der 550 deutschen Mühlen mit 6000 Beschäftigten (Jahresumsatz: knapp 2,5 Milliarden Euro). „Uns bleibt gar nichts anderes übrig, als die Preise zu erhöhen“, sagt Andrea Horst, Geschäftsführerin des Backhaus Horst in Oberwalgern. Die gestiegenen Preise für die Rohmaterialien zwinge auch die Bäcker dazu den Preis an den Endkunden weiterzugeben. Horst sagt, dass die Qualität der Ware in ihren 14 Zweiggeschäften im Vordergrund stehe, „das erwarten unsere Kunden und da können wir auch keine Abstriche machen.“ Das Bäckerei-Handwerk müsse auch in Zukunft geschützt werden „Schließlich muss auch noch Geld da sein, um unsere Angestellten angemessen zu entlohnen“, erklärt die Firmenchefin. Eine Massenfertigung der Teigware, wie es bei Discountern der Fall ist, sei von diesem Qualitätsdruck nicht in gleichem Maße betroffen. Etwas wehmütig blickt Horst auf vergangene Zeiten, als die Bäcker sich noch an einen Tisch setzen konnten, um über die Verkaufspreise zu verhandeln. „Eine solche Kommunikation ist heute gar nicht mehr möglich“, sagt sie.

So wird Andrea Horst wohl auch bei ihrem nächsten Besuch in der Mühle Nispel mit Wolfgang Hof über die hohen Getreidepreise diskutieren. Ein Thema das für beide Unternehmer schon längst kein lokales mehr ist.

von Dennis Siepmann

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