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Hinterland Neun Jahre Terror und kein Ende
Landkreis Hinterland Neun Jahre Terror und kein Ende
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19:24 13.12.2013
Konfetti auf dem Gehweg. Der bekannte Kinderstreich ist nur ein Bruchstück einer ganzen Reihe von „bösen Spielchen“, die ein Holzhäuser bereits seit neun Jahren ertragen muss. Quelle: Dennis Siepmann
Holzhausen

Er steht abends dicht am Fenster, etwas versteckt hinter dem Vorhang  und blickt auf die Straße vor seinem Haus. Unter dem Licht der Laternen wandern Schatten über den Hof – es sind vorbeifahrende Autos, hin und wieder Spaziergänger oder auch mal eine Katze auf Beutezug.
Sein Blick bleibt starr und konzentriert. „War da nicht was?“ So schnell es eben noch geht, verlässt er seinen Platz am Fenster, öffnet die Haustür und tritt ins Freie. Draußen ist niemand zu sehen. Alles ruhig. Langsam geht er zurück, die Treppe hin­auf, dreht sich noch einmal um  und überlegt: „War da nicht doch was?“

Mit einem Haufen Mist fing es an

Alles begann im Herbst 2004. Damals war es Pferdemist, der auf dem Hof des heute 75-Jährigen abgeladen wurde. Ein dummer Jungenstreich, dachte der Rentner. In den folgenden Wochen und Monaten mehrten sich die sonderbaren Vorfälle, bei denen sein Grundstück  zum Ziel von Schmutzattacken wurde. Dass der Vandalismus ihm persönliche gelte, erschien dem Holzhäuser zunächst abwegig. Aber spätestens als sich ähnliche Vorfälle an einem ebenfalls in seinem Besitz befindlichen Haus abspielten, kam der 75-Jährige ins Grübeln. „Habe ich Feinde? Wer könnte etwas gegen mich haben?“.

Der Holzhäuser fing an, die Vorfälle zu dokumentieren. Neun Jahreskalender, voll von roten Markierungen, liegen auf seinem Wohnzimmertisch in der Hinterlandstraße. Stichworte stehen darin: „Steine abgeladen“, „Metallspäne auf der Straße verteilt“ oder auch „Abfall auf Hof verteilt“. Insgesamt sind es 68 Eintragungen. 68 Tage voll Wut, Unverständnis und Beklemmung. Eine psychische Belastung, die über die Jahre ihre Spuren hinterlassen hat. Ein Arzt stellte bereits 2010 Herzrhythmusstörungen fest. Weiter vermerkt sind Durchschlafstörungen und Unruhezustände.
Der Gesundheitszustand habe sich seither weiter verschlechtert, sagt der Rentner. Der mentale Stress steigt mit jeder weiteren Tat. „Sie können sich ja gar nicht vorstellen, wie viele Nächte ich geopfert habe – da reichen keine 100“, sagt der Rentner. In der festen und lauten Stimme klingt auch Verzweiflung durch.

Verfolgungsjagd durch Gärten und über Grundstücke

Nein, zerstört wurde nie etwas, sagt er. Aber darum gehe es ja auch nicht. „Das ist doch kein Kavaliersdelikt mehr“. Ebenso sieht es die Polizei, die häufig Ort war. Unzählige Beweisfotos wurden geknipst, jedes Mal aufs Neue die Aussagen aufgenommen und ein Bericht geschrieben. Dass die Polizei den Fall lösen wird, glaubt der 75-Jährige schon lange nicht mehr. „Ein schwieriger Fall“, sagt ein Sprecher der Polizeistation in Biedenkopf. Man nehme die Vorfälle ernst, sei aber weiterhin auf die Mithilfe der Holzhäuser Bürger angewiesen. 

Mit vielen Ordnungshütern duzt sich der 75-Jährige. Doch helfen können sie nur, wenn sie den oder die Täter auf frischer Tat ertappen. Einmal wäre es fast soweit gewesen. Das war im Februar 2012. Ein Mieter aus einem Haus in der Talstraße, das dem Rentner noch bis vor kurzem gehörte, bemerkte einen dunkel gekleideten Mann, der gerade dabei war, etwas auf dem Grundstück zu verteilen.Die herbeigerufenen Mieter des Hauses und Nachbarn verfolgten den Unbekannten mit Taschenlampen über Hecken und Grünflächen. Der Flüchtende entkam – jedoch nicht ohne die mahnenden Worte seiner Verfolger. „Danach war erst mal Ruhe“, sagt der Rentner.

Stalking bleibt schwammiger Begriff

Bis zum 11. Oktober dieses Jahres. Freitagabend – ein Tag wie jeder andere. Als der alte Mann seine Haustür öffnet, ist plötzlich wieder alles da: der  Ärger und die Niedergeschlagenheit. Ungläubig blickt er auf den Hof, der komplett mit Konfetti-Schnipseln überzogen ist. Zwei weitere Taten folgten, bei denen der Unbekannte in einem Fall Schreddergut und im anderen Rindenmulch auf der Straße vor dem Haus des 75-Jährigen verteilte.

Bleibt die Frage nach dem Warum? Schließlich gehört ein langer Atem dazu, jemanden über neun Jahre hinweg zu schikanieren. „Ich habe einen Verdacht, wer es sein könnte“, sagt der Rentner. Mehr will er dazu nicht sagen. Einzeln betrachtet mögen die Taten nicht schwer wiegen. In der Summe führen sie jedoch zu einem depressiven Zustand. Für solche Fälle gibt es den Paragrafen 238 im Strafgesetzbuch: Nachstellung – oder auf Neudeutsch „Stalking“, erklärt Annemarie Wied, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Marburg.
Der Begriff Stalking  ist aber  auch im Fall des Holzhäusers eher schwierig zu fassen. Denn – so steht es im Gesetzestext  – dazu muss es sich um einen beharrlichen Akt handeln, der die Lebensgestaltung des Opfers schwerwiegend beeinträchtigt. Begriffe wie „beharrlich“ oder „schwerwiegend“ sind eben schlecht messbar.

Für den Rentner bleibt die Situation hingegen eindeutig: Er will seinen Peiniger vor Gericht sehen. Er will Schmerzensgeld im fünfstelligen Bereich und die Kosten für das Beseitigen des Unrats sollen ihm erstattet werden. Der Täter soll die Prozesskosten auferlegt bekommen. Die Staatsanwaltschaft ist eingeschaltet, sein Rechtsanwalt steht bereit.
Er will Genugtuung, sagt der alte Mann: „Und wenn es das Letzte ist, was ich in meinem Leben tue.“

von Dennis Siepmann