Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland Studienabbrecher sind begehrt
Landkreis Hinterland Studienabbrecher sind begehrt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:05 06.06.2017
Zehn Minuten informieren, dann ging es beim „Speed-Dating“ für Studienzweifler zum nächsten Gesprächspartner. Quelle: Freya Altmüller
Marburg

„Die Unternehmen, die hier vertreten sind, haben mit dem Makel ‚Abbrecher‘ kein Problem“, so Walter Ruß von der IHK Kassel-Marburg. Das ist einer der Gründe, warum das „Netzwerk für Studienzweifler“ ein „Speed-Dating“ im Technologie- und Tagungszentrum (TTZ) veranstaltete.

In Kassel habe man damit bereits gute Erfahrungen gesammelt, so Ruß. Marburg sei nun der zweite Standort, an dem das Format veranstaltet werde. „Es ist der direkte Versuch der Vermittlung“, sagt Ruß.

Wer überlegt, sein Studium abzubrechen, soll beim „Speed-Dating“ mit Unternehmen in Kontakt kommen können. 40 Ausbildungsberufe hängen als Steckbriefe an den Wänden, wer sich für einen interessiert, wendet sich an eines der 18 vertretenen Unternehmen, um sich genauer über die Tätigkeit und konkrete Einstiegsmöglichkeiten zu informieren. Ein Gespräch dauert zehn Minuten, dann erklingt ein Tonsignal zum Wechsel.

Ältere Bewerber als Azubis willkommen

Ein Soziologiestudent setzt sich an den Tisch von Sophie Cyriax, die die Firma „Elkamet Kunststofftechnik GmbH“ aus Biedenkopf vertritt. Seit ein paar Monaten arbeite er in einem festen Job, erklärt er. „Schreibtischarbeit ist okay, aber das will ich nicht 30 und auch keine 3 Jahre machen“, so der 25-Jährige. „Ich will etwas mit den Händen machen.“ Handwerkliche Arbeit habe ihm in seiner Freizeit schon immer Spaß gemacht. Die Tätigkeit des Industriemechanikers habe ihn angesprochen. „In dem Beruf ist man vor allem mit Instandhaltung und in der Werkstatt beschäftigt“, erklärt Cyriax. „Da muss man Lust haben, auf den Knien rumzurutschen.“ Das sei für ihn kein Problem, so der 25-Jährige.

Ältere Bewerber seien in dem Unternehmen als Azubis willkommen, denn im Gegensatz zu jüngeren neigten sie weniger dazu, sich nach der Ausbildung für einen anderen Job zu entscheiden. Zwischen 16 und 33 Jahren alt seien die Bewerber, die zuletzt bei Elkamet angenommen wurden.

„Ich mag nicht mein Leben lang im Museum arbeiten“

Maria Timm hat gerade ein Gespräch mit einer Garten- und Landschaftsbau-Firma geführt. Im Studium der Umweltingenieurswissenschaften hat sie bereits einen Einblick in die Tätigkeit bekommen, nach einem Semester aber abgebrochen, weil es ihr zu theoretisch war. Inzwischen studiert sie Kunst. „Das macht zwar Spaß, aber ich mag nicht mein Leben lang im Museum arbeiten“, erklärt die 20-Jährige. Deshalb wolle sie nun vielleicht ein Praktikum oder eine Ausbildung als Gärtnerin im Garten- und ­Landschaftsbau machen. „Ich finde die Idee des ,Speed-Datings‘ ziemlich super“, erklärt sie. „Es gibt noch viel mehr, die an ihrem Studium zweifeln.“

46 Teilnehmer haben sich zu der Veranstaltung angemeldet. Das sei bereits eine positive Resonanz, erklärt Harald Parzinski, Mitarbeiter des hessenweiten „Netzwerks für Studienzweifler“, der das „Speed-Dating“ koordiniert hat. Beteiligt daran sind neben der IHK auch die Marburger Agentur für Arbeit, die Kreishandwerkerschaft Marburg, die Handwerkskammer Kassel und die Sozialberatung des Studentenwerks. Neben Industrie und Handwerk sind aber auch Ausbildungsberufe aus dem Bereich Gesundheit und Dienstleistung vertreten.

In Kassel habe die Erfolgsquote bei 30 Prozent gelegen, wo es durch die Veranstaltung letztlich zum Abschluss eines Praktikums- oder Ausbildungsvertrags gekommen sei. Auch in Marburg sei das Feedback der Unternehmen positiv gewesen, so Parzinski.

von Freya Altmüller