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Schöne Bescherung: Kanalrohr ist voll

Gladenbach Schöne Bescherung: Kanalrohr ist voll

Zwei Jahre lang flossen die Abwässer eines Hauses in der neu ausgebauten Schlossallee ins Erdreich. Beim Neubau des Kanals wurde das Gebäude nicht angeschlossen.

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Dieses Haus ist erst seit vergangenem Wochenende ans Entsorgungsnetz angeschlossen, obwohl der neue Kanal in der Schlossallee seit zwei Jahren in Betrieb ist. Das linke untere Bild zeigt das alte Kanalrohr, das rechte untere Bild den vom Gebäude aus verlegten neuen Anschluss.

Quelle: Hartmut Berge

Gladenbach. Vor gut zwei Wochen meldeten die Mieter eines Wohnhauses in der Schlossallee ihren Vermietern, dass es in den Abflüssen blubbere und der Geruch im Haus immer unerträglicher werde. „Mein Mann und ich haben uns davon überzeugt und eine Sanitärfirma beauftragt, sich der Sache anzunehmen“, berichtet die Vermieterin, die namentlich nicht genannt werden möchte. Die Fachleute konnten das Problem nicht lösen, also wurde eine Rohrreinigungsfirma um Hilfe gebeten. Auch die kam, trotz intensiver Bemühungen, nicht weiter.

Weil die Hausbesitzer keine Pläne von dem 1999 von ihnen erworbenen Gebäude hatten, aus denen der Verlauf der Abwasserrohre ersichtlich war, ließen sie den Garten aufgraben. „Man war der Meinung, der Anschluss unseres Hauses würde in Richtung Sudetenstraße fließen“, berichtet die Vermieterin. Die Bauarbeiter fanden zunächst aber keine Rohre.

„Wir waren in Urlaub. Deshalb hat die Baufirma Kontakt mit der Stadt und dem Abwasserverband aufgenommen“, erklärt sie.

Mit Kamera auf der Suche nach dem Hausanschluss
Im neuen Abwasserkanal wurde mithilfe einer Kamera der Hausanschluss gesucht – vergeblich, denn es existierte kein Anschluss, zumindest nicht am neuen Abwasserkanal, sondern am alten Kanalrohr, das in der unteren Schlossallee endet und nicht mehr ans Entsorgungsnetz angeschlossen ist.

Mancher Passant wunderte sich an der offenen Baustelle, dass die alten Kanalrohre noch in der Straße liegen. Gewöhnlich würden die alten Rohre entfernt und an deren Stelle die neuen verlegt. Blieben die Rohre liegen, dann würden sie zumindest verfüllt. Denn die alten Rohre hätten nur fünf Zentimeter Wandstärke und könnten zusammenbrechen, wenn sie nicht mehr befeuchtet würden. In der Straße könnte es dann Senkungen geben, erklärte ein Anwohner.

Der neue Kanal wurde – von unten gesehen – links verlegt, der alte Kanal liegt rechts. Anwohner meinten, es wäre leichter gewesen, das Haus in der abzweigenden Sudentenstraße anzuschließen.  Diese Straße soll später ausgebaut werden.

Die Rohre hätten so in gerader Linie über den Garten des Hauses verlegt werden können. Von dort sind es aber etwa 40 Meter bis zum ersten Kanalschacht. Wohl deshalb wurde die kürzere Anbindung des Hausanschlusses an den Kanal gesucht und die erst vor zwei Jahren fertiggestellte Schlossallee über ihre gesamte Breite aufgeschnitten und aufgebaggert.

Wegen der niedrigen Temperaturen kann zurzeit nicht asphaltiert werden. Anstatt der ausgeschnittene Fahrbahndecke wurde inzwischen Pflaster verlegt.

Die Anlieger hoffen, dass dieses Pflaster im Frühjahr wieder durch Asphalt ersetzt wird. Eine künstliche Verkehrsberuhigung durch holprige Steine wolle man nicht, sagt eine Anliegerin. Denn das führe an dieser Stelle, der Ein- und Ausfahrt zur Sudetenstraße, zu keiner Geschwindigkeitsreduzierung, aber zu Lärmbelästigungen für Anwohner.

Beim Zweckverband Mittelhessische Abwasserwerke war am Freitag niemand mehr zu erreichen, der die Ursache für den fehlenden Hausanschluss erklären konnte, der zuständige Mitarbeiter war im Weihnachtsurlaub.

Im Gespräch mit Anliegern und Fachleuten mit Ortskenntnis  fand die OP eine mögliche Erklärung: Im Zuge der sogenannten Eigenkontrollverordnung ließ die Stadt Gladenbach auch die Kanäle in der Schlossallee per Kamera inspizieren. In Höhe des besagten Hauses an der Ecke Schlossallee/Sudetenstraße gab es nur einen  senkrecht in den Kanal verlaufenden Straßeneinlauf, und an den waren, für die Kamera nicht sichtbar, die alten Tonrohre des besagten Hauses angeschlossen.

Dazu muss man wissen, dass es sich sowohl bei dem alten als auch bei dem neuen Abwasserkanal  um Mischwasserkanäle handelt, in die nicht nur Schmutzwasser  sondern auch Fremd- und Regenwasser eingeleitet werden.

Für die ab den 1950er Jahren  gebauten Häuser am Fuße des Blankenstein gibt es in den meisten Fällen keine Pläne, aus denen sich die Lage der Hausanschlüsse ableiten lässt. Deshalb sind in solchen Fällen oftmals nur die Erkenntnisse aus den Kamerafahrten Grundlage beim Planen von Kanalneubauten.

Gleichwohl war für die vierköpfige Familie in dem betroffenen Wohnhaus und die Hausbesitzer ein Teil der Adventszeit alles andere als besinnlich. Die Mieter mussten nach der Verstopfung des alten Anschlusses bis zur  Fertigstellung des neuen Hausanschlusses die Toiletten von Nachbarn nutzen und bei den Eltern duschen gehen. 

Laut Statistik fallen in Deutschland pro Person täglich etwa 100 Liter  Abwasser an, dazu zählen, Fremd-, Regen- und Schmutzwasser. Legt man diese Zahl zugrunde, dann sind aus dem Einfamilienhaus und von dem Grundstück in den vergangenen zwei Jahren mehr als 290 Kubikmeter Abwasser ins Erdreich gesickert.

von Hartmut Berge 

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