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Anzeige auf „Platt“ sorgt für Erfolg

Offgebasst Anzeige auf „Platt“ sorgt für Erfolg

Eine ungewöhnliche Idee hatte Gert Kautetzky für die Suche nach Berufskraftfahrern: Er schaltete eine Stellenanzeige auf „Platt“, die auf Facebook zum Hit wurde und der Spedition auch drei neue Fahrer brachte.

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Gert Kautetzky am Steuer eines Lastwagens: Er, sein Bruder und sein Sohn fahren selbst noch bei Engpässen – mit der rechts stehenden Anzeige suchten sie neue Fahrer.

Quelle: Andreas Schmidt

Stadtallendorf. Es war ein Hingucker im Stellenmarkt, der jeden Samstag in der Oberhessischen Presse veröffentlicht wird: „LKW Fohrer/in OFFGEBASST!!!“ war die Anzeige­ übertitelt, mit der die Stadtallendorfer Spedition Kautetzky neue Kraftfahrer suchte. Was Gert Kautetzky und sein Bruder Werner nicht ahnten: Die Annonce wurde auch auf Facebook ein Hit. Hunderte Leute teilten die Anzeige auf „Platt“, sie verteilte sich rasant im Netz.

Doch warum kein Hochdeutsch? Denn die beworbenen Leistungen – gutes Betriebsklima, bessere Bezahlung, Leistungszuschläge und Prämien, Spesen, mehr Urlaub und Urlaubsgeld sowie Betriebsrente – sollten doch eigentlich für sich sprechen. „Wir wollten mal etwas anderes machen, damit man über die Anzeige spricht“, sagt Gert Kautetzky. Denn es gebe eine enorm hohe Nachfrage nach Kraftfahrern, der Markt sei recht leergefegt.

Anzeige sollte Menschen aus der Region ansprechen

Früher habe die Region noch von der Ausbildung bei der Bundeswehr profitieren können, „von dort kamen viele Quereinsteiger, die beim Bund den Führerschein gemacht haben“, so Kautetzky. Er weiß: Ein Lkw-Führerschein kostet viel Geld, „das wollen viele nicht investieren“. Zwar würde die Agentur für Arbeit durchaus Umschulungen bezahlen, „aber der Bedarf ist noch viel höher“. In der Spedition bilde man auch selbst aus, das Risiko sei aber immer vorhanden, dass die Fahrer sich nach der Ausbildung beruflich veränderten.

Mit der Anzeige habe das ­Unternehmen gezielt Menschen aus der Region ansprechen wollen, „die meisten, die die OP ­lesen, können noch Platt – also­ haben wir es versucht“, sagt er lachend. Mit Erfolg: Sechs Bewerber gab es, zwei Männer und eine Frau hat das Unternehmen eingestellt. „Es hat sogar eine 80-Jährige angerufen, die sagte, dass sie zwar keinen Lkw-Führerschein habe. Aber die Anzeige, die habe sie sehr gefreut.“

Wichtig sei es, Fahrer aus der Region zu haben, denn: „Wenn jemand erst ein oder zwei Stunden Anfahrt hat und dann den ganzen Tag mit dem Lkw unterwegs ist, hat er keine Freizeit mehr – das wollen wir niemandem zumuten.“ Die rund 50 Lastwagen der Firma mit ihren 65 Fahrern seien mit allen Sicherheitssystemen und Annehmlichkeiten wie Komfortausstattung ausgerüstet, damit die Fahrer es angenehm und sicher haben.

Wenig Trucker-Romantik, viel Papierkram

Auch technisch sind die Lkw auf dem aktuellen Stand, „ich kann mittels GPS sofort sehen, wo welcher Wagen ist“, sagt Kautetzky. Doch dabei gehe es ihm nicht um die Überwachung der Fahrer, sondern um die ­Sicherheit sowie die Einhaltung der Lenk- und Ruhezeiten.

Kautetzky, der selbst immer noch ab und zu am Steuer sitzt – wie auch sein Bruder – will nicht die totale Überwachung. „Unsere Fahrer haben ihre Termine, die sie einhalten sollen – ansonsten haben sie ihre Freiheit. Denn Fahrer zu pflegen ist für uns ganz wichtig.“

Dass der ­Beruf des Kraftfahrers mit der Romantik von früher nicht mehr viel zu tun hat, ist ihm bewusst. „Die Fahrer haben viel Dokumentation zu erledigen. Gut 90 Prozent unserer Ladung sind temperierte Waren, da muss alles eingestellt und auch lückenlos dokumentiert werden.“ Und wenn es um Anlieferungen am Flughafen geht, „dann benötigt der Fahrer auch noch eine Zuverlässigkeitsbescheinigung – das ist fast wie ein polizeiliches Führungszeugnis“.

Zukunft der Branche liegt wohl im autonomen Fahren

Woher kommt der extrem hohe Bedarf nach Fahrern? „Jeder, der online etwas bestellt, möchte es am liebsten am nächsten Tag in der Hand halten“, sagt Kautetzky. Und all diese Waren wollen befördert werden – von den jeweiligen Lagern zu den Umschlag-Hubs der Logistiker.

Der Konkurrenz- und Kostendruck ist in der Branche enorm groß. Vor allem aus Osteuropa drängen extrem günstige Unternehmen auf den Markt. An diesen Entwicklungen möchte sich das Stadtallendorfer Unternehmen nicht beteiligen, „unsere­ Fahrer sollen gut verdienen, denn sie sind unser wichtigstes Gut“. Dem Kostendruck setze man Expertise und Zuverlässigkeit entgegen.

Doch wie sieht die Zukunft der Branche aus? „Die wird im autonomen Fahren liegen“, ist sich Kautetzky sicher. Es gebe bereits Testfahrten, die erfolgreich gelaufen seien. So könnten ­autonome Lastwagen auf den Auto­bahnen unterwegs sein – die ­lokalen Speditionen würden die Auflieger dann „etwa in Homberg übernehmen und die ­regionale Auslieferung vornehmen“. Der Vorteil: Das Personal sei dadurch nicht so lange gebunden, sei flexibler einsetzbar. Eins ist für den Stadtallendorfer Unternehmer klar: „Das Aufkommen an Waren wird nicht weniger.“

von Andreas Schmidt

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