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Hinterland „Für die Pflege braucht es Berufung“
Landkreis Hinterland „Für die Pflege braucht es Berufung“
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18:44 26.01.2018
Unter der Anleitung von Christiane Kempf (DRK Schwesternschaft) probiert sich Bashir Husseinkhil im Wickeln eines Babys, Samrand Molani schaut zu Quelle: Andreas Schmidt
Marburg

Ein Helfer kleidet Elif Koca in einen „Alterssimulationsanzug“: Mittels Klettbändern werden der 17-Jährigen die Gelenke von Ellenbogen und Knien ebenso versteift, wie der Rücken. Außerdem bekommt sie Handschuhe, einen Gehörschutz sowie eine Brille, mit der ihr Sichtfeld stark eingeschränkt wird. Und auch einen Gehstock soll die 17-Jährige benutzen.

Die Aufgabe für Koca (Foto: Schmidt): Sie soll zunächst einige Schritte­ gehen, sich dann auf einen Stuhl setzen und wieder aufstehen oder einen Keks essen.

„Alles gar nicht so leicht“, sagt sie hinterher im Gespräch mit der OP, „ich konnte mich kaum bewegen und hätte nicht gedacht, dass Menschen im Alter so unbeweglich sind. Das so zu erfahren war schon sehr eindrücklich“. Letztlich war sie froh, „den Anzug wieder los zu sein“.

Die 17-Jährige war – wie zahlreiche weitere Schüler – an die Kaufmännischen Schulen Marburg gekommen, um sich über Gesundheits- und Pflegeberufe­ zu informieren.

Während des von der Landesinitiative „Pflege in Hessen integriert“ und mit lokalen Kooperationspartnern organisierten Pflegetags gab es Informationen zu zahlreichen Berufsbildern.

Vor Ort konnten die Schüler mit Auszubildenden und Fachleuten reden, zudem standen auch praktische Erfahrungen wie das subkutane Spritzen, das Wickeln von Kindern oder die Blutzucker- und Blutdruckmessung im Fokus. Auch wurden nicht nur positive Aspekte der Arbeit thematisiert, sondern auch die schwierigen Seiten der Arbeit und die Anforderungen angesprochen. Denn den Veranstaltern ist klar, dass es einen immensen Fachkräftebedarf in der Pflege gibt.

KSM-Schulleiter Klaus Denfeld erläuterte, dass mit dem Pflegetag auch bewusst die ­Intensivklassen an den beruflichen Schulen angesprochen werden sollten, „denn die Pflege kann für Geflüchtete durchaus ein attraktives Berufsfeld sein“.

Norbert Mauer vom organisierenden „Beratungsteam Altenpflege Ausbildung“ erläutert, dass das Projekt auch dazu beitragen könne, auf der einen Seite den Schulabschluss zu erwerben „und gleichzeitig den Blick in das Berufsfeld der Pflege zu öffnen“. Das sei durchaus bereits erfolgreich gewesen.

Schüler wurden vor dem
 Besuch intensiv vorbereitet

Jürgen Eierdanz von der Awo-Altenpflegeschule Marburg bestätigte, dass die Pflege gute Perspektiven für Geflüchtete biete. „Wir haben vergangenes Jahr etwa 25 Flüchtlinge in die Ausbildung in verschiedenen Gängen aufgenommen“, sagt er – das solle auch dieses Jahr weiter geschehen. Christiane Kempf von der DRK Schwesternschaft verdeutlichte indes, dass man die Schüler in den Schulen vorbereitet habe – „wir haben vorab informiert, um das Interesse zu wecken“, sagte sie. Daher sei sie mit einer Kollegin von der Awo an allen beruflichen Schulen im Landkreis gewesen und habe rund um Pflege und Gesundheitsberufe informiert.

Rund 250 Schüler kamen zu dem Tag, „wenn davon 5 in der Pflege landen, dann ist das ein guter Wert“, sagt Mauer. Denn: „Für die Pflege braucht es Berufung“, sagt Christiane Kempf, man wolle Leute, die den Job „gut und gerne machen“. Und Jürgen Eierdanz hofft, dass Schüler die Attraktivität der Pflegeberufe erkennen gleichzeitig weist er darauf hin, dass „mehr Geld in das Pflegesystem fließen muss“, um die Menschen angemessen zu bezahlen.

Schülerin Elif Koca kann sich einen Beruf in der Pflege übrigens nicht vorstellen: „Die Menschen tragen eine große Verantwortung – ich hätte Angst, ­etwas falsch zu machen. Außerdem gehe ich nicht so offen auf ­Leute zu“, sagt sie. Aber sie habe einen „großen Respekt“ vor den Pflegern.

von Andreas Schmidt