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Samia ist wieder in Lohra

Asylfolgeantrag Samia ist wieder in Lohra

Fünf Wochen dauerte für die Somalin Samia der tägliche Überlebenskampf auf Palermos Straßen. Deshalb reiste sie illegal nach Deutschland ein und hofft nun auf eine zweite Chance.

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In Palermo schlief die Dublin-III-Rückkehrerin Samia 15 Nächte in der Obdachlosenunterkunft, vor der sie steht.

Quelle: Samia

Lohra. Zwei Stunden ließ Samia nach ihrer Ankunft in ihrer ehemaligen Wohngemeinschaft in Lohra warmes Wasser über ihren geschundenen Körper laufen. Fünf Wochen lang verzichtete sie auf ein Grundbedürfnis: Körperpflege.

Die Straßen Palermos waren ihr Zuhause ( die OP berichtete). Geschlafen hat sie die meiste Zeit in der Nische einer Betonmauer. In Italien hat sie Asyl, aber das Land ächzt unter der Last der Flüchtlingswelle und kümmert sich kaum um die Schutzbedürftigen. Jeder soll für sich selbst sorgen.

Wie die Lohraerin Elfriede­ Köhler vom Arbeitskreis für Menschenrechte und Menschenwürde nach Samias Rückkehr erfuhr, hat die Somalin nur an 15 Nächten einen Schlafplatz in einer Obdachlosenunterkunft gehabt – ohne Heizung und ohne warmes Wasser. Die restliche Zeit lebte sie auf der Straße, ohne Aussicht auf Unterstützung. Samia hielt diesen Zustand nicht länger aus und die nach Sizilien abgeschobene Dublin-III-Rückkehrerin fand einen Weg zurück nach Deutschland.

Landkreis ermöglicht Runden Tisch für Somalin

Die Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen verwies die 30-Jährige zunächst an die Ausländerbehörde, weil Samia seit dem negativen Bescheid auf ihren Asylantrag kein Aufenthaltsrecht mehr in Deutschland hat. Eigentlich hätte sie im Landratsamt in Marburg von der Polizei in Abschiebehaft genommen werden müssen.

Doch Marian Zachow, Erster Beigeordnete, wollte die alleinstehende Frau nicht der Ausweglosigkeit überlassen. Er initiierte einen Runden Tisch mit Vertretern der Ausländerbehörde, Samias Rechtsanwalt und mit Julia Störmer von der Diakonie in Marburg sowie mit Samia. Das Ziel war es, für Samia ein vorläufiges Bleiberecht zu schaffen, damit sie nicht auf Palermos Straßen zurück muss.

„Wir haben an der Stelle nur zusammengeführt“, beschreibt Zachow den Einsatz des Landkreises. Er sprach auch von einem Dilemma, da sich die Somalin zu diesem Zeitpunkt eigentlich rechtswidrig in Deutschland aufhielt. Es sei ihm aber wichtig gewesen, Samia Zugang zu einer rechtlichen Unterstützung und einem persönlichen Beistand zu gewähren, sagte Zachow.

Zumindest als Besucherin durfte sie bleiben

Am 21. Dezember 2017 wurde Samia von drei Polizisten aus ­ihrer Wohngemeinschaft in Lohra abgeholt und in ein Flugzeug mit Ziel Sizilien abgeschoben. Ihr Asylantrag in Deutschland war abgelehnt. Gegen den Bescheid hatte Samias Rechtsanwalt zwar Klage eingereicht und einen Eilantrag gestellt, damit die 30-Jährige in Deutschland bleiben kann bis über die Klage entschieden ist.

Doch noch vor Weihnachten hatte der zuständige Richter den Eilantrag abgewiesen mit der Begründung, dass Samia ebenso gut in Italien, wo ihre Füße nach ihrer Flucht über das Mittelmeer zuerst europäischen Boden berührt hatten, auf den Ausgang des Klageverfahrens warten könne.

Weil der Ausgang dieser Klage noch offen war, habe das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) keinen neuen Asylantrag aufnehmen können. „Unter diesen Umständen war Samia eine Illegale und hätte eigentlich in Abschiebehaft gemusst“, sagt Störmer. Da Samia aber ein Aufenthaltsrecht in Italien habe, könne sie natürlich als Tourist nach Deutschland einreisen. Zumindest als Besucherin habe sie zunächst bleiben dürfen, sagte Störmer.

Neue Argumente gegen Abschiebung nach Italien

Sie ist froh, dass auf Zachows Bemühen hin spontan eine schnelle Hilfe für Samia gefunden werden konnte. Das Wichtigste war, die Klage gegen den negativen Bescheid zu Samias­ Asylverfahren zurückzunehmen. „Nur so ist es möglich, einen Asylfolgeantrag zu stellen – unter Berücksichtigung der Umstände in Palermo. Samia habe­ nun neue Argumente, die gegen eine Abschiebung nach Italien sprechen könnten: die reale Bedrohung auf den Straßen Palermos, sexuelle Übergriffe und die ­fatalen Lebensbedingungen.­ „Das könnte ihren Antrag stützen“, hofft Störmer.

Wenn das Verwaltungsgericht den Einstellungsbescheid verschickt, ist für Samia in Deutschland die Stunde null – zwar unter besseren Lebensbedingungen als in Palermo, aber wieder mit dem bangen Warten auf den Ausgang des Verfahrens.

Der Landkreis will sich laut Störmer dafür einsetzen, dass Samia während der Dauer des Verfahrens in ihrer alten Wohngemeinschaft in Lohra leben kann. Dort befindet sie sich zurzeit. Bis es so weit ist, ist aber die Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen Samias Zuhause. Störmer wird die Somalin weiter betreuen und geht davon aus, dass es vor der nächsten Anhörung beim BAMF ein Treffen mit ihr in Lohra geben wird.

von Silke Pfeifer-Sternke

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