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Hinterland „Integration ist noch nicht am Ziel“
Landkreis Hinterland „Integration ist noch nicht am Ziel“
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17:13 28.08.2017
Wie die Schule zur Integration von Kindern mit ausländischen Wurzeln beitragen kann, wird von Gremien in Dautphetal besprochen. Quelle: Waltraud Grubitzsch / dpa
Dautphetal

„Viele Kinder können weder richtig türkisch, noch richtig deutsch“, sagte Gamze­ Kör, die Vorsitzende des Ausländerbeirates. Wenn jemand ­seine Muttersprache aber nicht richtig beherrsche, sei es für ihn umso schwieriger, eine andere Sprache zu lernen. Außerdem würden viele Migrantenfamilien Wert auf ihre kulturellen Wurzeln legen. Nicht zuletzt sei es durchaus von Vorteil, zweisprachig aufzuwachsen, weshalb muttersprachlicher Unterricht in Türkisch gut und notwendig sei, sagte Kör.

Im Sozialausschuss stieß dies auf Zustimmung. Es gab allerdings auch kritische Stimmen: Die Kenntnisse der Muttersprache zu fördern, sei Aufgabe des Elternhauses. In der Schule dagegen müsse die deutsche Sprache gestärkt werden, damit die Kinder im restlichen Unterricht nicht wegen mangelnder Sprachkenntnisse zurückfallen. Zudem könne die Trennung der türkischen von den deutschen Kindern beim muttersprachlichen Unterricht ein Störfaktor für die Integration sein.

Alle Anwesenden waren sich hingegen einig, dass die Benachteiligung von Kindern mit ­Migrationshintergrund aufgrund der Sprache zurückgegangen ist. Laut Ausländerbeirat trägt Sport maßgeblich zur Integration bei. Dennoch gebe es bei der Entwicklung, dass Migrantenkinder immer mehr und immer besser Deutsch lernen, noch Luft nach oben.

„Mein Kind muss studieren“

Diese Ansicht vertritt auch Schulleiter Harald Becker aus seiner Erfahrung: „Integration­ ist noch nicht am Ziel“, sagte 
der Pädagoge. Oftmals falle auch die Elternarbeit mit Migranten ein bisschen schwerer. Er habe den Eindruck, dass schon das deutsche Schulsystem an sich bei den Eltern nicht vollkommen bekannt ist. So gebe es ­einen hohen Drang ans Gymnasium – nicht nur bei deutschen Familien, sondern auch bei ­
Familien mit Migrationshintergrund.

Die Mitglieder des Ausländerbeirates führten dies darauf zurück, dass in vielen Migrantenfamilien der Gedanke vorherrsche: „Mein Kind muss studieren, damit es in diesem Land ­etwas erreicht.“ Darüber hinaus bestehe die Angst, deutsche ­Bewerber würden gegenüber Migranten bevorzugt. Die Dautphetalschule jedenfalls, berichtete Becker, setze alles daran, die Schüler über berufliche Möglichkeiten mit einem Haupt- oder Realschulabschluss zu informieren.

Derzeit läuft der muttersprachliche Unterricht an der Schule von der ersten bis zur achten Klasse. Danach müssen die Kinder Ethikunterricht belegen. Muttersprachlicher Unterricht ist ein Wahlpflichtfach und wird folglich nicht benotet, erläuterte Becker. Das Fach befasst sich ausschließlich mit der türkischen Sprache und der Region, nicht mit der Religion. Kritisiert wurde, dass den Migrantenkindern durch den fehlenden Ethik- oder Religionsunterricht die ethisch-moralische ­Bildung fehle.

Ausschuss besorgt über Entwicklung in der Türkei

Mittlerweile unterrichtet an der Schule nur noch ein Lehrer den muttersprachlichen Unterricht in Türkisch, der jedoch bald in Rente geht. Die neue Lehrkraft wird über das türkische Konsulat organisiert und kommt direkt aus der Türkei. Deren gute Deutschkenntnisse­ und pünktliche Ablösung des ehemaligen Lehrers seien nicht garantiert, sagte Becker.

Aufgrund der politischen Verhältnisse in der Türkei sind ­sowohl die Ausschussmitglieder als auch die Schulleitung der Dautphetalschule besorgt, da sie großen Einfluss vor allem auf jüngere Kinder habe, erklärte der Schulleiter. Durch die Sprachbarriere könne es zudem schwieriger werden, den muttersprachlichen Unterricht auf seinen Inhalt zu überprüfen, was für jede Art von Unterricht Aufgabe der Schulleitung sei.

Es wurde ein regelmäßiges Treffen im Rahmen des Ausschusses vereinbart. Schulleiter Becker lud den Ausländerbeirat an seine Schule ein, um die Kooperation bei Projekten wie beispielsweise dem BSJ-Projekt „mitWirken“ auszubauen.

von Franziska Weber