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Hinterland 250 Gäste sind vollauf begeistert
Landkreis Hinterland 250 Gäste sind vollauf begeistert
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17:05 27.04.2018
Textsicher stimmte das aktive Publikum in die vorgeschlagenen Lieder ein. Quelle: Tobias Hirsch
Gladenbach

Es ist Mittwochabend, es ist Champions-League-Abend, und es ist der Abend des ersten Rudelsingens in Gladenbach. Beste Voraussetzungen also, um eine Rudelsing-Marke zu kippen: In der Regel ist das Mitsing-Potenzial geschlechterspezifisch so aufgeteilt: zwei Drittel Frauen, der Rest Männer.

Rund 240 Menschen sangen sich während des ersten Gladenbacher Rudelsingens die Seele aus dem Leib.

Diese „Hahn-im-Korb“-Situation manifestiert sich in Gladenbach, der Frauenanteil tendiert mindestens zur Dreiviertel-Grenze. „Für meinen Mann ist das nichts“, erklärt eine Frau ihren Soloauftritt. Bedeutet: Entweder singt er nicht einmal unter der Dusche oder schaut lieber, wie die Bayern gegen Real Madrid spielen.


Der hohe Frauenanteil stellt aber kein Problem dar. Im Gegenteil. Als Rudelsingprofi Jörg Siewert um 19.30 Uhr mit dem passenden Titel „Country 
roads“ den Liederabend starten lässt, stimmen die Frauen in das Lied aus ihrer Jugendzeit begeistert ein.

„Das ist Rudelsingen“, verdeutlicht der Leitwolf anschließend, stellt aber dann doch fest, dass „die deutliche Mehrheit“ erstmals bei einem Rudelsingen mitmacht. Sein anschließendes „das wird schwierig, da muss ich ein bisschen viel erklären“, ist nicht so ernst zu nehmen, denn zu erklären gibt es eigentlich nicht viel.

Text von der Leinwand ablesen

Mitsingen kann jeder, egal wie, die Lieder sind bekannt, die Texte ebenso, und wer sie nicht kennt, kann sie von einer Leinwand ablesen.

Steffen Walter gibt dazu am 
E-Piano den Ton an, Siewert moderiert die Titel an, indem er Geschichten dazu erzählt oder mit seinem trockenen Humor jemanden aus dem Publikum aufs Korn nimmt.

Beliebtestes Opfer an diesem Abend ein Vertreter der Minderheit, Bürgermeister Peter Kremer. Die erste Runde verläuft für ihn noch gut.

„Denkt bei der nächsten Wahl daran“, mahnt Siewert die rund 250 Sänger, nachdem er erklärte, wie der begeisterte Rudelsinger die baubedingte Pause in der Marburger Waggonhalle dazu nutzte, um die Veranstaltung ins Gladenbacher Haus des Gastes zu holen.

Nach weiteren Liedern wie „Let it be“, „Highway to Hell“ – allerdings teilweise in der Textversion von Herbert Knebel „Aufm Heimwech zu schnell“ – oder „Dancing Queen“ geht‘s mit „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ in die erste Pause.

Die Stimmung ist gut, es macht Spaß, obwohl „es etwas mehr Stimmungslieder sein könnten“, findet die Solo-Frau. Davon gibt es nach der Pause genug.

Hoffen auf noch mehr Teilnehmer im November

Erst im Wechsel die Insel- und Seelieder der „Ärzte“ und „Toten Hosen“ und dann „ein Lied, das wir überhaupt nicht leiden können, aber die meisten von euch finden es toll“, erklärt Siewert vor „Männer sind Schweine“ und bemerkt danach, dass der Bürgermeister hierbei nicht mehr herzhaft mitgesungen habe, während seine Frau … „Hast du gesehen, wie deine Frau das singt, da gibt es wohl Redebedarf“, unkt Siewert.

Mit „Mein kleiner grüner Kaktus“ oder Marc Fosters „Sowieso“ steigern die beiden allmählich die Ansprüche, so dass selbst geübte Chorsänger restlos überzeugt sind. Auf jeden Fall wiederkommen will eine Sängerin, selbst wenn es woanders stattfindet. Und eine der offenbar jüngsten Besucherinnen findet es gut, obwohl sie aus eigenem Antrieb „wohl eher nicht“ gekommen wäre.

„Das Publikum hat viel Spaß“, meint Siewert in der zweiten Pause, obwohl es noch nicht in Partystimmung sei – was aber auch nicht das Ziel des Rudelsingens ist. Die beiden Entertainer sind überrascht und „absolut zufrieden“, in Gladenbach eine ihrer größten Premieren zu erleben.

Das lässt sie auf noch mehr Teilnehmer beim nächsten Rudelsingen im November hoffen. Dann könne auch die künstliche Verkleinerung des großen Saals entfallen, der das „vom Sound auf alle Fälle hergibt“. Im letzten Teil ihres „Best-of-Programms“ kommt es dann doch fast zur Partystimmung.

Bei „I‘m sailing“ fehlen nur die Lichter der Feuerzeuge, und nach Ed Sheerans „Perfect“ hebt die Menge mit „99 Luftballons“ ab. Mit dem Hit des Kirschenmarkt-Zeltes „Er gehört zu mir“ gehen die Gladenbacher voll mit, und bei „Leev Marie“ lassen einige Mitglieder der Mehrheitsfraktion in den hinteren Reihen die Party steigen.

Damit die Rudelsänger nicht voll aufgedreht nach Hause müssen, gibt es als Zugabe noch Heinz Rühmanns „La-Le-Lu“. Etwas enttäuscht über das Ende, aber dennoch zufrieden mit einem tollen Abend verlassen sie das Haus des Gastes, ungefähr zu derselben Zeit, in der ein gewisser Asensio von Real Madrid in der Allianz-Arena das Licht ausknipst.

von Gianfranco Fain