Volltextsuche über das Angebot:

28 ° / 14 ° Gewitter

Navigation:
Farbenvielfalt nach Rezept

OP-Ausbildungsserie (Teil 7) Farbenvielfalt nach Rezept

Ohne Produktveredler wäre die Welt weit weniger bunt. Doch der Beruf ist in der Region noch weitgehend unbekannt.

Voriger Artikel
Hühner campen nun auch im Hinterland
Nächster Artikel
Ikke Hüftgold bringt Publikum zum Toben

Ganz genau kontrolliert Michele Sanna die frisch gefärbte silbergraue Wolle auf ihrem Weg zum  Mega-Trockner.

Quelle: Ina Tannert

Stadtallendorf. Es riecht nach frischer Farbe, nasser Wolle und hie und da nach Chemikalien. Leuchtend bunte Wollstränge fahren durch die mollig warme Produktionshalle. Allerorts rumoren riesige Maschinen. Hier trifft Textil auf Farbe aller Art.

Der Ort des Geschehens ist die Richter Färberei- und Ausrüstungs GmbH (Rifa) in Stadtallendorf. Die einzige Färberei in der Region. Dass bei der gesamten Produktion alles nach Plan verläuft, dafür sorgen Produktveredler. Dieser Beruf mit dreijähriger Ausbildung findet sich in vielen textilen Bereichen, in Färbereien, Druckereien oder in der Beschichtung.

Produktveredler bereiten jeden Färbevorgang vor, erstellen den gewünschten Farbton, testen und optimieren die Rezepte und kontrollieren die Veredelungsprozesse.

Spezifisches Wissen über die Materialien nötig

Sie kennen jede Maschine in der Halle ebenso wie das verwendete Material. Der Hauptrohstoff ist vorbehandelte Schafswolle. Etwa neun Tonnen davon landen täglich in der Produktion. Daneben färbt Rifa Seide oder Acrylmischungen. Jedes Material reagiert dabei anders auf die Färbemittel, Zusätze und Trockenverfahren, benötigt ganz eigene Produktionsschritte.

„Man braucht sehr spezifisches Wissen über die Materialien“, erklärt Betriebsleiter 
Reiner Hühnlein. Vor jedem 
Färbegang steht die Zusammenstellung der Chemikalien, Beschichtungsmassen oder Appreturmittel und vor allem das korrekte Mischverhältnis der vom Kunden gewünschten Farbe.

Die wird haarklein mit einem „Rezeptrechner“ am Computer erstellt. Die Software errechnet die genauen Anteile der einzelnen Grundfarben. Der Farbenvielfalt sind dabei kaum Grenzen gesetzt, „es sind unendlich viele Farben möglich“, sagt Hühnlein. Vom Standard bis zu besonders originellen Kreationen, je nach Trend.

Produkte für die Mode oder für Flugzeugsitze

Nach einem letzten Farbtest im Labor kann die Produktion beginnen. Tonnenweise landet die noch weiße Wolle in der Färbeabteilung, genauer gesagt in großen, in den Boden eingelassenen Kesseln. Die arbeiten „wie große Schnellkochtöpfe“, scherzt Hühnlein. Und es stimmt, unter Hochdruck wird der Rohstoff, je nach Material, bei bis zu 130 Grad Celsius für vier bis acht Stunden im kreisenden Färbewasser eingeschlossen.

Das fertige Material geht in alle Welt und landet schlussendlich in Flugzeug- und Autositzen oder in der Modebranche, vom Strumpf bis zum Herrenanzug. Veredelt werden die verschiedenen Rohstoffe lange zuvor und je nach Anforderungsprofil mit verschiedenen Zusätzen. Die Fachleute müssen dafür sorgen, dass die Echtheitskriterien, die gewünschte Licht-, Wasser- und Waschechtheit beim späteren Endprodukt immer gegeben ist.

Aus dem Färbebottich wandert die frisch gefärbte Masse in die riesige Waschmaschine und wird erneut mit Pflegemitteln behandelt. Per Hand wird die Wolle in dicken Seilen an Förderbänder gehängt.

Bereit für Spinnereien

Das übernimmt Michele Sanna, einer der 115 Rifa-Mitarbeiter. Der Produktionshelfer wird gerade angelernt. Er achtet genau auf die korrekte Anordnung der noch feuchten Stränge, die schließlich im Luft- oder Hochfrequenztrockner landen. Zwischendurch checkt er die nächste Fuhre oder geht den Kollegen in der Waschabteilung zur Hand. „Man ist einfach überall, die Arbeit ist abwechslungsreich“, lobt der 23-Jährige.

Die trockenen Stoffe leitet er über verschiedene Walzen und „Kämme“ weiter, die Fasern werden schließlich ordentlich getrennt und wieder vermischt, um Farbunterschiede auszugleichen. In Ballen gepresst landet die fertige Ware im Lager und ist bereit für Spinnereien auf der ganzen Welt.

Durch sämtliche Stationen hindurch begleiten Produktveredler die wertvolle Ware. Sie bringen zusammen, was zusammen gehört, richten die Maschinen ein und prüfen jeden Produktionsschritt. Wer bei der Arbeit gerne stundenlang sitzen möchte, ist hier fehl am Platz. „Man ist im Prinzip acht Stunden in Bewegung“, erklärt Hühnlein.

Rifa ist die einzige 
Färberei in der Region

So unverzichtbar Färbereien 
für die Textilindustrie sind, so wenig kann die Produktion auf ausgebildete Produktveredler verzichten. Dennoch gibt es kaum Nachwuchs.

Ein Grund ist der geringe Bekanntheitsgrad dieses Berufs, „nur wenige wissen, was wir eigentlich genau machen“, schätzt Hühnlein. Durch starken Konkurrenzdruck aus dem Ausland wanderten in den vergangenen Jahrzehnten zudem immer mehr Betriebe ab. In der Region ist Rifa die einzige Färberei.

Eine Ausbildung zum Produktveredler findet blockweise statt und ist für reisefreudige Azubis geeignet. Denn die einzige Schule im Land steht im bayerischen Münchberg. Neben der Praxis beschäftigt sich der Nachwuchs mit naturwissenschaftlichen und technischen Fächern, zudem werden speziell Farbenlehre, Maschinen- und Warenkunde sowie textilphysikalische Kenntnisse vermittelt.

Gut ausgebildete Fachleute sind im In- und Ausland heiß begehrt. Bei Rifa stehen noch bis zu vier Ausbildungsstellen zum Produktveredler zur Verfügung.

von Ina Tannert

 Top 10 freie Ausbildungsstellen
Einzelhandelskaufmann (52)
Friseur (38)
Bäckereifachverkäufer (29)
Altenpfleger (17)
Maler und Lackierer (13)
Bankkaufmann (7)
Elektroniker – Energie- und Gebäudetechnik (7)
Fachkraft – Lagerlogistik (6)
Berufskraftfahrer (3)
Werkzeugmechaniker (2)
(Quelle: Agentur für Arbeit. Stand: 29. Juni)
Mehr zur Ausbildungsserie lesen Sie hier.
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
OP-Ausbildungsserie (Teil 6)
Sicheres Auftreten, Menschenkenntnis und ein strahlendes Lächeln – das macht den professionellen Kellner aus, berichtet Azubi Sascha Heß. Foto: Ina Tannert

„Gegessen wird von 
außen nach innen“ – so 
lauten die Besteckregeln. In gewisser Weise trifft das auch auf einen professionellen Kellner zu.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr