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Hinterland “Uniklinikum ist Ländersache“
Landkreis Hinterland “Uniklinikum ist Ländersache“
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06:16 22.07.2012
Kämpfen gemeinsam für das Uniklinikum: Verdi-Hessen-Chef Jürgen Bothner (v.l.) zusammen mit den Betriebsratsmitgliedern Eva Schreiner, Michael Weber, Michael Kroll und Björn Borgmann. Quelle: Carsten Bergmann
Marburg

Die Zahl 236 geistert wie ein Virus auf den Lahnbergern umher. So viele Stellen, geht es nach der Geschäftsführung, sollen alleine in diesem Jahr abgebaut werden. Im patientenfernen Bereich. Soll heißen: Bis auf Ärzte und Pfleger könnte es jeden der gut 9000 Beschäftigten treffen. Die Unsicherheit auf den Stationen ist greifbar.

Davon verschaffte sich Verdi-Hessen-Chef Jürgen Bothner ein Bild. Er sprach mit den Angestellten in der Küche, der Technik, auch auf Stationen. Überall die gleichen Eindrücke. „Die Menschen arbeiten am Anschlag, sie identifizieren sich dennoch mit ihrer Arbeit. Das Gemeinsame hilft“, sagt Bothner. Die Probleme seien aber nicht zu übersehen. „Die Beschäftigten fühlen sich alleingelassen, nicht ernst genommen. Die Brennpunkte brauchen dringend Entlastung“, sagt er und nimmt die Bildsprache zur Hilfe: „Es ist wie bei der Schraube - nach fest kommt ab. Und so weit wollen wir es hier nicht kommen lassen.“

Aber wie wollen die Gewerkschafter, Betriebsräte und Angestellten Besserung herbeischaffen? Ihre Mittel sind begrenzt, weiß auch Bothner. Öffentlicher Druck ist das eine. Mit Plakaten, die in ganz Marburg aufgehängt werden, formulieren die Betroffenen ihre Forderungen: Arbeitsplatzsicherung, Qualität, Forschung und Lehre, Perspektive für die Zukunft. Konkret: Abteilungen wie Wäscherei oder Verwaltung auszugliedern (oder neudeutsch: Outsourcing), das müsse mit aller Macht verhindert werden. „Das Klinikum funktioniert nur am Stück. Jedes Rädchen greift ins andere. Das gilt vom Chefarzt bis zur Reinigungskraft - alle sind wichtig“, sagt der Hessen-Chef von Verdi.

Sicherlich richtig. Entscheidungen treffen aber die Betreiber. Und das ist nach wie vor die Rhön Klinikum AG. Nach der gescheiterten Übernahme durch Fresenius wird es vorerst auch so bleiben. Hätte der Zusammenschluss funktioniert, dann hätte die Landesregierung einen vertraglich zugesicherten Anspruch auf Rückkauf des UKGM gehabt. Diese Option ist nicht in Sicht. Oder etwa doch, Herr Bothner? „Es ist denkbar, dass die Rhön AG selbst sagt, dass sie das UKGM nicht mehr will und dem Land zum Kauf anbietet“, sagt der Verdi-Chef. Für Bothner kein unmögliches Szenario. Die Gewinneinbrüche würden folgende Frage aufwerfen: „Wie lange kann sich Rhön das UKGM noch leisten?“. Dazu kommen die Anforderungen und Ansprüche einer Universitätsklinik, die sich in der Struktur von „gewöhnlichen“ Krankenhäusern unterscheiden.

Ein Thema, das öffentlich bislang noch gar nicht thematisiert wurde, sind die Einsparpotenziale bei Sachkosten. In der Zukunftsplanung des Krankenhauses müsse diese Debatte geführt werden. Es könne nicht immer erst der Rotstift beim Personal angesetzt werden, ehe entsprechende Alternativen geprüft wurden. Soll heißen: Wo können Prozesse optimiert werden, um Kosten zu senken?

Für den Verdi-Chef steht fest, ein Uniklinikum kann nicht unter Renditedruck stehen und nicht den Zwang haben, einen Kaufpreis zu erwirtschaften. So funktioniere die Medizin nicht. So könne sie nicht funktionieren. „Baustellen dürfen nicht auf dem Rücken der Beschäftigten finanziert werden. Es muss eine Bezuschussung der Investitionen durch die öffentliche Hand sichergestellt werden.“ Und so bezieht der Gewerkschaftsboss klar Position: „Das Uniklinikum ist Ländersache.“

von Carsten Bergmann