Volltextsuche über das Angebot:

27 ° / 13 ° wolkig

Navigation:
Siedlung ist älter als 750 Jahre

Geschichte Reimershausens Siedlung ist älter als 750 Jahre

Werner Franz vom Verein für Geschichte und Volkskunde Lohra und Dr. Siegfried Becker, Professor für europäische Ethnologie an der Universität Marburg, referierten über Reimershausens Geschichte.

Voriger Artikel
Gäste kommen, staunen und probieren
Nächster Artikel
Gesundheit ist ein Dauerbrenner

Werner Franz (rechts) überreicht Rolf Wrede die Reproduktion einer Forstbeschreibung des „Gleiberger Waldts“ aus dem Jahre 1570, auf der Reimershausen verzeichnet ist.Foto: Anita Ruprecht

Reimershausen. Den Abend hatten die Festausschussmitglieder als Nachklang der 750-Jahrfeier organisiert. Er sei ein Abschluss-Bonbon zum Dorfjubiläum, das 2011 gefeiert wurde, sagte Festausschussmitglied Rolf Wrede.

Werner Franz verlas die Urkunde der Ersterwähnung des ­Dorfes aus dem Jahr 1281 und fügte hinzu, dass der Ort zu ­dieser Zeit wohl schon 600 ­Jahre bestanden habe. Die Orte mit den Endungen „…hausen“ und „…bach“ seien in karolingischer Zeit entstanden, erklärte Franz. Weiter ging er in seinem Vortrag auf Heinrich von Reimershausen ein, der im 14. Jahrhundert Stadtschreiber in Marburg war. Bei seinen Recherchen erfuhr Franz, dass besagter Heinrich Ackerland in Reimershausen besaß. Franz geht deshalb davon aus, dass Heinrich von Reimershausen aus einem Reimershäuser Gehöft stammte. Er ging auf die Zeit des 14. Jahrhunderts ein, das mit Pest und dem großen Hochwasser 1342 viel Elend über die Bevölkerung brachte. Im Buch „Die Entwicklung des Unterrichtswesens in Hessen und Cassel“, das 1911 bei Elwert erschienen ist, erwähnt der Autor Wolff von Cassel, dass es im mittelalterlichen Lohra eine Lateinschule gab. Franz vermutet, dass Heinrich von Reimershausen in diese Schule ging. Zu seinen Aufgaben als Stadtschreiber habe auch das Verfassen von Urkunden und Briefen gehört. Er wusste noch einige ­Anekdoten aus dem Leben des Heinrich von Reimershausen zu ­berichten und Franz resümierte, dass man den Gelehrten durchaus als „schillernde Persönlichkeit“ seiner Zeit bezeichnen könne. 1857 hatte Reimershausen 14 Gehöfte und mit Knechten und Mägden 75 Einwohner, berichtete Franz weiter. Die Äcker wurden vorwiegend mit Pferden bestellt und das Dorf sei in einem relativ guten Zustand gewesen, was vom potentiellen Reichtum der Reimershäuser Bauern zeugt.

Orts entstand wohlin der Zeit der Karolinger

Dr. Siegfried Becker ging in seinem Vortrag auf die Flurnamen Reimershausens ein, die teilweise auf althochdeutsche Wortstämme zurückzuführen sind, die wiederum auch auf die karolingische Zeit, also lange vor der Ersterwähnung des Ortes hinweisen. Becker unterschied zwischen dem kommunikativen Gedächtnis, das Wissen, das wir von unseren Eltern und Großeltern haben und das circa 60 Jahre zurückreiche und dem kollektiven Gedächtnis, also das, was im Dorf über das Dorf erzählt wird und das knapp 100 Jahre zurückreiche. Flurnamen erzählten Geschichten sowohl aus den letzten 100 bis 200 Jahren als auch Geschichten die bis zur Gründung des Ortes zurückreichten. 1938 habe man für Reimershausen 145 Flurnamen aufgezeichnet.

In früheren Jahrhunderten habe es 400 bis 500 Bezeichnungen gegeben, sagte Becker. Jahrhundertelang seien die Leute auf die Flurbezeichnungen als genaue Ortsbezeichnung für das Gebiet, wo ihr Acker lag, angewiesen gewesen. Dieses Wissen sei von existentieller Bedeutung gewesen, weil der Acker das Überleben sicherte. In jüngster Vergangenheit verschwänden die Flurnamen dramatisch schnell, weil kaum noch jemand auf diese Ortsbezeichnung angewiesen sei, so Becker. In Reimershausen gibt es die Flurbezeichnung „Auf dem Kapp“. Kapp ist eine althochdeutsche Bezeichnung für Anhöhe. Anhand dieses Beispiels erklärte Becker, wie weit das kollektive Gedächtnis in den Flurnamen zurückreicht.

von Anita Ruprecht

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Hinterland

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr