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Ofenplatten sind Kostbarkeiten

OP-Serie: Formenbau Ofenplatten sind Kostbarkeiten

Das Hinterlandmuseum in Biedenkopf hat wertvolle Schätze zu bieten: Kunstvolle Ofenplatten sind dort ausgestellt.

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Das Hinterlandmuseum beherbergt Kostbarkeiten wie die Ofenplatte mit Wappen von Wilhelm VI., Landgraf zu Hessen (links) und die Ofenplatte „Allegorie der Erlösung“. Fotos: Burger (2), Cyriax (1)

Biedenkopf. Das Hinterlandmuseum im Schloss Biedenkopf verfügt über eine dekorative Sammlung mit Ofenplatten des 16. und 17. Jahrhunderts. Viele befinden sich im Magazin, aber einige der in Eisen gegossenen Ofenplatten sind in einer Dauerausstellung zu sehen.

Die Motive dieser Ofenplatten kennzeichnen die Kunst der „Formenschneider“ über Herrschaftsmerkmale der jeweiligen Landesherren sowie über biblische Geschehnisse. Wappen und Hoheitszeichen waren zunächst dem hohen Adel, die Bibelbilder dem hohen Klerus vorbehalten. Die ersten Eisenöfen waren noch echte Kostbarkeiten.

Mit Erfahrung und wachsendem Technikverständnis zur Schmelzung großer Mengen an flüssigem Roheisen wurden die Öfen kostengünstiger und die Motive, die ihre Platten schmückten, auch profaner. Genrebilder und Ornamente standen für Darstellungen auf den in Holz geschnittenen Modeln. Einige dieser schönen Ofenplatten im Hinterlandmuseum werden nachfolgend vorgestellt. Sie offenbaren auch einige Besonderheiten.

Landgrafen-Wappen

Das Wappen mit fünf Helmzierden und dem hessischen Löwen im Herzfeld ist als Stirnplatte eines ehemaligen Kastenofens geschnitten worden. Das Schriftband unter dem Wappen „W 6 L Z H“ - bedeutet: Wilhelm 6 Landgraf zu Hessen. Dementprechend repräsentieren die Wappenfelder neben dem hessischen Löwen im Herzfeld: Hersfeld, Ziegenhain, Katzenelnbogen, Dietz, Nidda und Schaumburg.

Das Schriftband ist, wie Spuren von Nagelköpfen zeigen, auf die Modelplatte aufgenagelt. So konnte das Wappen mit den Initialen des Landesherren aktualisiert und für viele Generationen abgegossen werden. Die Formenschneider hatten immer gute Ideen.Auch die Jahreszahl des Gussdatums konnte variabel gestaltet werden. Es wurde über einzelne Zahlenmodeln nach Bedarf in den Formsand eingedrückt. Hier ist die Jahreszahl 1690 zu lesen. Dabei ist dem Former allerdings ein Fehler unterlaufen, da er die „6“ umgedreht als „9“ in den Sand gedrückt hat. Landgraf Wilhelm VI. hat nur bis 1663 regiert. Das kleine Nebenwappen zeigt eine korrekt abgeformte Ofenplatte mit dem Gussdatum 1660.

Allegorie der Erlösung

Diese „biblische“ Ofenplatte im Hinterlandmuseum verkörpert die Allegorie der Erlösung. Sie wurde 1617 in einer hessischen Hütte gegossen. Erlösungsallegorien waren bei den Formenschneidern und deren Auftraggebern ein beliebtes Motiv. Man lebte im 16. und 17. Jahrhundert in einer Zeit der apokalyptischen Erwartung des Jüngsten Gerichts. Die Erlösung und der Einzug ins Paradies waren Hoffnungsträger in einem beschwerlichen Lebensalltag - von kleinen Freuden in Badehäusern abgesehen. Im Mittelpunkt dieser Ofenplatte steht der Opfertod Christi am Kreuz, Zeichen der Erlösung nach dem Neuen Testament. Die „Eherne Schlange“ in der rechten Szene verkörpert die Erlösung der Juden durch Moses im Alten Testament.Nachzulesen im 4. Buch Mose - Numeri -.

Die Opferung seines Sohnes Isaak durch Abraham (linke Szene) wird von einem Engel, der das Schwert festhält, verhindert. Dieses Geschehnis soll den unbedingten Glauben an Gott symbolisieren.

Die gemeinsame Bezugnahme von alt- und neutestamentarischen Gegebenheiten hatte in der Reformationszeit einen systemischen Charakter,typologische Auslegung genannt. Man ging davon aus, dass das Neue Testament im Alten Testament bereits an vielen Ereignissen vorgezeichnet war.

Es bedarf der Erwähnung, dass diese kunstvollen biblischen Ofenplatten - ars sacra in ferro - nur möglich waren, da Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg (1400 bis 1468), den Buchdruck erfunden und Martin Luther (1483 bis 1546) die Bibel in die deutsche Muttersprache übersetzt hat. So erlangten die Formenschneider Kenntnis der biblischen Geschehnisse und haben sie kunst-voll umgesetzt.

„Technische Zeichner“

Für die Erstellung eines Models ist eine technische Zeichnung des Produkts erforderlich. Die Formenschneider konnten damals, neben dem eigenen Wissen, auf Zeichnungen zurückgreifen, die von vielen Künstlern gemalt oder in Kupfer gestochen worden sind. Vorlagen von Dürer, Lucas Cranach, Aldegrever und anderen wurden genutzt. Das würde man heute als „Abkupfern“ bezeichnen undin einem Urheber-Rechtsstreit verbieten lassen. In der Reformationszeit war das aber erwünscht, um das Wort Gottes möglichst schnell und vielfach zu verbreiten.

Als Beispiel kann auf einen Kupferstich von Mattheus Merian - Die Hochzeit zu Kana - hingewiesen werden.

Nach diesem Stich wurde das Holzmodel für eine Ofenplatte geschnitten, die 1709 im Lahngebiet gegossen worden ist. Man bezeichnet sie auch als Wunder-platte, da sie die Umwandlung von Wasser zu Wein durch Jesus wiedergibt (Johannes 2, 1-12).

Die Wunderplatten

Neben dem Weinwunder war auch das „Ölwunder des Elisäus“ aus dem Alten Testament ein beliebtes Motiv der Formenschneider (2 Könige 4, 1-7). Die Menschen wollten aus diesen Wundern vermutlich Kraft für die eigenen, schwierigen Lebensbelange schöpfen.

In der Dauerausstellung im Hinterlandmuseum befindet sich eine Ofenplatte mit diesem Ölwunder. Viele im 19. Jahrhundert von Not und Armut geplagte deutsche Auswanderer haben diese Wunderplatten in die „Neue Welt“ trotz beschwerlicher Reise mitgenommen, vermutlich in der Hoffnung auf eine wunderbare Zukunft.

In Biedenkopf gab es sogar einen „concessionirten Agenten“, der seine Hilfe bei der Reise nach Baltimore angeboten hatte.

Die Eiserne Bibel

In Amerika ist für diese Ofenplatte später der Begriff „The Bible in Iron“ geprägt worden. Diese wurde in Deutschland als „Die Eiserne Bibel“ übernommen. Es gibt kaum eine Szene aus dem Alten und Neuen Testament, die zur Reformations-zeit nicht von den Formenschneidern in Holz geschnitten und in Eisen abgegossen worden ist. Als herausragender Künstler seiner Zeit ist Meister Philipp Soldan (1500-1570) aus Frankenberg zu nennen. Er und seine Schüler - Soldan betrieb in Frankenberg eine Schule für Formenschneider - haben den Grundstein zu diesem einmaligen Kulturgut gelegt, worauf in einer späteren Folge noch näher eingegangen wird.

Quellen: Claudia Röhl, Gerald Bamberger: Eisen in eine Form gegossen. Hinterländer Geschichtsblätter, 90. Jg., 04.12.2011,; Wolfgang Herskamp: Die Eiserne Bibel, Aachen 2007; Georg Agricola: „DE RE METALLICA, Basel 1556.

von Professor Helmut Burger

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