Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland Polizei testet zivile Motorradstreifen
Landkreis Hinterland Polizei testet zivile Motorradstreifen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:20 09.09.2018
Thorsten Samsa und seine Kollegen fahren zivile BMW 1 200 GS, die mit Blaulicht, Martinshorn und GoPro-Kamera aufgerüstet sind. Quelle: Freya Altmüller
Anzeige
Gladenbach

Thorsten Samsa­ und Gregor Zylka fahren mit ­ihren Motorrädern Kolonne. ­Einen jungen Verkehrsteilnehmer haben sie in ihre Mitte genommen. Bis die Polizisten ihr Blaulicht einschalteten, hatte der Motorradfahrer sie nicht erkannt. Sonst wäre er vermutlich nicht über eine durchgezogene Mittellinie gefahren. So aber haben die Polizisten sein verkehrswidriges Verhalten per Video festgehalten.

Die drei biegen auf einen Parkplatz ein. Gregor Zylka klärt den jungen Mann über seinen Verstoß auf. Zwei Polizisten in einem ebenfalls zivilen Streifenwagen übernehmen. 30 Euro muss der Motorradfahrer zahlen.

53 Unfälle in 11 Jahren

„Wir können unerkannt mitfahren und Verkehrsverstöße dokumentieren“, erklärt Zylka die Vorzüge der neuen Motorräder. Die Polizei nennt sie Videokräder, kurz für Videokrafträder. Seit Juni werden sie in Hessen getestet, zwei davon sind in Cölbe stationiert. Zylka und sein Kollege Samsa sind zwei von drei Polizisten, die dafür ausgebildet sind, mit den Motorrädern zu fahren. Denn dafür bedarf es eines zusätzlichen Fahrsicherheitstrainings. „Auf gera­der Strecke Gas geben kann ­jeder“, sagt Samsa. „Aufholen können wir in den Kurven.“ Um dort schnell und trotzdem ­sicher fahren zu können, sind die Polizisten geschult. Aber dank der neuen Technik müssen sie Motorradfahrer bei Verstößen nicht mehr zwangsweise einholen. Die Kamera hält nicht nur den Verstoß, sondern auch das Nummernschild fest, sodass sich der Halter auch im Nachhinein problemlos ermitteln lässt.

Die Kamera schalten die Polizisten aus datenschutzrechtlichen Gründen während der Fahrt nur dann ein, wenn jemand durch gefährliches Fahren auffällt. 22 000 Euro kostet jedes der Motorräder. Zudem wurden die BMW 1 200 GS jeweils für 2 000 Euro aufgerüstet. Mit GoPro-Kamera, Martinshorn, Blaulicht und einer Anzeigetafel, die zum Folgen auffordert. Außerdem sind die Fahrer mit unauffälliger Motorrad-Bekleidung ausgestattet.

Dass sich jemand das Aussehen der Motorräder merken kann, hält Gregor Zylka für unwahrscheinlich. Wenn sie sich aber bei einer Kontrolle zu erkennen geben, dauert es nicht lange, bis die Szene aufgeschreckt ist. In Online-Foren und Sozialen Medien spricht sich die Nachricht schnell herum. „So produzieren wir schon Sicherheit“, sagt Samsa. Die Leute müssen Angst haben, dass sie erwischt werden.“ Dabei liege der Fokus besonders auf gravierende Verkehrsverstöße von Rasern. Ziel sei es, Unfälle zu vermeiden.

Die Polizisten wollen aber auch die Lärmbelastung für ­Anwohner verringern. Deshalb verfügen sich auch über die entsprechende Technik, um illegale Auspuffanlagen aufzuspüren. Mit einer sogenannten Endoskopkamera können sie überprüfen, ob Dämpfungseinrichtungen fehlen.

Noch bis Oktober läuft die Testphase, dann wird Bilanz gezogen. Bei den Kontrollen rund um die Zollbuche ist an dem Tag aufgrund des kühlen Wetters zwar nicht viel los.

Gemessen an den bisher schon erwischten Motorradfahrern sagt Samsa aber: „Unsere Erwartungen wurden schon jetzt deutlich übertroffen.“ Die Technik sei zuverlässig. Und auch bei anderen Verkehrsteilnehmern kann die Videoaufzeichnung eingesetzt werden. So hielten die Polizisten einen Autofahrer auf der ­Autobahn an, der über den Standstreifen überholte. Wenn das Martinshorn angeht, blickten er und sein Kollege häufig in schockierte Gesichter, erzählt Samsa.

Kein Applaus mehr in den Kurven

Die Straße an der Zollbuche, zwischen Gladenbach und Aartalsee gehört laut Polizei zu den Strecken in Mittelhessen, wo es besonders häufig zu Verkehrsunfällen kommt. Von 2006 bis 2017 waren es 53 Unfälle mit 60 Verletzten, an ­denen motorisierte Zweiräder beteiligt waren. Mehr als 70 Prozent dieser Unfälle passierten laut Polizei, weil zu schnell gefahren wurde. Um dem vorzubeugen, sind seit 2016 die Parkplätze auf der Strecke an der B 255 in den Sommermonaten gesperrt. „Um den Tourismus an den Applauskurven zu unterbinden“, sagt Thorsten Samsa, einer der Videokradfahrer. Dort hätte sich ­regelmäßig Publikum versammelt, das ­besonders schnellen Fahrern applaudierte.

von Freya Altmüller

Anzeige