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Hinterland „Stellvertreterkrieg um Ehre“ endet mit einem Vergleich
Landkreis Hinterland „Stellvertreterkrieg um Ehre“ endet mit einem Vergleich
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19:52 13.07.2012
Quelle: pixelio/Andrea Damm
Gießen.

Mit der Hand schrieb der Oberarzt im März jenen folgenschweren Satz unter den Behandlungsbefund eines vier Wochen alten Säuglings. „Ich habe mich dazu hinreißen lassen, weil ich wochenlang Angst um das Kind hatte und meine Behandlungsempfehlung nicht befolgt worden war“, erklärte der 59-Jährige gestern vor dem Gießener Arbeitsgericht wie es zu den Worten „Das war russisches Roulette, ist aber gut gegangenen. Glück gehabt!“ in der Patientenakte gekommen ist. Vor dem Arbeitsgericht wandte er sich gegen die Abmahnung, die er aufgrund dieses Satzes erhalten hatte. „Ich habe das zum Wohl der Kinder getan. Die Formulierung war nicht für die Öffentlichkeit bestimmt“, betonte der Kläger.

Die Personalabteilung des Uniklinikums hatte die Abmahnung damit begründet, dass es sich um eine unsachliche, herabsetzende und diffamierende Kritik am Vorgesetzten, sprich dem Chefarzt, handele, die nicht zu dulden sei. „Es kann nicht sein, dass hier so über Bande gespielt wird. Wenn der Kläger meint, dass der Professor falsch gehandelt hat, kann er ihm dies ja persönlich mitteilen“, erklärte die Beklagtenseite. Kritik sei im Klinikum ja durchaus gewollt, aber nicht auf diese Art und Weise. Darüber hinaus trage der Chefarzt die Verantwortung für die Behandlungen, die er anordne.

Der Konflikt zwischen Chef- und Oberarzt schwelte wohl schon seit Längerem: Bereits seit 1991 arbeitet der Kardiologe in der Marburger Kinderklinik des Universitätsklinikums. Seit dem Jahr 2006 kam es immer wieder zu Differenzen mit dem Chefarzt derselbigen, 2009 folgte eine „emotionale Auseinandersetzung“, wie der Kläger es nannte. Seitdem seien seine Behandlungsempfehlungen für Säuglinge und Frühgeborene häufig ignoriert worden, zum Teil selbst dann, wenn ein zweiter Arzt die Empfehlung bestätigt habe.

„Sie führen hier einen Prozess, eine Schlacht, bei der alle nur verlieren können“, fasste Arbeitsrichter Hans Gottlob Rühle seine Sicht auf die Verhandlung zusammen. Die Abmahnung sei nur ein „Stellvertreterkrieg, bei dem es um Ehre, Anerkennung und gekränkte Eitelkeiten geht“. „Egal wie der Prozess hier ausgeht, ob die Abmahnung formal richtig ist oder nicht, das Problem ist damit nicht gelöst“, betonte Rühle, der auf beide Parteien eindringlich einwirkte, einen Vergleich abzuschließen. „Denn wenn, Sie hier richtig prozessieren, mit allem Drum und Dran, dann ruinieren Sie den guten Ruf der Kinderklinik“, warnte der Arbeitsrichter.

Letztendlich rangen sich beide Seiten doch noch zu einem Vergleich durch: Darin verpflichtet sich der Kläger, sich bei dem Chefarzt zu entschuldigen und an einem Gespräch mit diesem sowie dem Ärztlichen Direktor Professor Dr. Jochen A. Werner teilzunehmen und die zukünftige Zusammenarbeit zu besprechen. Die Personalabteilung des Uniklinikums nimmt im Gegenzug, wenn diese Gespräche erfolgt sind, die Abmahnung zurück.

von Katharina Kaufmann