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So viele Nachrichten wie noch nie

Gastvortrag So viele Nachrichten wie noch nie

Sie sollen den Politikern auf die Finger schauen. Doch nicht immer werden die Medien diesem Anspruch gerecht, sagt Caren Miosga. Beim Gesprächsforum der Sparkasse erklärte die Journalistin, warum das so ist.

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Durchaus zur Selbstkritik fähig: Tagesthemen-Moderatorin Caren Miosga im Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse, Andreas Bartsch.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. „Noch nie“, so die Moderatorin der ARD-Tagesthemen, „gab es so viele Anbieter von Nachrichten wie heute“. Die Flut von vermeintlichen Neuigkeiten und Skandalen sowie die immer schwieriger werdende Vermittlung globaler Politik mache den Journalisten ihre Arbeit als „vierte Macht im Staate“ jedoch nicht einfacher, sagt die Frau, die es wissen muss. Tagtäglich steht die 43-Jährige im Spannungsfeld zwischen „Politik und Medien“, wie die Sparkasse Marburg-Biedenkopf ihr diesjähriges Gesprächsforum in der Stadthalle überschrieben hatte. Die rund 1000 Gäste lauschten denn auch gespannt den kurzweiligen Ausführungen der Journalistin, die vor fünf Jahren die Nachfolge von Anne Will als Frontfrau der ARD-Tagesthemen antrat.

Praxistestim Saal

Doch bevor Caren Miosga über Pressefreiheit, Leserreporter, Medienberater, Scholzomaten, Schmeißfliegen und Wegelagerer spricht, macht sie den Praxistest im Saal. Wer denn überhaupt täglich die Tagesthemen schaue, will sie wissen. Oder auch die Konkurrenz vom ZDF mit Claus Kleber („der war ja auch schon mal hier“). Tatsächlich gehen nur wenige Hände in der Stadthalle nach oben. Wohl dem, der sich noch zurecht findet in der Welt der Nachrichten - und der Politik.

„Overnewsed but underinformed“ - so könnte man sich mitunter fühlen, sagt Miosga. Überflutet mit Nachrichten, aber schlecht informiert. Oder gar falsch informiert. Denn angesichts des Überangebots von Nachrichten in Fernsehen, Radio, Internet und Zeitungen sowie deren rasanter Verbreitung falle es auch den Journalisten mitunter schwer, den Überblick zu behalten. Auch bleibe die seriöse Recherche, die Überprüfung von Quellen mitunter auf der Strecke. „Eine ganze Branche steht unter Druck“, erklärt Miosga und führt als Negativbeispiel den „Fall Wulff“ an. „Hier haben sich die Politik und die Medien nichts geschenkt“, kritisiert die Journalistin. Da habe sich dank eines Schneeballeffektes im Internet vieles einfach verselbstständigt und niemand habe mehr die Fragen gestellt, die zu den Standards des seriösen Journalismus gehören. „Das war gnadenlos“, sagt sie. Ohne die Verfehlungen Wulffs schmälern zu wollen, hätten doch auch die Medien hier „ihre Macht missbraucht“.

Doch Miosga spricht an diesem Abend nicht nur über ihre eigene Zunft. Auch die Politik und vor allem die mediale Vermittlung derselben habe sich in den vergangenen Jahren erheblich verändert. Entscheidungsprozesse seien oftmals kaum mehr verständlich („oder wissen Sie wirklich, was sich hinter ESFM verbirgt?“). Auch fehle es an der nötigen Transparenz.

Die immergleichen Antworten

Vor allem aber „suchen Politiker die Medien heutzutage nicht mehr um der Politik willen, sondern um Wahlen zu gewinnen“. Denn auch ihnen fehle das Geld für teuren Wahlkampf, weshalb immer häufiger Medienberater den Auftritt von Politikern bestimmten - und nicht die Sache.

Miosga hat zur Freude des Publikums auch dafür ein Beispiel parat: Olaf Scholz (SPD), einst Bundesarbeitsminister und heute Erster Bürgermeister von Hamburg, habe man in der Branche nur noch „Scholzomat“ genannt, weil er in Interviews stets dieselben Antworten gegeben habe. So, als höre er dem Interviewer nicht einmal zu.

Nicht so die Gäste des Gesprächsforums. Sie danken Miosga mit viel Applaus für ihren heiteren, bisweilen aber auch nachdenklichen Vortrag, bevor diese den Abend mit einer kleinen Spitzfindigkeit schließt: Denn auf die Frage des Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse Marburg-Biedenkopf, Andreas Bartsch, was für sie denn wohl nach den Tagesthemen noch komme, antwortet Caren Miosga schlagfertig: „Da gibt es ja eigentlich nur zwei Möglichkeiten, entweder man bekommt eine Talkshow oder wird Regierungssprecher. Beides kommt für mich nicht infrage.“

von Anja Luckas

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