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Paukenschlag am Klinikum

Widerstand am Klinikum Paukenschlag am Klinikum

Erst einen Tag im Amt und schon ist Martin Menger Vorsitzender der Geschäftsführung am Uniklinikum Gießen-Marburg (UKGM). Überraschend kündigen Irmgard Stippler und Doris Benz ihren Abschied an.

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Uniklinikum im Fokus: Bei einem ersten Treffen mit den möglichen Mediatoren hat der Betriebsrat seine Standpunkte deutlich gemacht. Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Das Stühlerücken am Uniklinikum geht weiter. Mit Irmgard Stippler und Doris Benz verlassen Geschäftsführer Nummer 17 und 18 binnen sechs Jahren das Unternehmen. Nie ist die Empörung jedoch so groß gewesen.

Von Bauernopfern ist im UKGM-Umfeld die Rede. Von einem von langer Hand geplanter Austausch der Führungsspitze. Fakt ist, Martin Menger, seit Montag am UKGM als Geschäftsführer „Zentrale Dienste“ tätig, übernimmt die Rolle von Stippler und Benz in Personalunion.

Eine offizielle Aussage zur Position „Zentrale Dienste“ gab es gestern auf OP-Anfrage nicht. Immer wieder tauchte in diesem Zusammenhang ein Name auf, der schon bei Bekanntwerden der UKGM-Sparpläne für Zündstoff sorgte: Dr. Gunther Weiß. Bislang ist er als Bereichsleiter der Geschäftsführung unterstellt, gilt aber als knallharter Sanierer und durchaus als Nachfolger für Menger. Betriebsratschefin Bettina Böttcher möchte sich an solchen Diskussionen nicht beteiligen. Nach Bekanntwerden des Wechsels an der Spitze sagte sie nur: „Das ist ein sehr schlechtes Zeichen an die Belegschaft.“

Auch Marburgs Oberbürgermeister Egon Vaupel, der sich persönlich stark für eine Rücknahme der Privatisierung von 2006 einsetzt, reagierte geschockt: „Das setzt die lange Reihe der Vorgänge fort, die ich nicht nachvollziehen kann“, sagte das Stadtoberhaupt, der sich um die Hochschulmedizin und die Krankenversorgung in Mittelhessen sorgt. „Frau Dr. Stippler hat versucht, den Standort Marburg nach vorne zu bringen“, sagte Vaupel und schloss eine scharfe Reaktion in Richtung Rhön-Vorstand an: „Es ist nicht wichtig, Führungspersonal zu wechseln, sondern es ist wichtig, die Geschäftsphilosophie zu wechseln“, sagte Vaupel.

Dabei hatte der Tag aus Sicht der Arbeitnehmervertretung verheißungsvoll begonnen. Am Morgen kamen die Mediatoren Friedrich Bohl und Wolfgang Gerhardt zu ersten Sondierungsgesprächen nach Marburg. Konstruktiv und sachlich – so sei das erste Treffen zwischen Betriebsrat des Uniklinikums und der vom Land Hessen berufenen Mediatoren abgelaufen, erklärt Bettina Böttcher. „Wir haben unsere Problematiken angeführt, wollen keine weitere Kommunikation ohne Inhalt“, sagt Böttcher.

Die beiden Mediatoren Friedrich Bohl (CDU) und Wolfgang Gerhardt (FDP) hätten der Arbeitnehmerseite aufmerksam zugehört und anschließend versichert, möglichst schnell das weitere Vorgehen abzustimmen. Im Klartext heißt dies: Bohl und Gerhardt reflektieren die bereits vorab geführten Gespräche mit den Uni-Präsidenten, Dekanen, ärztlichen Direktoren, Rhön-Chef Wolfgang Pföhler und weiteren UKGM-Vertretern und präsentieren einen Weg, sich auf einen Nenner zu einigen. „Weiterer Stellenabbau“, so sagt Bettina Böttcher klar, „wird es mit uns nicht geben. Wir lassen uns nicht an der Nase herumführen. Es gibt schließlich das Betriebsverfassungsgesetz. Da hilft auch eine Mediation nicht.“

Der Betriebsrat sieht die Mediatoren in der Verantwortung, sich für die Standorte Marburg und Gießen einzusetzen. „Es herrscht akuter Handlungsbedarf“, sagt Böttcher und kündigt an, die Gegenwehr notfalls noch deutlich steigern zu können.

von Carsten Bergmann

und Till Conrad

Hintergrund: Mediation

Die Marburger Kommunikationstrainer Claudia Liebst und Wolfgang Sutter (Institut für Kommunikationskultur) erläutern unterschiedliche Methoden der Konfliktlösung:

In Ihrer Zeitung lesen wir in letzter Zeit häufiger, dass Konflikte mit der Hilfe von Mediatoren gelöst werden sollen. So in Bad Endbach wegen der geplanten Windkraftanlagen oder in Marburg wegen der drohenden Personaleinsparung beim Uniklinikum Gießen-Marburg.

Die Entscheidung von Konfliktparteien, ihren Streit möglichst nicht eskalieren zu lassen und statt einer gerichtlichen Auseinandersetzung den Weg zum Mediator zu wählen, ist aus unserer Sicht erfreulich. Eröffnet doch eine Mediation die Chance, im Austausch der Meinungen, Positionen, Interessen und Wünsche für die jeweilige Haltung der anderen Partei Verständnis zu entwickeln. Die Mediation ist ein Verfahren zur Vermittlung in Streitfällen.

Das strukturierte Mediationsgespräch hat das Ziel, einen konstruktiven Austausch zwischen den Konfliktparteien zu ermöglichen, wenn jede Partei freiwillig, ergebnisoffen und ohne Vorbedingungen in die Mediation geht. Im Idealfall arbeiten die Parteien gemeinsam an der Lösung der Sachfragen und erzielen einen Konsens, der von allen Konfliktparteien getragen und umgesetzt wird.

Eine Mediation kann allerdings auch, wie jedes andere Bemühen, sich zu verständigen, scheitern. Wenn die Beteiligten aufrichtig und konstruktiv ihren Konflikt bearbeitet haben, dann können sie bei einem Scheitern im gegenseitigen Respekt ihr Bemühen würdigen, eine Lösung des Konflikts gesucht zu haben.

Um als Mediator in schwierigen Konfliktfällen, insbesondere in Gruppenmediationen bestehen zu können, bedarf es zunächst einer fundierten Ausbildung. In dieser werden die Grundlagen der Mediation, die Grundtechniken der Gesprächsführung und zahlreiche Methoden der Konfliktbearbeitung vermittelt.

Regelmäßige Fortbildungen, Supervisionen und Intervisionen sind für Mediatoren notwendig, um ihren Horizont zu erweitern, eigene Betroffenheiten insbesondere in emotional aufgeladenen Situationen zu erkennen und im Austausch mit Kollegen Fälle vorzubereiten oder reflektierend nachzubereiten.

Wenn nun in den eingangs genannten Fällen ehemals hochrangige Politiker, Parteivorsitzende oder in anderer Funktion in der Öffentlichkeit bekannte Personen als „Mediatoren“ auftreten, darf die Frage nach deren fachlicher Qualifikation als Mediatoren erlaubt sein. Uns ist nicht bekannt, ob diese Personen eine entsprechende Ausbildung genossen haben und „methodensicher“ eine Mediation leiten können. In der Berichterstattung werden immer wieder die Begriffe „Streitschlichtung“ oder „Kompromiss“ genannt. Der Verdacht drängt sich auf, dass diese Gespräche mit dem Etikett „Mediation“ versehen werden, ohne dass die Beteiligten oder die Journalisten wirklich wissen, was eine Mediation ist.

Aus unserer Sicht wäre die Bezeichnung „Konfliktmoderation“ zutreffender. Es wäre bedauerlich, wenn sich in der Öffentlichkeit eine unzutreffende Vorstellung festsetzt, was unter Mediation zu verstehen ist.

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