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89 Jahre und kein bisschen leise

Komponist Rudolf C. Krause 89 Jahre und kein bisschen leise

In Deutschland sammelt die Gema Nutzungsgebühren ein und verteilt das Geld an Komponisten, Liedtexter und Musikverlage. Davon profitiert auch der Komponist und Musiker Rudolf C. Krause.

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Wenn Rudolf C. Krause in die Tasten greift, liegt schwungvolle Musik in der Luft. Rechts: der Ausweis der renommierten Folkwangschule in Essen, heute Folkwang Universität der Künste, von 1946, der Aufnahme-Brief als ordentliches Gema-Mitglied von 1968, die Einladung zur Gema-Versammlung 2017.

Quelle: Birgit Heimrich

Breidenbach. Im Jahr 1965 gründete Rudolf C. Krause mit seiner Frau Waltraud den gleichnamigen Musikverlag – den einzigen im Hinterland. Der Komponist und Musiker residiert in Niederdieten in einem Haus, bis unters Dach gefüllt mit Notenblättern.

Fast ebenso lang ist Rudolf C. Krause ein „ordentliches Mitglied“ der Gema, der „Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte“. „Ordentliches Mitglied, das ist so die Oberliga“, sagt Rudolf C. Krause – rund 3300 der insgesamt etwa 71.000 Gema-Mitglieder weltweit gehören dazu. Etwa die Hälfte der „Ordentlichen“ sind Komponisten wie der 89-Jährige.

Dieses Oberliga-Prädikat hängt – wie sollte es anders sein – am Geld. Aber nicht an der Menge, die ein Komponist selbst verdient, sondern an seinem Gema-Umsatz. Das ist der Anteil, der für die Verbreitung der von ihm komponierten oder getexteten Stücke an die Treuhänder-Gesellschaft bezahlt werden muss, und zwar von denen, die sie verbreiten – egal, ob die Musik live gespielt, im Radio oder Fernsehen gesendet, als Tonträger verkauft oder online gestreamt wird. Mindestens 30.000 Mark Gema-Umsatz innerhalb von fünf aufeinanderfolgenden Jahren – das war die Hürde, die Rudolf C. Krause im Jahr 1967 nahm, um „ordentliches“ Mitglied zu werden.

Zigaretten und warme Mahlzeit als erste Gagen

„Durch Live-Musik und ganz viel Fleiß bin ich dazu gekommen“, sagt Krause. An der ­renommierten Folkwangschule­ in Essen studiert er als junger Mann Violine, Posaune, Klavier, Harmonielehre und Orchesterleitung. „Bis 1949 war ich in der Schule, dann kam der erste Auftrag“, erinnert er sich.

Statt Geiger in einem Orchester zu werden, steht Rudolf C. Krause von da an auf der Bühne, in Clubs und Tanzlokalen, Hotels und Kurhäusern, immer dann, wenn andere Wochenende oder Feierabend haben und sich amüsieren wollen. Die ersten „Gagen“ sind Zigaretten amerikanischer Soldaten und eine warme Mahlzeit. Bald verdienen die Musiker auch bares Geld. Krause reist jahrelang quer durch die Republik, lebt aus dem Koffer, ab 1955 auch mit Ehefrau Waltraud, nach der Geburt seines Sohnes als „Pendler“ zwischen Auftritts- und Wohnort.

Neben den Auftritten komponiert Krause Tanz- und Unterhaltungsmusik, später auch ernste Musik und Chorliteratur. Schon als 24-Jähriger tritt Krause in die Gema ein, unterzeichnet den Vertrag zur Wahrnehmung seiner Urheberrechte durch die Gesellschaft. 15 Jahre später hat er es mit seinen Kompositionen und Bearbeitungen in die „Oberliga“ geschafft.

Ein halbes Jahrhundert ist seitdem vergangen. Sein „Harlem Boogie“, „Pretty Waltz“ oder „Valse Picnic“ wurden von Rundfunk-Orchestern fürs Radio aufgenommen, seine dreisätzige Suite „Reiseskizzen“ haben gleich mehrere Orchester für Ausstrahlungen eingespielt. Im Radio gehört hat der Komponist seine Werke aber schon lange nicht mehr. „Es sind ja Mono-Aufnahmen“, berichtet­ er, trotzdem gäbe es immer noch Programme, in denen ältere Aufnahmen, sogar welche aus den 40er-Jahren laufen.

Für mehr als 500 Werke fließt immer noch Geld

Beim WDR hat er deshalb auch mal angerufen, um zu fragen, ob sie nicht eines seiner Stücke in einem dieser Programme senden möchten, „eine Antwort hab ich noch nicht bekommen“.

Tantiemen von der Gema bekommt Rudolf C. Krause trotzdem noch – schließlich hat er mehr als 500 Werke aus seinen kreativen Jahrzehnten dort gemeldet. Zum Vergleich: Der Schlagerproduzent Ralph Siegel, der unter anderem für Udo Jürgens, Nena, Nicole und viele andere schrieb und es allein mit 25 Kompositionen zum Eurovision Song Contest, früher auch Grand Prix genannt, schaffte, hat gut 2000 Werke bei der Gema vermerken lassen.

Trotzdem: Die Summe der Kompositionen sagt wenig über die Verbreitung aus. Auf die Verbreitungszahlen kommt es aber bei der Gema an. Und darauf, dass der, der angibt, der Urheber zu sein, es auch ist, sprich dass ihm die Tantiemen – also die Ausschüttung der Nutzungsgebühren – auch zustehen. Was Ralph Siegel beispielsweise im Fall von „Ein bisschen Frieden“, einem der erfolgreichsten deutschen Schlager aller Zeiten und Song-Contest-Sieger 1982, vor Gericht gegen den Vorwurf durchsetzen musste, er habe von Julio Iglesias abgekupfert oder von der Winnetou-Film-Melodie.

Oder der Streit um die Tagesschau-Melodie: Seit 1956 legt sich das „Ta-ta, ta ta ta taa“ Abend für Abend über Deutschland – sechs Schlusstöne aus der „Hammond-Fantasie“ des 1971 verstorbenen Filmmusikers Hans Carste. Die wenigen Noten sind für die Hinterbliebenen Gold wert. Die Witwe wehrte sich lange vehement gegen eine Neufassung, die zu stark vom Original abweicht – wegen der Tantiemen.

Aber: „Über Auftritte ist es viel schwieriger geworden“, sagt Rudolf C. Krause. So, wie er früher gearbeitet habe, könne man heute kein Auskommen mehr haben. Live-Musik gebe es kaum noch. „Als ich anfing, hatten wir allein in Düsseldorf über 40 Tanzlokale“, sagt der 89-Jährige. Heute säßen die Leute vor dem Fernseher, im öffentlichen Raum komme die Musik vom Band. „Das Geld heute wird über Filmmusik, Werbe-
jingles oder Klingeltöne gemacht“, sagt der Musiker.

„Sogar ein Ave Maria 
wird heute gerockt“

Das bestätigt Schilcher: Jede Zeit habe ihre Trends, „in den 90er-Jahren war das zum Beispiel das CD-Geschäft“, sagt sie. Heute laufe Filmmusik „super gut“ – wenn etwa der Titel in einem Blockbuster weltweit gespielt werde. Auch das Fernsehen sei lukrativ. Tatsächlich kommt der Großteil der Vergütungen, die die Gema einnimmt, aus Senderechten, gefolgt von Aufführungsrechten. 2015 machten beide Bereiche zusammen rund die Hälfte der insgesamt 875 Millionen Euro Gema-Einnahmen aus. Weitere 17 Prozent resultierten aus Rechten an Tonträgern, fünf Prozent aus Online-Vergütungen, der Rest sind Inkassomandate 
und Vergütungen im Ausland.

Die Chöre, also das Geschäftsfeld des Niederdietener Musikverlags, ist laut der Gema-Sprecherin trotz alledem über die Jahre ein relativ konstanter ­
 Bereich. Allerdings ändere sich auch dort die Musik selbst – bei Aufführungen werden mehr Schlager gesungen, mehr englischsprachige Lieder, mehr „U“, also Unterhaltung, weniger „E“, sprich ernste Musik. „Sogar ein Ave Maria wird heute gerockt und dazu getanzt“, sagt Rudolf C. Krause dazu.

Trotz seiner 89 Lebensjahre, trotz 67 Jahren als Musiker und des halben Jahrhunderts als ordentlicher Gema-Komponist ist Rudolf C. Krause noch kein bisschen leise. Fürs Pressefoto setzt er sich ans Keyboard, die Finger fliegen über die Tasten. Dazu erklärt er gestenreich und voller Begeisterung, warum welcher Rhythmus mit welcher Tonfolge Sinn hat und Harmonie.

„Ohne Rock ist jede Wahl ein Flop“, findet Rudolf C. Krause, der politisch denkende Bürger, außerdem. Den Slogan will er der SPD-Spitze schreiben und sie daran erinnern. Und eine Kopie des SPD-Parteibuchs seiner Großmutter beilegen, datiert von 1919, „dem Jahr, in dem die Frauen zum ersten Mal überhaupt wählen durften“, erzählt er engagiert. Aber das ist eine andere Geschichte.

von Birgit Heimrich

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