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Klinik-Bündnis erhöht den Druck

Offener Brief an UKGM-Spitze Klinik-Bündnis erhöht den Druck

Mit einem offenen Brief an die Geschäftsführung des Uniklinikums fordert das Bündnis „Gemeinsam für unser Klinikum“ eine Änderung des Geschäftsmodells. Ansonsten lasse sich keine Aufbruchstimmung erzeugen, das Phänomen der „inneren Kündigung“ unter den Mitarbeitern würde nur verstärkt.

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Marburg. Martin Menger scheut nicht die Konfrontation mit Privatisierungsgegnern. Beim Montagsgebet wird der UKGM-Chef zu den Sparplänen Position beziehen. Der Geschäftsführer Martin Menger beantwortet Fragen in einer Art Podiumsdiskussion. Mit dabei sein werden auch Oberbürgermeister Egon Vaupel, ein klarer Gegner der UKGM-Privatisierung, der Dekan des Fachbereichs Medizin Prof. Dr. Rothmund und die Klinikdirektoren Prof. Dr. Werner und Prof. Dr. Neubauer. Dekan Burkhard zur Nieden will im Gespräch das Thema der Privatisierung und die damit verbunden Veränderungen im Universitätsklinikum Gießen-Marburg beleuchten.

Es wird in der E-Kirche sicherlich emotional zugehen am Montag ab 18 Uhr. Denn auch die Mitglieder des Bündnisses „Gemeinsam für unser Klinikum“ und weitere Vertreter, die einen Klinik-Rückkauf vom Land fordern, werden dabei sein. Wie aufgeladen die Stimmung ist, zeigt ein offener Brief, den das Bündnis an die Geschäftsführung des Uniklinikums geschrieben hat.

Darin fordern sie eine Änderung des Geschäftsmodells, im Klartext: Das UKGM soll nicht weiter von privater Hand geführt werden. Ansonsten lasse sich keine Aufbruchstimmung unter den Angestellten erzeugen, das Phänomen der „inneren Kündigung“ unter den Mitarbeitern würde nur verstärkt, heißt es.  

Unterzeichnet hat den Brief Bündnis-Initiatorin Helga Scherer und benennt namentlich den ärztlichen Geschäftsführer Jochen A. Werner. Das Bündnis hält es für unhaltbar, dass es sich nach Meinung Werners bei den Marburger Privatisierungsgegnern nur um Nestbeschmutzer handele, die diffamierend kommunizieren würden, während der Standort Gießen positiv bewertet würde.

Eine klare Meinung haben auch die Jugendvertreter der Gewerkschaft Verdi. Der Personalmangel wirke  sich negativ auf die Auszubildenden aus, die Leidtragende der Situation seien. Weiteres Personal abzubauen sei „nicht hinzunehmen“, sagt Landesjugendsekretär Fabian Rehm. Und deswegen will die Gewerkschaft ein „klares Zeichen gegen das Sparen auf dem Rücken der Beschäftigten setzen.“ Und zwar mit einer Demonstration am Standort Gießen, wo Verdi an diesem Samstag zu einer „kreativen“ Demonstration aufruft. Am Klinikneubau (Klinikstraße) ist für 14.30 Uhr eine große Aktion geplant. Was, das wollte Rehm noch nicht verraten. 

Der offene Brief im Wortlaut:

(Download:  

)

An die Geschäftsführung des Universitätsklinikums Gießen und Marburg

Sehr geehrte Mitglieder der Geschäftsführung,

am 17. Juli hat eine Marburger studentische Arbeitsgruppe ihre qualitative Studie darüber vorgestellt, wie UKGM-Mitarbeiterlnnen in patientennahen Bereichen ihre Beschäftigungsverhältnisse sehen: Sie stehen, was "Arbeitszufriedenheit", "Work & Life Balance" und "Arbeitsbeziehungen" angeht, "unter Druck". Die Studie deutet die Befunde als Folgen der Privatisierung des Universitätsklinikums. In der anschließenden Podiumsdiskussion vom 17. Juli hat Herr Professor Werner dazu die Meinung vertreten, wie an allen Krankenhäusern der Maximalversorgung gebe es zwar auch am UKGM gelegentliche Fehler und die entsprechende Kritik, aber in Gießen würden die Leistungen des Klinikums positiv, in Marburg dagegen würden sie negativ, nämlich einseitig und sogar diffamierend kommuniziert.

Diese Meinung ist u. E. unhaltbar. Richtig ist, dass das Vergütungssystem der Fallpauschalen alle Krankenhäuser zu Konkurrenten im Hinblick auf ökonomische Effizienz macht. Das zwingt die Krankenhäuser zu Personalabbau und gleichzeitiger Fallzahlsteigerung, wie es die Untersuchungen des Deutschen Pflegerats und des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung insbesondere für die Intensivtherapie belegen. Richtig ist weiter: Bei privaten Krankenhausträgern wird der Zwang verschärft durch die Notwendigkeit, ihren Anteilseignern Renditen zu sichern. Und schließlich ist richtig: Bei Universitätskliniken kommen darüber hinaus noch die Erfordernisse von Forschung und Lehre hinzu.

Die Universitätskliniken Gießen und Marburg stehen an beiden Standorten unter den gleichen organisatorischen Vorgaben. Sie werden von einem privaten Krankenhauskonzern vorgegeben, zu dessen Geschäftsmodell betriebswirtschaftliche Effizienz mit industrieanalogen Produktionsformen gehört. Dass sich die tatsächlichen Beschäftigungsverhältnisse in Gießen und Marburg in relevanter Weise unterscheiden, ist also kaum anzunehmen.

Herr Professor Werner verwendet eine durchsichtige Strategie, um die öffentlich gewordene Kritik zurückzuweisen. Er geht überhaupt nicht auf die vorgetragenen Argumente ein - stattdessen unterstellt er den Kritikern Nestbeschrnutzung. Mit dieser rhetorischen Verdrehung des Sachverhalts sollen die Kritiker diskreditiert und die aufgezeigten Missstände unter den Teppich gekehrt werden. Tatsächlich zeigt sich aber auch in Gießen das Phänomen der " inneren Kündigung", das er auf der Podiumsdiskussion bestätigt hat. Die gewünschte Aufbruchstimmung wird sich weder in Marburg noch in Gießen solange nicht erzeugen lassen, wie sich die Mitarbeiterinnen für ein Geschäftsmodell missbraucht fühlen müssen, das ihrem professionellen Selbstverständnis widerspricht.

Für das Bündnis „Gemeinsam für unser Klinikum“

Helga Scherer

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