Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland Stromrechnung schockiert Single
Landkreis Hinterland Stromrechnung schockiert Single
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 11.09.2018
Peter Jakob zeigt auf seinen Stromzähler. Der Holzhäuser streitet mit seinem Energieversorger über den Stromverbrauch, den er in den vergangenen Jahren gehabt haben soll. Quelle: Gianfranco Fain
Anzeige
Holzhausen

Kann ein alleinstehender Mann mittleren Alters in seinem Privathaushalt innerhalb eines Jahres 26 451 Kilowattstunden (kWh) an Strom verbrauchen, so viel, wie zum Beispiel bei den Marburger Stadtwerken sieben Vier-
Personen-Haushalte an Strom nutzen?

Ja, meint zumindest die Eon Energie Deutschland GmbH und schickte Peter Jakob Ende August des vergangenen Jahres eine entsprechende Rechnung. Der Holzhäuser ­sollte rund 7643 Euro für den Verbrauch in der Abrechnungsperiode vom 10. Juni 2016 bis zum 23. Mai 2017 bezahlen, was die Forderung der Eon einschließlich Zahlungsrückstände auf 8445,27 Euro ansteigen ließ.

„Das kann ich doch gar nicht bezahlen, dann bin ich finanziell ruiniert“, sagt der 57-Jährige in seinem Wohnzimmer. „Schauen Sie sich doch um“, sagt er: „Kühlschrank, Wasserkocher, Mikrowelle, Fernseher, Elektro-Heizung und einen Durchlauferhitzer fürs Warmwasser – mehr nutze ich doch nicht.“

Betroffener nimmt sich einen Anwalt

Peter Jakob lebt allein in seiner 45 Quadratmeter großen Mietwohnung. Drei Parteien wohnen in dem Haus, das seine ­Eltern errichteten, das er aber schon vor einiger Zeit verkaufen musste. Peter Jakob verdient sich sein Brot während der Saison als Hausmeister im Waldschwimmbad und wird vom Kreisjob­center unterstützt. „Monatlich habe ich etwa 700 Euro zur Verfügung“, sagt er.

In seiner Not holte sich Peter Jakob Hilfe in ­Holzhausen bei Schuldnerberater Peter ­Haase und beim Gladenbacher Rechtsanwalt Joachim Nitz. Der beschreibt den Vorgang als ­„ermüdendes Verfahren“. Zwischenzeitlich stieg die Forderung der Eon auf rund 9500 Euro an. Zwar erreichte er, dass der Zähler überprüft und eine Kontenklärung erfolgte, doch dadurch änderte sich die Situation kaum.

Verbrauch wie Schreinerei in einem halben Jahr

Der digitale Stromzähler funktioniert laut Prüfbericht einwandfrei, die Forderung der Eon betrug zum Ende Januar „nur noch“ 7 875 Euro, weil Peter Jakob einen erhöhten Abschlag zahlte. Aber nun soll der erhöhte Verbrauch im Abrechnungsjahr 2013/14 entstanden sein: 18 620 kWh stellt die Eon Peter Jakob in Rechnung, angefallen in einem halben Jahr vom 1. Januar bis zum 8. Juni.

Rund 18.000 kWh verbrauchen auch Kunden der Marburger Stadtwerke, zum Beispiel eine Schreinerei mit 20 Mitarbeitern und entsprechendem Maschinenpark – in einem Jahr. „Ein solcher Verbrauch ist für einen üblichen Einpersonenhaushalt nicht möglich, nicht zu erklären und steht mit dem Verbrauch in der Vergangenheit in eklatantem Widerspruch“, heißt es in einem Schreiben des Rechtsanwalts Nitz an Eon von Anfang Juli dieses Jahres.

Anwalt wirft Eon Zermürbungstaktik vor

Dass jemand Strom auf seine Kosten „abgezapft“ hat, glaubt Peter Jakob nicht. Für Anwalt Nitz liegt ein Ablese- oder Kommastellenfehler bei der Übertragung vor oder auch ein falsch angegebener Einbaustand – der neue Zähler arbeitet sei Mitte Dezember 2013. Denn wie die Abrechnungen der Folgejahre ausweisen, lag Jakobs Verbrauch zwischen 4400 und 2800 kWh.

Der Stand nervt, meint Rechtsanwalt Nitz. Er wirft der Eon vor, eine Zermürbungstaktik anzuwenden. Seine Schreiben würden offensichtlich nicht gelesen und es bestehe kein Interesse daran, der Wahrheit näher zu kommen.

Auf Anfrage der OP äußert sich Michael Krautberger von der Eon-Pressestelle auch eher ratlos. Wie es zu dem hohen Stromverbrauch kam, könne man nicht beurteilen. Da der Zähler aber richtig funktionierte, gehe die Eon davon aus, „dass der Stromverbrauch tatsächlich so hoch war, wie wir ihn Herrn ­Jakob in Rechnung stellen“. Fotos des Stromzähler würden die Stände belegen.

Eon storniert Mahnungen und Sperrandrohung

Anhand von Start- und Schlussständen des Zählers schließt das Unternehmen zudem einen Zahlendreher aus, erkennt aber an, dass „ein Verbrauch von mehr als 18.000 Kilowattstunden zwischen Dezember 2013 und Juni 2014 ungewöhnlich“ ist.

Dennoch hält Eon seine Forderungen – mittlerweile noch 7600 Euro – aufrecht, will Peter Jakob aber entgegenkommen. „Wir haben außer dem Verbrauch alle Rechnungsposten wie Mahnungen und Sperrandrohungen storniert. Ferner bieten wir Herrn Jakob an, den offenen Betrag in zwölf Monatsraten zu begleichen“, erklärt Krautberger.

Den Rechnungen und Mahnungen widersprach Anwalt Nitz, verfügte auch ein Hausverbot gegenüber Eon, damit der Strom nicht abgestellt werden kann. Während Nitz mittlerweile zur Lösung eine Schlichterstelle einbeziehen möchte, will Schuldnerberater Haase es auf ein Gerichtsverfahren ankommen lassen. „Dann muss die Eon beweisen, wie dieser Verbrauch entstanden sein soll.“

von Gianfranco Fain

Anzeige