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Hinterland Tumulte im Gerichtssaal
Landkreis Hinterland Tumulte im Gerichtssaal
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00:18 03.09.2018
Wegen vieler Fälle von Kindesmissbrauch verurteilte das Landgericht einen 42-Jährigen zu neun Jahren und sechs Monaten Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Quelle: Heiko Krause
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Marburg

Auf Neun Jahre und sechs Monate Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung wegen Vergewaltigung und sexuellem Missbrauch von Kindern lautet am Donnerstag das Urteil des Marburger Landgerichts gegen einen 42-jährigen Biedenkopfer. Zudem verurteilte die dritte Strafkammer den Mann wegen Körperverletzung und Freiheitsberaubung.

Für die Strafkammer unter Vorsitz von Richter Thomas Wolf steht nach sechs Verhandlungstagen fest, dass der Angeklagte bereits im Jahr 1997 in Homberg/Efze die damals zehnjährige Tochter seiner Lebensgefährtin sexuell missbrauchte. Einen weiteren Fall des Missbrauchs der Tochter einer weiteren Freundin trennte die Kammer ab, eventuell soll von dem mutmaßlichen Opfer noch ein Glaubwürdigkeitsgutachten erstellt werden.

68 einzelne Taten angeklagt

Der schwerste verurteilte Fall ereignete sich nach Überzeugung des Gerichts ein bis drei Jahre später, als der Mann laut Urteil eine 11- bis 13-jährige Freundin seiner Schwester in der Gemeinde Steffenberg vergewaltigte. Er habe das Kind im Schlafzimmer zunächst zu gegenseitigen sexuellen Handlungen aufgefordert und das Kind anschließend zum Geschlechtsverkehr gezwungen, so das Gericht.

Die meisten Sexualstraftaten verübte der Biedenkopfer nach Ansicht des Gerichts Jahre später, 2014 bis 2015, an seiner zu der Zeit ebenfalls etwa 13 Jahre alten Stieftochter, dem Kind seiner jetzigen Ehefrau. Wegen 68 Fällen des Kindesmissbrauchs wurde er hierfür verurteilt. Dies sei „eine Schätzung“, hob Wolf hervor. Das Gericht gehe in dem Zeitraum bis zur Inobhutnahme des Mädchens durch das Jugendamt von davon aus, dass der Mann sich mindestens einmal die Woche von dem Kind befriedigen ließ und sie in wenigstens zehn Fällen ebenfalls unsittlich berührte.

Sicherungsverwahrung wegen fehlender Einsicht

Weiter hat er das Mädchen mehrfach „aus Spaß“ geschlagen, das einzige, was der Angeklagte zugab, die anderen Vorwürfe bestritt er. Als erwiesen sieht die Kammer auch Körperverletzungen gegen die jüngere Schwester und den kleinen Bruder des Missbrauchsopfers sowie einer Verwandten an. Den Jungen schubste er zudem einmal in ein Gartenhaus, aus dem der Fünfjährige mindestens drei Stunden nicht mehr heraus durfte. Das geschah, weil er Sand auf den Rasen aufgebracht hatte.

„Der Angeklagte hat ein gruseliges Szenario von Angst und Schrecken in seiner Familie verbreitet“, betonte Richter Wolf während der Urteilsbegründung. Frühere Verurteilungen und Zeugenaussagen hätten zudem ergeben, dass er auch bei früheren Lebenspartnerinnen und deren Kindern herrisch und dominant aufgetreten sei. „Und es ist ein sehr langer Tatzeitraum, in dem er sein Verhalten nicht verändert hat“, zudem habe es eine Vielzahl an Opfern gegeben.

Die Anordnung der Sicherungsverwahrung nach Verbüßung der Strafe sei notwendig, weil der Biedenkopfer, wie ein Gutachten ergab, mangels irgendeiner Einsicht weiter Straftaten begehen werde. „Es wird genauso weitergehen, sobald es eine Gelegenheit gibt, das macht ihn gefährlich“, so Wolf.

Angehörige von Opfer und Angeklagtem geraten aneinander

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Das Gericht ordnete aber an, den Biedenkopfer in Untersuchungshaft zu nehmen. Er befand sich bisher auf freiem Fuß. Polizisten nahmen ihn noch im Gerichtssaal fest. Grund für die angeordnete Haft sei vor allem Fluchtgefahr wegen der hohen Strafe, so Wolf. „Durch seine Überheblichkeit ist er bisher davon ausgegangen, höchstens wegen Körperverletzung verurteilt zu werden und ansonsten davonzukommen.“

Nach der Verhandlung kam es im vollen Gerichtssaal zu tumultartigen Szenen. Angehörige der Opfer und die Mutter sowie die Ehefrau des Angeklagten gerieten verbal aneinander und mussten von Justizpersonal getrennt werden. Mutter und Ehefrau des Angeklagten bekräftigten erneut ihre Vorwürfe, die Stieftochter des Mannes lüge und dass die Familie ihres leiblichen Vaters dahinter stecke. Einen Widerspruch gegen ein Gutachten, das die Glaubwürdigkeit der Aussagen der Stieftochter bestätigte, zog der Pflichtverteidiger jedoch zuvor zurück.

von Heiko Krause

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Gutachten fällt negativ aus

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