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Allein unter Grenzgängern

Grenzgang Allein unter Grenzgängern

„Erklären kann man das nicht, das musst du erlebt haben“: Selten hat dieser eine Satz so gut gepasst wie beim Biedenkopfer Grenzgang. Tradition trifft auf Moderne - und fordert vollen Einsatz.

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Luftiges Abenteuer: OP-Redakteur Carsten Bergmann macht Bekanntschaft mit Grenzgangs-Traditionen. In dem Fall lässt er sich von der Burschenschaft Balbach hochleben. Fotos: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Biedenkopf. Grenzgang - dieses Wort für sich versprüht nicht gerade den Reiz eines Mega-Events. Als absolutes „Grenzgangs-Greenhorn“ fällt es schwer, Motivation für frühes Aufstehen, lange Wege und - zugegeben - so viel Blasmusik auf einmal zu gewinnen. Mehr Kategorie „Pflichttermin“. Vor allem habe ich selten den Wecker so sehr gehasst, wie an diesem Morgen. Die Nacht ist kurz, um vier Uhr geht‘s raus aus den Federn - ein Blick aus dem Fenster verrät: strömender Regen, Wandern im knöcheltiefen Matsch, eingesaute Klamotten und wahrscheinlich durchnässt bis auf die Haut. Liebe Leute, das macht‘s nicht einfacher.

Vom Biedenkopfer Marktplatz in Richtung Sackpfeife, dazwischen der Kleeberg. Eine schweißtreibende Angelegenheit. Besonders für OP-Fotograf Thorsten Richter

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Die folgenden zwei Stunden überspringe ich besser. Punkt sechs Uhr, kurz vor dem Marktplatz Biedenkopf. Es geht vorbei an Spielmannszügen, die ihre Instrumente noch unter dem Arm tragen. Böllerschüsse schütteln das letzte bisschen Müdigkeit aus den Knochen. Irgendwie verrät diese Atmosphäre im Hinterland: Hier passiert heute Großes. Wichtiges.

Früh morgens auf den Biedenkopfer Marktplatz

Vorbei an den Geschäften, die ihre Schaufenster mit Mohr, Wettläufern, Sappeuren (die Figuren habe ich bei der der OP-Lektüre der vergangenen Tage kennengelernt) und Grenzsteinen dekoriert haben. Große Girlanden schmücken die kleinen Gassen. Als gebürtiger Westfale kenne ich das von den Schützenfesten, den wichtigsten Ereignissen des Jahres in meiner Heimat noch vor Fußball-Weltmeisterschaften und Bundestagswahl. Das erste Ziel ist erreicht: Marktplatz. Der Place to be - und das Staunen ist groß. Kinder, Erwachsene, Alte - sie alle haben sich um den Platz versammelt. In der Mitte knallen Peitschen - sehen kann ich sie nicht. Tausende säumen zu dieser Zeit den Platz, voller Freude und Neugierde in den Augen. Diese Begeisterung ist ansteckend. So langsam schimmern die Besonderheiten eines Grenzgangs durch. Nach und nach marschieren die Burschenschaften und Männergesellschaften in ihren Uniformen ein, angeführt von Hauptmännern auf Pferden. Alle mit ihren eigenen Spielmannszügen. Uftata-Uftata - aus jedem Winkel schallen die Posaunen, Trompeten und Trommeln.

Beeindruckendes Schauspiel

Und dann begegne ich ihm - oder besser gesagt meine Platznachbarin: den berüchtigten Mohr. Frau um Frau, Kind um Kind werden von dem tänzelnden, vollbärtigen Mann geschwärzt. Und was passiert? Alle lachen, ja sie freuen sich richtig über ihre schwarze Wange. Das sollte ich mich mal wagen.

 

Gut zwei Stunden dauert das Schauspiel, ehe der Bürgeroberst den Weg in Richtung Grenze freigibt: „Marsch!“. Nun geht er also los, der Grenzgang. Die Gruppen laufen vor, wir Gäste im Tross hinterher. Und was soll ich sagen, es ist einfacher als ich gedacht habe. Die Straßen durch Biedenkopf, vorbei am Krankenhaus, am Amtsgericht, am Seniorenheim. Die Menschen winken, lachen, haben Spaß am Bild der vorbeiziehenden Meute. Ob sie schon wissen, was blüht? Plötzlich geht nichts mehr. Der Tross steht.

Die einen nutzen die Gunst für einen kräftigen Schluck aus dem Riesen-Bembel. Andere singen. Ein Bursche legt richtig los. Was er schreit? Keine Ahnung. Es müssen Worte gewesen sein, denn auf einmal stimmen die Menschen um mich herum mit ein.

Kurze Zeit später entdecke ich den Grund für den Zwischenstopp: Der Weg geht hinauf. Auf den Kleeberg. Der Blick nach oben verrät nicht ansatzweise die Anstrengung, mit der sich alle den Berg hoch wuchten müssen. Nach etlichen Höhenmetern, gefühlt einem Aufstieg auf einen 8000er-Berg gleich, ist der Gipfel erreicht. Obwohl es „nur“ 400 Höhenmeter sind, bin ich stolz. Mächtig stolz. Die Glückshormone machen die verbleibenden gut sechs Kilometer Fußmarsch fast zum Kinderspiel. Aber eben nur fast. Ich hätte nie im Leben gedacht, mich einmal so sehr über Marschmusik freuen zu können. Scheinbar macht der Grenzgang auch den Musikgeschmack grenzenlos. In meinem Fall kündigen die Spielmannszüge das Ende der Strapazen an, der Frühstücksplatz und damit der Abschluss Kraxel-Tour ist nah. Und dort lasse ich mir die letzten Traditionen gerne gefallen. Zunächst werfen mich die Jungs der Burschenschaft Balbach unter ihrer Fahne hoch. Warum auch immer. Egal. Jedenfalls sehen die Arme der Burschen, die beim KTV Biedenkopf turnen, am vertrauenserweckendsten aus. Das hat auch Landrat Fischbach so gesehen, der kurz vor mir den Luftzug der Fahne verspürt. Das Huppchen darf auch nicht fehlen. Die beiden Wettläufer, die vorher rastlos ihre Peitsche geschwungen haben, huppchen mit dem Mohr die Gäste auf dem Grenzstein. Aber nur der Mohr bekommt das Trinkgeld. Tradition ist eben Tradition. Ein bisschen skurril, ein bisschen altmodisch, aber: Das muss man einfach erlebt haben.

von Carsten Bergmann

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