Volltextsuche über das Angebot:

29 ° / 13 ° heiter

Navigation:
Willi Welsch rückt in Hierarchie zurück

Ruhestand Willi Welsch rückt in Hierarchie zurück

Der ehemaliga 
Vorstandsvorsitzende des DRK-Kreisverbandes Biedenkopf ist nun im 
Ruhestand. Willy Welsch hat dort während seiner 37 Dienstjahre einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Voriger Artikel
Plattform für freie Meinung und Cyber-Crime
Nächster Artikel
Nacktmodell kam bei Bankern nicht an

Alte Gegenstände, Bücher und Gemälde sind die Leidenschaft von Willi Welsch, doch der Ohrensessel wird auf den elanvollen Ruheständler noch eine Weile warten müssen.

Quelle: Gianfranco Fain

Biedenkopf. Gut ein Jahr lang wehrte sich Willi Welsch gegen die Auszeichnung, weil er den Bundesverdienstorden als eine Anerkennung des Geleisteten im Alter ansah. Schließlich nahm er ihn im Jahr 2009 doch an, nicht zuletzt weil am Grund der Ehrung durch den Bundespräsidenten auch viele, viele Menschen beteiligt waren: Mitstreiter im Roten Kreuz oder anderen sozialen Einrichtungen, auf allen politischen Ebenen oder seine Ehefrau Margret, die „immer mitspielte und mir beistand“.

„Der Bundesverdienstorden ist keine Frage Ihres Lebensalters, sondern eine Frage Ihres großen Engagements“, betonte bei der Übergabe der heutige Hessische Finanzminister Dr. Thomas Schäfer. „Durch sein Engagement hat Willi Welsch viele Lichter leuchten lassen und Menschlichkeit gelebt“, sagte Hans Hauswirth, der damalige Präsident des DRK-Kreisverbandes Biedenkopf.

Welsch: Bönnighausen ist eine „gute Wahl“

Das Gefühl für die soziale Verantwortung und Gerechtigkeit, der Einsatz für das Wohl und die Gesundheit der Mitmenschen und das Vorleben von Werten kennzeichnen das Wirken des 66-Jährigen. Dieses wird heute bei seiner Verabschiedung in den Ruhestand, auch wenn ihm so etwas nicht wirklich recht ist, hinreichend gewürdigt und vor allem an seinen in den 37 Jahren erreichten Leistungen für den DRK-Kreisverband Biedenkopf und das angegliederte Krankenhaus festgemacht.

Das Büro des Geschäftsführers des DRK-Krankenhauses zu räumen, seine Aufgabe, die er mit Herzblut füllte, abzugeben, daran hatte er schon „ ein Vierteljahr zu knabbern“. Schließlich gelang es dem gebürtigen Wallauer, die Übergabe an seine Nachfolgerin als „normalen Vorgang“ anzusehen, umso mehr er überzeugt ist, dass A. Cornelia Bönnighausen eine „gute Wahl des Aufsichtsrates für diese Aufgabe ist“.

Mentor lotste ihn zum DRK

Bis er auf diesen Posten gelangte, war es ein langer Weg, auf den ihn sein Mentor Horst Löffler brachte. Erst indem er den angehenden Sozialversicherungsfachangestellten bei der AOK vor dem Wehrdienst bewahrte und später zum DRK lotste. Dazwischen lernte Welsch als Ersatzdienstleistender die Arbeit an der Basis des Roten Kreuzes kennen, betreute 
Hilfsbedürftige, schob Dienste 
bei den Hessentagen oder war an Wochenenden als Krankenwagenfahrer im Einsatz und übernahm Leitungsaufgaben. Ende der 1970er Jahre, als beim DRK in Biedenkopf die Verwaltung und das Personalwesen neu aufzustellen war, überzeugte Löffler Welsch vom Arbeitgeberwechsel.

Nachdem er 1982 zum stellvertretenden Geschäftsführer aufstieg, bewarb er sich Ende der 1980er Jahre als Geschäftsführer. Als dieser übernahm er 
die Leitung eines Kreisverbandes, der als bundesweites Alleinstellungsmerkmal neben den Seniorenzentren, der ambulanten Pflege, der Sozialarbeit und dem Rettungsdienst auch noch ein Krankenhaus betreibt.

„Schließung der Geburtshilfestation hat mir wehgetan“

Dieses galt es zu bewahren. Mittlerweile nutzen rund 5000 Patienten pro Jahr die Dienste des Belegkrankenhauses. Darüber hinaus leben 220 Menschen in den Pflegehäusern und 90 werden ambulant versorgt. Weitere fast 1000 Personen betreuen die Sozialarbeiter in diversen Gruppen. Bei aller karitativer Einstellung musste Welsch jedoch lernen, zwischen dem sozialen Versorgungsauftrag und den wirtschaftlichen Erfordernissen zu trennen, erlebte dabei auch bittere Momente.

„Die Schließung der Geburtshilfestation im Jahr 2013 hat mir persönlich wehgetan“, bekennt der ehemalige Krankenhaus-Geschäftsführer, der zumindest für alle 15 Hebammen neue Stellen im Landkreis fand. Auch der Verlust des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes ist noch eine offene Wunde. Für die Wiederansiedlung würde er „noch einmal in die Bütt gehen“, versichert Welsch ohne Augenzwinkern.

Schichten von 10 bis 15 Stunden

Vor allem gab es aber Positives: der erfolgreich endende langjährige Kampf um die Intensivstation, die Kooperation mit dem Uniklinikum Marburg oder der Aufbau einer Neurologiestation, deren Ausbau mit der in diesem Jahr beginnenden Erweiterung des Krankenhauses gesichert ist. Kardiologie, Innere Abteilung, Urologie und Chirurgie machen das DRK-Krankenhaus zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Notfallversorgung von Caldern bis Erndtebrück. Darauf sei er stolz, bekennt Welsch, der seit 2005 Vorstandsvorsitzender des 
Geschäftsführenden Krankenhaus-Vorstands ist.

Viele Gespräche und viel Arbeitszeit hat er dafür geleistet, 10 bis 15 Stunden pro Tag, war er früh an seinem schlichten Holzschreibtisch und oft der Letzte, der ging. „Ich orientierte mich an den Ärzten, für die ich als Ansprechpartner da war.“

Das ist seit dem Jahreswechsel vorbei. „Mr. DRK“ befindet sich in einer „Umgewöhnungsphase“, weiß aber schon, was er demnächst machen will. Für den Ohrensessel neben dem Kamin fühlt er sich noch zu jung. Im DRK will er als „einfaches Mitglied“ weiter wirken und sich auch in zahlreichen anderen Vereinen, wie zum Beispiel der Tafel, engagieren. Vor allem aber im von ihm 1988 initiierten und als Vorsitzenden geführten „Heimatverein Wallau“.

Mehr Zeit für Familie und Pferde

Natürlich rückt nun auch die Familie mehr in den Fokus. Deren Zentrum soll für ihn und seine Ehefrau sowie für die beiden erwachsenen Töchter, ihre Ehemänner und die Enkel das in den vergangenen Jahren gebaute Holzhaus am Rande Wallaus werden. Dann ist da noch die Leidenschaft für alte Gegenstände, das Säen und Wachsensehen von Pflanzen sowie die vier Hektar Wald hinterm Haus. Der liefert den Rohstoff, den Willi Welsch als „handwerklich nicht ungeschickter Mensch“ verarbeiten will.

Auch für Tiere hat er ein Händchen, möchte sich in die erfolgreiche Zucht von Islandpferden seiner Frau Margret, mit der er mehr als 44 Jahre verheiratet ist, „einklinken“, dabei aber „die Hierarchie beachten“.

Vielleicht sieht man Willi Welsch dann, von der Last der Verantwortung befreit, bei einer dieser Tätigkeiten auch zufrieden lächeln. Etwas, das im Arbeitsalltag ganz selten vorgekommen sein soll. Er habe stets mit Hilfe anderer versucht, Stück für Stück etwas aufzubauen. „Wenn die Umsetzung dann gelang, hat mich das zutiefst innerlich befriedigt.“

von Gianfranco Fain

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr