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Hinterland Früher Heiratsbörse, heute Rückzugsort
Landkreis Hinterland Früher Heiratsbörse, heute Rückzugsort
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16:16 25.04.2017
Wer die Technik bereits beherrscht, geht im Kurs den Anfängern zur Hand und erklärt, worauf sie achten müssen. Quelle: Sascha Valentin
Niederdieten

Die Spinnstuben erleben derzeit eine kleine Renaissance. Seit zwei Jahren bietet die Gilde im Ort Kurse an, in denen sie den interessierten Teilnehmern das alte Handwerk des Spinnens vermittelt. Zum jüngsten Kurs sind 18 Teilnehmer gemeldet – so viele, wie noch nie zuvor, sagt Wilfried Orth von der Volkskunstgilde.

Auch er beobachtet das wachsende Interesse der jüngeren Generation am alten Handwerk mit Freude, denn dadurch werde schließlich auch ein Stück Kultur erhalten und weitergegeben. Um nichts anderes ­
gehe es der Volkskunstgilde in der hessischen Vereinigung für Tanz- und Trachtenpflege. „Bis in die 50er-Jahre hatten die Spinnstuben ja eine große Bedeutung für das dörfliche Leben“, pflichtet ihm Angela Paulus bei. Hier kam man zusammen, erzählte sich Neuigkeiten, sang Lieder und Gedichte und lernte sich auch kennen.

Nicht umsonst galten die Spinnstuben als „Heiratsbörsen“ ihrer Zeit, sagt Paulus. „Viele Männer und Frauen­ haben hier ihren ersten Kuss ­bekommen“, ergänzt sie. Der Spinnkurs, den die Volkskunstgilde einmal im Jahr durchführt, diene deswegen nicht nur dazu, die alte Arbeitstechnik des Spinnens zu erlernen, sondern auch das Bewusstsein für die Bedeutung der Spinnstube bei der jüngeren Generation von heute zu festigen. Zwar werde heute dort niemand mehr verkuppelt, aber die Gemeinschaft nehme einen sehr hohen Stellenwert ein, sagt Wilfried Orth. „Das ist wirklich ein Gefühl wie in einer Familie“, ergänzt er.

260 Meter aus zehn 
Gramm Wolle gesponnen

An dem Kurs selbst können sowohl Anfänger, wie auch erfahrenere Spinner teilnehmen – die, die es bereits können, helfen denen, die es noch lernen wollen. „Für die Anfänger geht es erst einmal darum, ein Gespür für die Koordination von Hand- und Fußarbeit zu bekommen“, erklärt Angela Paulus. Denn wer das erste Mal an einem Spinnrad sitzt, der merkt, dass es gar nicht so einfach ist, mit dem Fuß das Rad am Laufen zu halten und gleichzeitig mit den Händen die Wolle zu bearbeiten. „Da muss man eben üben, üben, üben“, sagt Paulus. Mit der Zeit kriege man den Dreh raus. Wenn diese Technik erst einmal sitzt, kommt es hauptsächlich auf die Fingerfertigkeit an – und natürlich auf die Qualität der Wolle.

Im vergangenen Jahr haben die Teilnehmer am Spinnkurs einen kleinen Wettbewerb gemacht, bei dem es darum ging, wer den längsten Faden aus derselben Menge Wolle spinnen kann. Den Titel sicherte sich Tanja Wege aus Friedensdorf, der es gelang, aus zehn Gramm Wolle einen 260 Meter langen Faden zu spinnen. Andere Teilnehmer brachten es auf 140 oder 180 Meter.

Das Können der Mama hat sich mittlerweile auch auf Tochter Elisabeth Wege übertragen. Auch sie hat an dem jüngsten Spinnkurs teilgenommen und dabei die Technik schnell rausgehabt. Auch diejenigen, die bereits firm im Spinnen sind, konnten bei dem jüngsten Kurs noch etwas lernen. Zu den Teilnehmern gehörte auch Rainer Ditzel vom Leinen- und Spitzenmuseum in Haigerseelbach, der die Kursteilnehmer in das Flachsspinnen einweihte. Weil das Flachs eine andere Konsistenz habe als Wolle, sei zum Flachsspinnen auch eine ganz andere Technik nötig, erklärt Angela Paulus.

Die Teilnehmer machten noch eine weitere Erfahrung, schwärmt Wilfried Orth: „Beim Spinnen kann man wunderbar abschalten.“ Es gebe nichts Besseres, um nach einem anstrengenden Arbeitstag runterzukommen, als sich ans Rad zu setzen, meint Orth und vermutet: Vielleicht ist das auch mit ein Grund dafür, warum sich in der heutigen stressigen und hektischen Zeit immer mehr Menschen an dem alten Handwerk des Spinnens erfreuen und darin Entspannung suchen.

von Sascha Valentin

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