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Hinterland "Tuberkulose ist auf dem Vormarsch"
Landkreis Hinterland "Tuberkulose ist auf dem Vormarsch"
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00:21 24.02.2019
Hermann Bamberger (links) begrüßte Professor Siegfried Becker zu einem Vortrag im Zusammenhang mit der Sozialgeschichte der Tuberkulose in unseren Dörfern. Thema waren auch Rinder als Überträger des Tuberkulose-Bakteriums. Quelle: Helga Peter
Hartenrod

"Die Tuberkulose, die weitgehend verdrängt und ausgerottet schien, ist weltweit gravierend auf dem Vormarsch", sagte Professor Siegfried Becker. „Im Schlepptau von HIV und AIDS bereitet gerade die multiresistente Form große Probleme in der Bekämpfung dieser Infektionskrankheit, deren Erreger Robert Koch 1882 entdeckte.“

Bis 1900 sei jeder siebte Mitteleuropäer an dieser Krankheit verstorben. Antibiotika hätten die TBC dann zurückgedrängt. Ausgerottet sei die Krankheit jedoch nicht, denn etwa ein Drittel der Weltbevölkerung sei infiziert. „60 Millionen Menschen leiden an einer offenen TBC“, sagte der Ethnologe.

Eine Infektion mit dieser Krankheit, die Gehirn, Gelenke, Haut, Lymphknoten und auch Nieren befallen kann, ist laut Becker vom Immunstatus abhängig und kann auch abgewehrt werden, sodass eine natürliche Immunität eintritt. Keime könnten sich einnisten und abkapseln. Durch die lange Überlebenszeit des Bakteriums könnten offene Kavernen mit blutigem Auswurf entstehen. So sei gerade in den 50-/60-er Jahren die Form der offenen TBC auch im Salzbödetal noch präsent gewesen.

Mit Schmunzeln vernahmen die Zuhörer, dass Becker bereits als Schüler Hühner sezierte, die damals einem Seuchenzug der aviären TBC zum Opfer gefallen waren. Auffallend sei gewesen, dass braune Hybridhühner im Gegensatz zu heimischen Rassen massiv ausgeprägte Symptome gezeigt hätten.

Simmentaler Rinder übertrugen TBC-Bakterien

Schattige Haltung der Tiere­ habe das Auftreten noch begünstigt. „Ultraviolettes Licht ist wichtig, und die Sonne ist das Mittel gerade auch bei Hauttuberkulose“, sagte Becker. So sei 1876 die erste Lungenheilstätte in Falkenstein/Taunus eingerichtet worden, berichtete ­Becker.

Stark aufgetreten sei die TBC im Zuge der Verstädterung – begünstigt durch hohe Häuserfronten und wenig Sonnenlichteinfall. Auch die Verhaltensweise der Menschen sei nicht außer acht zu lassen. So seien gerade bei den Passionszügen, um der Missachtung Ausdruck zu geben, die Juden angespuckt worden. Der Tuberkelbazillus habe im Boden eine Überlebensdauer von bis zu sieben Jahren. Die bodenlangen Röcke der Damen und damit die Aufwirbelung des Bazillus aus dem Straßenstaub seien der Verbreitung ebenfalls zuträglich gewesen. Auch die Schnürleibchen der Hinterländer Tracht hätten eine gesunde Atmung gerade unterbunden.

Professor Becker ging auch auf die Lebensumstände der Hinterländer Bevölkerung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein. Zu den Infektionsquellen habe auch der Genuss unabgekochter Milch infizierter Kühe gezählt. Das Vogelsberger Rotvieh als heimische Rasse­ habe sich resistent gegenüber der TBC gezeigt, wo hingegen die Simmentaler Rasse anfälliger gewesen sei. Diese durch den Ankauf von Stieren über die Wetterau eingeführte Fleischrasse sei durch die karge hiesige Fütterungsweise, im Winter mit im Sudkessel gekochten Spelzen und Queckenwurzeln, anfälliger gewesen. Auf Veranlassung der Regierung seien 1950 Rinder ausgemerzt worden, die nach einem Test bereits eine­ ­Abwehrreaktion aufgewiesen hätten. Danach seien die Ställe als „Tuberkulosefreier Rinderbestand“ deklariert worden.

von Helga Peter