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Start-up will Barrieren überwinden

„Companion2go“ Start-up will Barrieren überwinden

Über „Companion2go“ sollen sich in Zukunft Menschen mit und ohne Behinderung im Netz zu Reisen oder Veranstaltungen verabreden. Ziel der Gründer ist es, Assistenz und gemeinsame Interessen zu verbinden.

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Marten Welschbach (links) und Zacharias Wittmann haben eine Internet-Plattform entwickelt, die die Mobilität von Menschen mit Handicap steigern soll.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Es ist kalt und diesig an diesem Montagmorgen am Marburger Bahnhof. Zacharias Wittmann (27) und Marten Welschbach (27) warten am Bahnsteig von Gleis 4, um ihre Reise nach Frankfurt anzutreten. Bis hier her haben sie es dank der Aufzüge selbst geschafft. Doch das selbstständige Ein- und Aussteigen ist ihnen nicht bei allen Zügen möglich.

Sie sind körperlich behindert und auf den Mobilitätsservice der Deutschen Bahn angewiesen. An Spontanität beim Reisen ist für sie daher nicht zu denken. Nur mit einer aufwendigen Planung kommen sie ans Ziel. Vertrackte Gleisübergänge und die unterschiedliche Ausstattung auf Bahnhöfen erschweren Reisen zusätzlich. Nicht jeder Bahnhof kann mit Marburger Verhältnissen aufwarten. Auch aus eigenem Interesse wollen Wittmann und Welschbach das nicht länger hinnehmen. Ihr gemeinsames Projekt, das unter dem Namen „Companion2go“ firmiert, soll nun Abhilfe schaffen.

Es geht um eine Online Plattform, auf der sich Menschen mit und ohne Behinderung organisieren können. Einerseits, um gemeinsam zu reisen, andererseits, um Veranstaltungen zu besuchen, im Idealfall wird beides miteinander verknüpft. „Companion2go“ ist also mehr als eine reine Mitfahrzentrale, wie sie beispielsweise mit „Blablacar!“ bereits existiert.

Angenommen, eine Rollstuhlfahrerin aus Marburg möchte ein Konzert in Berlin besuchen. Übliche Praxis war bislang, Bahn und Veranstalter über das Vorhaben zu informieren und – sofern möglich – einen Service anzumelden. Zusätzlich war die Reisende auf eine Begleitung aus ihrem privaten Umfeld angewiesen. Dank „Companion2go“ geht es nun einfacher: Auf der Online-Plattform kann sich die Frau registrieren und  ein Profil erstellen. Dazu gehört, welche Hilfestellungen sie benötigt – etwa Abstützen, Anheben oder auch Führen, im Falle eines Blinden. Hat sie die Registrierung abgeschlossen, kann sie ihr Vorhaben mit der „Companion2go-Community“ teilen.

Austausch baut auch „Barrieren im Kopf“ ab

Nichtbehinderte Mitglieder können nun, wenn Interesse besteht, auf das Angebot eingehen. Sie müssen aber nicht warten, sondern können ebenfalls eigene Angebote hochladen. Der Anreiz für sie: Alle Preise für Transport und Veranstaltungen sind um die Hälfte günstiger. Möglich macht das der Behindertenausweis, in dessen Besitz mindestens einer der Teilnehmer sein muss. Dieser befähigt den Träger, eine Begleitung – auf Englisch companion – kostenlos mitzunehmen.

Die Möglichkeiten auf der Angebotsseite sind fast unbegrenzt und können von Messe- oder Konzertbesuchen bis zu Bus- oder Bahnreisen reichen. In gewissen Fällen, so Wittmann, ist selbst ein innerdeutscher Flug möglich. Die Serviceangebote, beispielsweise die der Bahn, können zusätzlich genutzt werden, vor allem, wenn elektrische Rollstühle Geräte wie einen­ Hub­lift erfordern.

Eine weiteres Anliegen von „companion2go“ liegt im Kontakt an sich. Welschbach und Wittmann berichten aus eigener Erfahrung über die Befangenheit mancher Menschen, „sie sind unsicher, wie sie mit Behinderten umgehen sollen“,  vermutet Wittmann. Um den Kontakt natürlicher und weniger verkrampft werden zu lassen, kann ein Austausch auf einer gemeinsamen Zugfahrt ­einen Beitrag leisten. Ein gemeinsames Interesse darüber hinaus, zum Beispiel eine Musik-Band, kann das Eis zusätzlich brechen.

Wichtig ist den beiden Gründern aber, dass „Companion2go“ nicht als „moralisches Projekt“ wahrgenommen wird, wie Welschbach betont. Der zusammenhaltende Kitt der Vereinbarungen soll Neugier auf andere Menschen und ganz schlicht Pragmatismus sein. Zachi Wittmann ist studierter Sozialwissenschaftler. Die Idee zum Projekt kam ihm vor einigen Jahren als Vielreisender der Bahn. Im Konrad-Biesalski-Haus, einem inklusiven Wohnheim unweit des Schlosses, lernte er seinen Freund und kongenialen Partner Marten Welschbach kennen. Ein studierter Betriebswirtschaftler, der die Idee der Plattform einer ersten wirtschaftlichen Prüfung unterziehen konnte.

Finanzierung ist durch Förderpreis gesichert

Nachdem ein erstes Konzept in ihren Köpfen Gestalt annahm, ging es darum, weitere Meinungen und Expertise einzuholen. Bei einem Vortrag über Unternehmensgründung lernten sie Mitarbeiter des „Social Impact Lab“ aus Frankfurt kennen. Eine Plattform, die junge Unternehmer mit einer sozialen Geschäftsidee unterstützt.

Das Projekt stieß bei den Mitarbeitern des „Labs“ auf Begeisterung. Sie luden Wittmann und Welschbach nach Frankfurt ein, um zusammen das Konzept auszuarbeiten. In einem stimulierenden Umfeld, das die beiden tatkräftig mit Coaching und Material unterstützte, wurden die Bedingungen für den Start geschaffen. Unter anderem halfen ihnen Informatiker bei der Programmierung der Seite, eine App soll im Frühsommer folgen.

Der erste Meilenstein ist bereits geschafft: Die Finanzierung ist durch den mit 20.000 Euro dotierten „Special Impact Award“ für „AndersGründer“ gesichert.  Mittel- und langfristig soll sich die Plattform über eine kleine Vermittlungsgebühr finanzieren, die von demjenigen erhoben wird, der auf ein Angebot eingeht. Auch einen maßvollen Anteil an Werbeanzeigen ziehen die beiden in Erwägung.

Wenn Wittmann und Welschbach an diesem Montag pünktlich im Frankfurter Kopfbahnhof eintreffen sollten, können sie sich glücklich schätzen. Aus versicherungstechnischen Gründen kann die Bahn ihren Service nur im angemeldeten Zeitraum zur Verfügung stellen. Flexibles Reisen sieht anders aus. Mit einer Begleitung wäre zumindest ein Stück Unabhängigkeit gewonnen.

  • Eine Testversion von „Companion2go“ ist ab sofort abrufbar und kann genutzt werden – ­unter www.companion2go.de.

von Lukas Rameil

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